Zollikon

Für ein mutiges Miteinander

Die Wanderausstellung «Zürcher!nnen machen» im Ortsmuseum erzählt Geschichten von Heimat und Ausgrenzung.

Ein flammendes Plädoyer für ein mutiges Miteinander war am vergangenen Sonntag in der Aula der Schule Oescher zu hören: Hier wurde – wegen der Enge des Ortsmuseums – die aktuelle Ausstellung «Zürcher!nnen machen» eröffnet, die sich mit dem Thema Migration befasst. Die Frage nach Zugehörigkeit und Ausgrenzung wird in sechs Kinoboxen ganz unterschiedlich beantwortet. Die Redner der Vernissage waren sich aber einig: An Migration geht kein Weg vorbei.

«Angst vor einer Überfremdung gab es schon immer. Nur früher hat man anders reagiert: Man hat die Fremden einfach eingebürgert und schon waren sie nicht mehr fremd», erinnerte Professor Walter Leimgruber, Präsident der eidgenössischen Migrationskommission. Er legte auch dar, dass Zürich erst jetzt wieder einen ähnlich hohen Ausländeranteil wie vor dem Ersten Weltkrieg habe und stellte die Frage, wie tief eine Demokratie denn sei, wenn ganz viele ihrer Einwohnerinnen und Einwohner gar nicht wählen dürften. «Wir haben zurzeit ungefähr zwei Millionen Fremde in der Schweiz. Die Hälfte davon erfüllt die Bedingungen für eine Einbürgerung.» Die Zurückhaltung bei dem Thema bekamen – bis in das Jahr 1989 – auch Schweizer im Ausland zu spüren. Erst danach konnten sie sich per Brief an Wahlen beteiligen. Man habe zuvor den Schweizern in der Fremde nicht etwas zugestehen wollen, das den Fremden im Land verwehrt worden sei.

In Zeiten, in denen oft von Ausländerfeindlichkeit die Rede ist, hob Walter Leimgruber die Stimme: «Menschen wandern normalerweise nicht aus, um irgendwo im Abseits zu stehen.» Er forderte noch mehr, nämlich Partizipation. Auf vielen verschiedenen Ebenen müsste die Gemeinschaft enger und gleich­zeitig lebendiger werden. Dabei ­dürfe natürlich nicht die Tradition auf der Strecke bleiben. Wie modern traditionelle Musik klingen kann, demonstrierte bei der Vernissage auch Bruno Bieri mit seinem Instrument, dem Hang, und Liedern unter anderem von Mani Matter.

Wie heisst die Hauptstadt?

Ganz lebendig berichten sie in den gezeigten Porträts 41 Zürcher, wie sie Integration erleben und erlebten. Da erzählt zum Beispiel eine junge Schweizerin mit thailändischen Wurzeln im breitesten Schwyzerdütsch, wie sie von einer thailändischen Kellnerin bewirtet wurde und sich kurz wunderte, warum diese denn so gut Mundart spreche. Vorurteile sind überall. Die Ausstellung greift unter anderem die Bereiche Politik, Religion und Arbeit auf und beleuchtet die unterschiedlichen Bereiche, in denen Migration gelebt wird.
Die Bedeutung von Toleranz unterstrich auch Gemeindepräsident ­Sascha Ullmann in seiner Begrüssung. Hätte es nach dem Zweiten Weltkrieg keine Vertreibung gegeben, würde er jetzt wohl kaum in der Schweiz leben, sondern aufgrund seiner Familiengeschichte eher in Deutschland. Aber Migration sei auch Teil der Zolliker Geschichte. So erinnerte er an den grossen Bauboom in den 60er Jahren, als durch die Infrastruktur Zollikon näher an Zürich rückte. Sascha Ullmann testete die Besucher aber auch. So stellte er die Frage – die auch im Fragebogen zur Einbürgerung steht – wie die Hauptstadt der Schweiz heisse. «Jetzt werden alle an Bern denken. Und das ist falsch. Wir haben keine Hauptstadt, nur einen Regierungssitz», erläuterte er und stellte somit die Frage: Was muss ein Schweizer wissen, um echter Schweizer zu sein?

Eigentlich ist die Ausstellung ja eine Wanderausstellung, doch so ganz kann Mirjam Bernegger als Leiterin des Ortsmuseums das kuratorische Wirken nicht sein lassen. Und so interviewte sie noch zwei Zolliker mit ganz unterschied­lichen Lebensläufen und lässt so auch Million Okubay und Vijay Kumar Singh in der Ausstellung zu Wort kommen. Doch die Schau ist nicht nur zum Sehen und Hören – sie ist zum Mitmachen. Mit einem Fragebogen kann jeder Besucher testen, wie viel Zürcher oder Zürcherin in ihm steckt. Die Auswertung erfolgt per Computer und im Anschluss gibt es einen Ausweis. Und in Zollikon geht es noch weiter: Auch das Wissen über die Gemeinde kann bei einer Einbürgerungskommission jeweils am Samstag und Sonntag von 15 bis 16 Uhr getestet werden. (bms)

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