Zollikon

Wenn sich Heinz mal wieder meldet

Rolf Decker hatte sogar Live-Mitschnitte von Anrufen mitgebracht, die eindrücklich verbildlichten, wie perfide die Anrufer vorgehen. (Bild: bms)

Rolf Decker von der Kantons­polizei informierte über das Vorgehen der Telefonbetrüger, die als Enkel oder falscher Polizist Millionen erbeuten.

Der Schrecken stand den Besuchern des Vortrags ins Gesicht geschrieben: Als Rolf Decker auf Einladung des Vereins «Senioren für Senioren Zollikon» über die perfiden Methoden des Telefonbetrugs referierte, nahmen sich viele der Zuhörer offenbar zunächst vor: Ich gehe nie wieder ans Telefon. Ich schreibe wieder Postkarten. Aber der Referent der Kantonspolizei hatte nicht nur Schreckensszenarien im Gepäck, als er in der Tertianum Residenz zu Gast war. Er hatte auch Tipps dabei, wie man den Betrügern nicht auf den Leim geht. Zunächst zu den nackten Zahlen: Schweizweit wurden im vergan­genen Jahr 70 Personen wirklich ­Opfer von Telefonbetrügern. Dabei entstand ein Schaden von 3,9 Millionen Franken. «Sie sehen, hier werden Leute nicht um zehn oder fünfzig Franken erleichtert. Es geht um grosse Summen», warnte Rolf Decker. Dabei rechnet die Polizei mit einer Dunkelziffer um Faktor fünf. «Am schwersten traf es 2017 eine Dame von der Goldküste, der 800 000 Franken entwendet wurden», wusste der Spezialist von der Kantonspolizei. Dabei hatten die Telefonbetrüger über einen längeren Zeitraum das Opfer immer und immer wieder angerufen.

Hier wohnt das Geld

Im Kanton Zürich gab es 2017 rund 480 versuchte Delikte. Dabei entstand allein hier ein Schaden von 1,9 Millionen Franken. «Die Betrüger wissen nämlich ganz genau, wo das Geld wohnt», unterstrich Rolf Decker. Dabei unterscheidet die Polizei zwei Arten: den sogenannten Enkeltrick und den falschen Polizisten. Doch beim Enkeltrick muss es sich nicht zwangsläufig um einen falschen Enkel handeln. «Der Angerufene wird im Glauben gelassen, ein Verwandter oder guter ­Bekannter sei am Telefon.» Die ­Masche ist immer gleich. Die Betrüger suchen sich aus dem Telefonbuch Einträge mit altmodischen Vornamen. Diese führen nämlich meist auch zu älteren ­Mitbürgern. Diese werden angerufen und mit freudigen Sprüchen à la «Rate mal, wer hier dran ist?» begrüsst. Rät der Angerufene dann einen Namen wie Heinz oder Ernst, gibt sich der ­Anrufer sofort als Heinz oder Ernst aus. So ist sofort eine Vertrauensbasis geschaffen. Im Anschluss wird Druck aufgebaut: Zeitdruck und Psychodruck. Da geht es um einen schnellen Kredit für einen Wohnungskauf, der auf jeden Fall heute noch an die Bank überwiesen werden müsse. Da wird auf die ­Mitleidsdrüse gedrückt und es wird von fürchterlichen Krank­heiten erzählt, bei denen nur diese eine – teure – Behandlungsmethode helfe. «Wer jetzt glaubt, dass er selber nicht hereinfallen würde, täuscht sich wahrscheinlich», warnte der Fachmann. Die Situation werde für den Angerufenen schnell stressig, das hielten viele nicht aus. Psychologisch steckt dahinter, dass der Mensch ein prosoziales Wesen ist und grundsätzlich an das Gute im Menschen glaubt. Darauf setzt auch der «falsche Polizist»: Dem Angerufenen wird erstens erzählt, dass in seiner Gegend Einbrüche stattfänden, dass zweitens noch gewalttätige Diebe unterwegs seien und drittens, dass eine Liste mit der Adresse des Angerufenen gefunden worden sei. Aber – keine Sorge. Die Polizei werde helfen. Man solle einfach nur Geld, Schmuck, Uhren und alles, was wertvoll sei, der Patrouille überreichen, die gerade losgefahren sei. Damit seien alle Wertgegenstände in Sicherheit.

Dabei – so Decker – spiele den Betrügern auch in die Karten, dass durch die Bankenkrise vor einigen Jahren viele Senioren das Vertrauen in die Bank verloren haben und ihr Geld lieber zuhause aufbewahren.

Nicht nur Senioren sind Opfer

Dabei betonte der 56-jährige Referent aber auch, dass bei weitem nicht nur ältere Mitmenschen solchen Tricks zum Opfer fallen würden. Er berichtete von einer Lehrerin – Mitte 40 – die fest im Leben stehend trotzdem auf einen Trickanruf hereingefallen ist. «Auch ohne krankhaftes Helfersyndrom hat der Mensch das normale Bedürfnis, anderen zu helfen. Das nutzen manche eben aus.» Was tun, um nicht selber zum Opfer zu werden? «Es hilft enorm, wenn beim Telefonbucheintrag kein Vorname steht», riet Rolf Decker den zahlreichen Zuhörern. Zudem solle man sofort auflegen, wenn einem ein Anruf suspekt erscheint. «Das erscheint unhöflich. Ist aber wirksam.» Würde sich die Polizei selber am Telefon melden, solle man sich Namen und Personalnummer nennen lassen und sich unter 117 über die Richtigkeit der Angaben erkundigen. «Lassen Sie sich nicht scheinbar mit der 117 weiterverbinden», mahnte der Polizist.  Wie wichtig die Aufklärung rund um den Telefonbetrug ist, zeigte, dass zahlreiche Besucher der ausgebuchten Veranstaltung von mysteriösen Anrufen zu berichten wussten. Darauf hereingefallen war aber niemand. Und nach der Infoveranstaltung werden sich die Senioren noch etwas sicherer fühlen. Dabei hatte Rolf Decker noch einen Tipp parat. So könnten wir von den Italienern lernen, die sich am Telefon einfach mit «pronto» melden. «Aber unsere anständige Generation hat ja noch gelernt, sich mit Vor- und Nachnamen am Telefon zu melden.» (bms)

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