Zollikon Zumikon

Im Reich der Zürichsee-Tiefe

Abenteuer unter Wasser: Auf Tauchgang im kalten Zürichsee. (Bild: zvg)

 

Für die meisten ist er Bade-Oase und Naherholung zugleich: der uns Goldküstenbewohnern zu Füssen liegende Zürichsee, an dem wir gerne entlangspazieren, auf dem wir eine Ausfahrt geniessen, in dem wir uns erholen oder auch mal sportlich betätigen. Abtauchen in den Zürichsee, das machen viele von uns gerne – die meisten allerdings bei sommerlich warmen Temperaturen, strahlendem Sonnenschein und nur so tief, wie ein Sprung ins angenehme Nass reicht. Wie aber präsentiert sich die Unterwasserwelt des Zürichsee in einer Tiefe von 16 Meter und bei fünf Grad Wassertemperatur? Unser Redaktor hat es ausprobiert – von seinen nächsten Sommerferien im türkisblauen Meer träumend, fand er sich bald als dick eingepackter Hafentaucher wieder.

Als Vorbereitung für meine Tauchferien diesen Sommer bemühte ich mich Anfang des Jahres um die Erlangung eines Tauchzertifikats, des sogenannten «Open Water Diver», der meine Fähigkeit, bis auf eine Tiefe von 18 Metern zu tauchen, bescheinigt. Auf der Zürcher Seite der Zollikerstrasse fand ich mit der Tauchschule Poseidon einen Partner, der mich in die Welt des Sporttauchens mitnahm.

Schnell wurde mir klar, dass ich meine Trainingstauchgänge im noch kalten Zürichsee absolvieren würde. Dafür wiederum war ein Trockentauchanzug nötig. Zwischen dessen Innen- und Aussenhülle lässt sich Luft von der auf dem Rücken getragenen Tauchflasche leiten, die dort der Isolation dient. In Theorie und Praxis lernte ich den sicheren Umgang mit dem Trockentauchanzug und der restlichen Ausrüstung. Nach einer Übungseinheit im Pool stand Anfang Februar mein erster Tauchgang in einem natürlichen Gewässer an.

Ein Michelin-Männchen taucht ab

An einem sonnigen Samstagmorgen bei einer Wassertemperatur von 5 Grad Celsius finde ich mich beim Trainingstauchplatz neben dem Kibag Betonwerk beim Tiefenbrunnen ein, um herauszufinden, wie gut Trockentauchanzüge wirklich vor Kälte schützen. Meine Ausrüstung und ich sind bereit. Mit zwei Paar Skisocken übereinander getragen, langer Unterwäsche, einem gefütterten Overall, dem Trockentauchanzug, der engen Haube und den dicken Handschuhen fühle ich mich ein wenig wie das Michelin-Männchen. Meine Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt und die Unterseite der Kopfhaube liegt eng an meinem Hals an. Schliesslich soll da kein Tropfen Wasser durchkommen. Augenblicklich wird mir warm.

Mein Tauchlehrer hilft mir, das mit der Druckluftflasche verbundene Tauchjackett anzuziehen. Wie der Trockentauchanzug lässt sich auch das Jackett mit Luft aus der Tauchflasche füllen; es gehört zur Grundausrüstung jedes Tauchers. Mit der 20 Kilogramm schweren Flasche auf dem Rücken bin ich in meiner Bewegung noch eingeschränkter und für einen kurzen Moment wundere ich mich, dass jemand dieses Outfit freiwillig trägt. Mittlerweile ist mir so warm, dass ich mich regelrecht freue, gleich in den kalten See zu steigen.

Mit meinen Tauchflossen in der Hand schleppe ich mich zur Treppe, die ins Wasser führt. Ich ziehe die Tauchflossen an. Bevor ich komplett ins kühle Nass steige, fülle ich mein Tauchjackett mit Luft. Das ist deshalb nötig, weil ich im Jackett 12 Kilogramm Blei mittrage. Ohne Luft im Jackett laufe ich Gefahr, beim Eintauchen ins Wasser gleich bis auf den Seegrund durchzusacken. Sofort merke ich, dass die Handschuhe nicht vor Kälte schützen und auch im Gesicht spüre ich das kalte Wasser. Mit dem Eintauchen in den See ist die Schwerkraft ausgehebelt. Mit ausgestrecktem Arm greife ich nach meinem Atemregler und mache einige Atemstösse. Wäre ich in einem U-Boot, käme jetzt die Meldung: «Bereit zum Tauchen».

Auf dem Grund

Gemeinsam mit meinem Tauchlehrer Lawrence und einer weiteren Tauchschülerin nähere ich mich an der Wasseroberfläche der nächsten Boje, von der aus eine Kette kerzengerade bis zum Grund verläuft. Wir werden angewiesen, uns beim Abtauchen an der Kette festzuhalten. Sie dient uns als Orientierungshilfe. Die Sicht im Zürichsee beträgt gerade einmal 1,5 Meter. Per Knopfdruck lasse ich Luft aus dem Jackett entweichen und tauche langsam ab. Schon nach einem Meter spüre ich in meinen Ohren den zunehmenden Druck. Zum Ausgleich presse ich fortan bei zugehaltener Nase Atemluft aus.

Gemeinsam tauchen wir auf eine Tiefe von etwa 6 Metern zum Bojenstein. Unter Wasser sehe ich die massiven Ketten zur Befestigung des Schiffstegs. Mir tut sich eine karge und durch bauliche Eingriffe veränderte Unterwasserwelt auf. Der Seegrund aus Sand und Muschelfragmenten wirbelt auf und nimmt noch mehr Sicht. Langsam folge ich meinem Tauchlehrer dem Grund entlang. Zu meiner Linken erscheint eine grosse Pipeline, die Seewasser fürs Betonwerk saugt. Vorsichtig tauche ich unter ihr hindurch. Mit zunehmendem Tiefendruck presst sich mein Trockenanzug mehr und mehr an meinen Körper.

Mit dem immer enger anliegenden Anzug spüre ich zunehmend die Kälte. Ich drücke aufs Ventil, um Druckluft in den Anzug zu pressen. Sogleich umhüllt Luft meinen Körper. Die Menge an einzulassender Luft ist so zu wählen, dass ich nicht ungewollt aufsteige oder absinke, sondern auf konstanter Tiefe verharre, sogenannt tariert bleibe.

Wrack als Köderfänger

Wir drei Taucher kontrollieren gegenseitig, dass es allen gut geht und setzen unseren Trainingstauchgang auf 16 Metern Tiefe fort. Einige Meter weiter wird ein gesunkenes Holzboot sichtbar. Die Fischer, die vom Steg aus ihre Angeln auswerfen, haben mit dem kleinen Wrack offenbar ihre Mühe, hängen daran doch etliche verlorene Angelköder aus Silikon. Von dem in meiner Ausrüstung enthaltenen Finimeter lese ich ab, wieviel Atemluft verbleibt und in welcher Tiefe wir uns befinden. Obwohl noch ausreichend Restluft vorhanden ist, signalisiert uns Lawrence, dass wir zum Bojenstein zurückkehren. Während wir dem Seegrund entlangtauchen, verringert sich die Tauchtiefe, was sich mit einem Blubbern in den Ohren bemerkbar macht. Eine wichtige Regel im Tauchen besagt, dass der Aufstieg nicht schneller als 18 Meter pro Minute erfolgen darf. Wir halten uns an die Zeit. Wieder am Bojenstein angekommen füllen wir per Knopfdruck unsere Tauchjacketts mit Luft und erhalten den benötigten Auftrieb, bis wir wieder sicher und wohlbehalten auftauchen.

Nach dem Ausstieg merke ich, dass ich bis auf wenig Wasser an den Ärmeln und den Händen trocken geblieben bin. Ich zwänge mich aus der Haube und entledige mich der Handschuhe, um meine nass-kalten Hände möglichst schnell wieder trocken und warm zu kriegen. Nach einer 15-minütigen Pause, in der ich versuche, mich warmzuhalten, folgt ein weiterer Tauchgang.

Aufregendes Hobby

Für mich war meine Tauchausbildung im Zürichsee nicht nur der Schlüssel zu weiteren Tauchabenteuern im Ausland, sondern auch Entdeckungsreise. Das Tauchen hat sich als aufregendes Hobby erwiesen, bei dem sich der Taucher dem Element Wasser mit seinen physikalischen Eigenschaften hingibt und lernt, mit ihnen umzugehen. Die Ausbildung lehrte mich, wie der menschliche Körper mit Tiefendruck umgeht und welche lebensnotwendigen Punkte dabei zu beachten sind.

Tauchschulen müssen sich nicht immer in den Ferienregionen befinden, auch Binnengewässer eignen sich zum Erlernen des Tauchsports. Jedenfalls haben mich die Bedingungen im winterlichen Zürichsee mit wenig Sicht und tiefen Temperaturen auf meine kommenden Tauchgänge vorbereitet. (lvm)

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