Zollikon

«Mir geht es um mehr als um das notengetreue Wiedergeben der Musik»

Franziska Städtler in ihrem Element: 41 Jahre unterrichtete sie an der Musikschule Zollikon. (Bild: mmw)

41 Jahre unterrichtete Franziska Städtler an der Musikschule Zollikon. Wenn nächste Woche das Schuljahr endet, beginnt für die Klavierlehrerin ein neuer Lebensabschnitt – der Ruhestand. Sie freut sich auf mehr Zeit für sich selbst, wird diese aber auch weiterhin ihrem Instrument widmen, das sie seit ihrem 9. Lebensjahr begleitet.

Sie ist nicht die Solopianistin. Zwar ist Franziska Städtler gelegentlich aufgetreten, immer aber im gemeinsamen Spiel mit Streichern und Bläsern. Vielleicht auch, sagt die gebürtige Zollikerin, weil sie selber spät zum Klavierspielen gekommen sei und das Lampenfieber sie in älteren Jahren dann mehr gepackt habe als junge Künstler, die sich das Auftreten von klein weg gewohnt seien.

Fasziniert vom Spiel mit dem Tasteninstrument war die blonde, zierliche Frau bereits in jungen Jahren. Weil es noch keine Musikschulen gab und bei vielen Familien das Geld für Privatunterricht fehlte, musste sie sich aber in Geduld üben und ihre Zeit mit dem kostenlosen Flötenunterricht überbrücken. Gefesselt von der Musik, tat dies ihrer Begeisterung keinen Abbruch. Sie spielte mit Freude und noch grösserer Vorfreude darauf, was noch kommen würde. «Meine Eltern haben wie verrückt gespart», erzählt die heute 64-Jährige, «bis irgendwann der Tag gekommen ist.» Der Tag, an dem sie zehn Jahre alt war, die Familie genügend Geld für ein Klavier zusammen hatte und sich den Privatunterricht für die Tochter leisten konnte. Instrumente zu mieten, war damals noch nicht möglich.

Streng sei sie gewesen, ihre erste Klavierlehrerin im Zollikerberg, sagt Franziska Städtler, die ihre Freude auch dadurch nicht verlor, sich aber zu Beginn doch durchbeissen musste, wie sie gesteht. «Was man sich so sehr wünscht, das gibt man so schnell nicht auf», erklärt sie ihren Durchhaltewillen. Richtig die Türen aufgegangen sind ihr am Musikkonservatorium und später beim Konzertpianisten und Pädagogen Hubert Harry in Luzern, bei dem sei auch dann noch jahrelang Unterricht nahm, als sie selbst im Besitz des Lehrdiploms und am Unterrichten war. Seither sind 41 Jahre vergangen. Die langjährige Zolliker Musikschullehrerin schaut anlässlich ihrer bevorstehenden Pensionierung zurück auf ihre Anfangszeit, erzählt, was sich seither verändert hat und warum vieles dennoch gleichgeblieben ist.

Mit Franziska Städtler sprach Melanie Marday-Wettstein

Franziska Städtler, mögen Sie sich an Ihre erste Klavierstunde erinnern, die Sie vor 41 Jahren gegeben haben?

Sehr gut sogar. Es war der Tag, als ich Schüler von einer sehr beliebten Zolliker Musiklehrerin übernahm. Davor hatte ich grossen Respekt. Doch innerhalb weniger Sekunden war meine Anspannung verflogen, von Beginn weg hat es wunderbar geklappt. Und so ist es auch immer geblieben. All die Jahre habe ich es nie erlebt, dass es mir nicht gelungen ist, zu den Kindern einen persönlichen Kontakt herzustellen. Denn dieser ist wichtig, um zusammen musizieren zu können.

Weshalb ist diese persönliche Beziehung so wichtig?

Weil es nicht nur um die Musik geht. Wenn ich merke, dass ein Kind bekümmert oder gestresst in den Unterricht kommt, wenn es also seinen Kopf nicht frei hat und mit den Gedanken woanders ist, dann versuche ich in einem kurzen Gespräch herauszufinden, wo der Schuh drückt. Der persönliche Kontakt schafft eine Vertrauensbasis, die es ermöglicht, sich zu öffnen und seine Gefühle in der Musik zum Ausdruck zu bringen.

Worauf legen Sie in Ihrem Unterricht besonderen Wert?

Mit geht es um das Ganzheitliche. Es ist doch eine unglaubliche Aufgabe, innerhalb einer 30 bis maximal 50 Minuten dauernden Lektion ein Kind wahrzunehmen, mit ihm auf etwas hinzuarbeiten und es ebenso zu motivieren, im Anschluss an diese kurze Lektion eine ganze Woche lang selbstständig zuhause zu arbeiten und zu üben. Doch es ist nun mal so: Ohne zu üben, gibt es keinen Fortschritt und ohne Fortschritt geht die Freude verloren. Das ist es, was ich den Kindern immer versuche mitzugeben: Dass sie stolz auf ihre Fortschritte sein können, denn für diese sind sie alleine verantwortlich. Ich kann ihnen zwar zeigen, wie sie diese erreichen, den Weg dorthin gehen müssen sie aber selber.

Wie wichtig sind dabei die Eltern?

Bei Kindern, die noch nicht lesen können, ist eine Unterstützung der Eltern natürlich vonnöten. Wichtig scheint mir aber besonders das ehrlich gemeinte Interesse. Merkt das Kind, dass die Eltern aufmerksam zuhören, auch dann, wenn die Eltern selber kein Instrument spielen, dann ist dies ungemein motivierend. Und natürlich hilft es, wenn Eltern im heute so verplanten Alltag ihrer Kinder mithelfen zu schauen, wann das Üben noch Platz hat, und ihrem Kind auch ­helfen, sich daran zu erinnern. Das soll nicht durch Druck passieren, denn Druck haben die Kinder schon an genügend anderen Orten. Ich nenne es lieber positives Erinnern, das gut gemeint ist.

Das heutige Freizeitangebot für Kinder ist riesig. Ist es schwieriger geworden, sie für Musik zu motivieren?

Schwieriger nicht unbedingt, aber die Art und Weise, wie Kinder heute motiviert werden, hat sich verändert. Unsere Bedürfnisse sind noch immer dieselben, wir sehnen uns nach Echtem, nach Gefühlen, nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Doch die Gesellschaft hat sich verändert. Sie befindet sich durch unsere Umgebung, durch die technischen Veränderungen, die ganze Digitalisierung stets im Wandel. Kinder lassen sich noch immer von einem schönen Musikstück begeistern, auch wenn die Ablenkungsmechanismen enorm vielseitig, die Störfaktoren gross sind. Heute muss immer etwas laufen, visuell, akustisch, konsumierend. Deshalb ist es wichtig, Kinder mit Zielen zu motivieren. Dazu eignet sich zum Beispiel ein gemeinsames Konzert. Auf dieses arbeiten wir dann gemeinsam hin, das ist eine Herausforderung, die zusammenschweisst und den Zusammenhalt stärkt.

Was hat sich sonst noch verändert in den letzten vier Jahrzehnten?

Bevor wir unser Musikschulzentrum 1998 im Chirchhof erhalten haben, waren wir auf die verschiedenen Schulhäuser verteilt. Nun gibt es dank des Zentrums im Dorf und dem vor einem Jahr eingeweihten neuen Musikschulgebäude im Berg gleich zwei Orte der Begegnung. Die Zusammenarbeit hat sich dadurch wesentlich vereinfacht, der Austausch im Kollegium intensiviert und so sind auch etliche gemeinsame Projekte entstanden. Früher war gerade das Klavier häufig ein Einzelinstrument, auf dem bestenfalls zu zweit vierhändige Literatur gespielt wurde. Heute ist das komplett anders, die Stilrichtungen wurden aufgebrochen, Pianisten spielen in Orchesterprojekten auf Keyboards, das gemeinsame Musizieren hat einen viel grösseren Stellenwert erhalten.

Und wie hat sich Ihr persönlicher Unterricht verändert?

Ich denke, dieser hat sich im Kern nicht wesentlich verändert. Ich selber bin kein Genie, dem von Beginn weg einfach alles leichtgefallen ist. Die technischen Fertigkeiten beim Klavierspiel haben mich ganz schön herausgefordert. Beim Unterrichten hat mir dies stets geholfen, denn ich habe immer schnell erkannt, wo ein Kind Mühe hat, und konnte unterstützend helfen. Heutzutage bringen Kinder wie Eltern viel schneller eigene Musikwünsche an. Mir ist dabei auch die Auseinandersetzung mit dem Komponisten wichtig, hat dieser doch unseren Respekt verdient. Ein Instrument zu spielen, beinhaltet so vieles. Alle unsere Sinne werden angesprochen, aber auch unser Intellekt und unsere Koordination. Die Musik verlangt eine unerhörte Konzentration und Fokussierung. Deshalb bin ich ganz klar der Meinung, dass Musik erst dann entsteht, wenn alles, was es dazu braucht – also die richtigen Töne, der Rhythmus und die Fingerfertigkeiten – vorhanden ist. Es geht nicht um das notengetreue Wiedergeben der Musik, sondern darum, was diese erzählt und auslöst, wenn sie gespielt wird. Und damit kann man bereits die Jüngsten packen. Kurzum: Es ging mir in meinem Unterricht immer auch um die Geschichten in der Musik, um Inhalte und vor allem lebendiges Gestalten.

Haben Sie Ihr gesamtes Leben nach der Musik ausgerichtet?

Nein, mir war es stets wichtig, auch Sachen zu machen, die nichts mit Musik zu tun hatten. So absolvierte ich berufsbegleitend das KV, habe intensiv Italienisch und Englisch gelernt, informiere mich immer über die lokalen und globalen politischen Tagesgeschehen und engagierte mich, um ein Beispiel zu nennen, auch lange in der Gewerkschaft für Musiklehrpersonen. Ich bin zwar in keiner politischen Partei aktiv, engagiere mich aber in meinem Alltag.

Nun steht Ihr Ruhestand bevor. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Darauf, mehr Zeit zu haben. Ich lese sehr gerne, im Moment haben es mir besonders die Kurzgeschichten von Alice Munro angetan und «Leon und Louise» von Alex Capus finde ich eines der schönsten Bücher überhaupt. Auch das Radio mit seinen vielen politischen und kulturellen Sendungen spielen eine wichtige Rolle in meinem Tagesablauf. Und: ich liebe Hörspiele wie zum Beispiel das Krimihörspiel am Freitagabend auf SWR2. Vor dem Fernseher hingegen trifft man mich nicht an, wir besitzen nämlich keinen und werden uns auch in Zukunft keinen anschaffen.

Mein Mann und ich gehen stattdessen gerne ins Kino oder an kulturelle Anlässe, lieben Spaziergänge und Wanderungen und Gespräche bei einem guten Abendessen. Ja, ich freue mich darauf, einfach mehr Zeit zu haben. Auch unsere beiden Katzen werden das sehr schätzen.

Wie oft wird man Sie noch vor dem Klavier antreffen?

Häufig natürlich (lacht herzhaft). Ich fände es schön, ich könnte in Zukunft Erwachsene auf privater Basis unterrichten. Dass Kinder die Musikschule besuchen, finde ich wichtig und auch richtig. Die Atmosphäre, die Stimmung und das Angebot einer Musikschule kann ein Privatunterricht nicht bieten. In einer Musikschule tönt aus jedem Zimmer irgendein Instrument, man trifft auf Freunde, motiviert sich gegenseitig, erhält ein grosses Angebot an Auftritten und Möglichkeiten zum Zusammenspiel. Es ist, wie zuvor bereits erwähnt, ein Begegnungsort, der einmalig ist. Erwachsene aber haben andere Bedürfnisse, bei ihnen steht nicht unbedingt der regelmässige wöchentliche Unterricht im Vordergrund wie bei Kindern. Darauf würde ich nun gerne aufbauen.

Und was wünschen Sie der Zolliker Musikschule für die Zukunft?

Genauso wie die Gesellschaft verändern sich auch die Musikschulen. Stehenbleiben liegt nicht drin und so wünsche ich der Musikschule Zollikon, wie allen anderen übrigens auch, dass es ihr gelingt, mit der Zeit zu gehen, offen zu sein für Neues und Veränderungen positiv gegenüberzustehen, ohne dabei das kritische Fragen zu vergessen. Denn dieses braucht es für die Weiterentwicklung ebenso. Somit sind wir wieder beim echten Interesse und der echten Begeisterung, die es für die Musik braucht. Dass diese erhalten bleiben, wünsche ich den Musikschulen von Herzen.

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