Zumikon

Immer wieder macht er sich auf den Weg

Wirbt für das Vertrauen in den Hund: der Zumiker Armin Raso mit seinem Husky-Mischlingsrüden Wulfi. (Bild: zvg)

Armin Raso bietet Kurse für Hund und Herrchen an, wo die beiden lernen, eine vertrauensvolle Teamarbeit zu entwickeln. Leinenfrei durchs Leben geht auch der 47-jährige Zumiker.

Ganz unverwandt und eisig blau schaut er seinem Gegenüber seelenruhig in die Augen. Armin Raso sitzt daneben, guckt nicht weniger direkt. «Wir sind ein gutes Team», sagt er schliesslich. Und das Team Mann-Hund geht gerade einen neuen Weg, und zwar leinenfrei. In seiner Hundeschule wirbt der 47-Jährige für das Vertrauen in den besten Freund des Menschen. «Jeder Hund hat Vertrauen verdient», unterstreicht Armin Raso. Dabei gehe es beim leinenfreien Hundeführungstraining nicht darum, den Hund zu unterwerfen. Vielmehr gehe es um die natürliche Rudel­dynamik und um die Kommunikation auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Eine Geste von Herrchen reicht und der fünfjährige Husky-Mischling weiss, was von ihm erwartet wird. Und was Wulfi erwartet, sagt dessen Blick: «Spiel mit mir. Gib mir ein Leckerli. Komm, wir gehen spazieren.»

Da ist er bei seinem Herrchen genau an der richtigen Adresse. Armin Raso liebt es, in der Natur unterwegs zu sein. Sie mit allen Sinnen wahrzunehmen. Die Liebe zur Natur ist nur einer von mehreren roten Fäden, die sich durch sein Leben ziehen. Leinenfrei, das gilt eben auch für den gebürtigen Deutschen. Als andere Jungs mit 14 oder 15 an ihren Mopeds geschraubt oder auf dem Fussballplatz gekickt hätten, sei er bei den Pfadfindern und im Naturschutz aktiv gewesen. «Ich war zu gross, zu schlaksig und immer der letzte, der im Sport­unterricht in eine Mannschaft gewählt wurde», erinnert er sich. Darum auch der nächste rote Faden: sich etwas beweisen. Was er macht, macht er mit jeder Faser. So lebte Armin Raso das Militär. Sein Vater war zwölf Jahre bei der Bundeswehr gewesen, danach beim deutschen Zoll. «Diese Uniform, die ­Autorität, der Rang: Das hat mich alles beeindruckt.» Direkt nach dem Schulabschluss war er dann als Freiwilliger im Rahmen der NATO und der deutschen Bundeswehr in Kanada eingesetzt, zwischendurch auch für die US-Streitkräfte als Manöver-Koordinator auf Übungen unterwegs und trainierte eine Zeit lang sogar mit der französischen Fremdenlegion. «Mit Mitte 30 hatte ich Sozialversicherungsnummern aus sechs verschiedenen Ländern», lacht er.

Message durch Bilder

Ein weiterer roter Faden: das Vagabunden-Gen. Seine Familie kommt aus dem Süddeutschen, Ostpreussen und den USA. «Das Fernweh war einfach immer in mir», formuliert es der Zumiker. Nach dem Militärdienst reiste er wiederholt nach Kanada, lebte mit Indianern und verliebte sich in das Land. Gerade mal 20 Jahre alt war er und das Jagen, das Fischen, die gewaltige Natur hatte es ihm angetan. «Ich bin keiner, der am Wochenende mit dem Auto in die Berge fährt. Ich bin eher der Einsiedler, der Askett, der sich die Berge richtig erarbeitet.» Als das Visum abgelaufen war, ging es zurück nach Süddeutschland, wo er sich gemeinsam mit seinem Bruder im Bereich Spezial-Gerüstbau selbständig machte. Zwei Jahre lang dauerte es, bis es ihn wieder in den Schuhen juckte. Armin Raso weiss, dass das Abenteuer nicht an die Tür klopft. Es will gefunden werden. Die USA waren das nächste Ziel. Er jobbte und wurde schliesslich an einer High School Fahrlehrer für die Schüler im Teenageralter. Er brachte ihnen aber noch mehr bei: «Ich zeigte den Kids auch, wie man einen Reifen wechselt oder das Öl kontrolliert.» Schnell machte er Karriere und die begann dann zu bröseln, als ihm in einem Café künstlerische Schwarz-Weiss-Fotografien ins Auge fielen. «Ich wusste sofort, das will ich auch können.» Er ging zu seiner Chefin und fragte, ob er nicht nebenbei einen Kurs für Fotografie belegen könne. Konnte er nicht. «Sie machte mir klar, dass ich mich entscheiden muss.» Das allererste Mal in seinem Leben nahm sich Armin Raso bewusst Urlaub. Er kaufte sich zum Geburtstag eine Spiegelreflexkamera und reiste nach Alaska. «Beim Fotografieren habe ich gemerkt, dass ich eine ‹Message› habe, die ich mit meinen Bildern vermitteln kann», erinnert er sich und besonders auch an den Moment, in dem er den ersten Kontaktbogen seiner Schwarz-Weiss-Bilder in den Händen hielt. «Das war Gänsehaut pur.»

Und plötzlich kam das Heimweh

Er kündigte, kehrte dem kalten Norden Amerikas den Rücken und machte sich mit seiner Mitbewohnerin auf den Weg nach Tucson, Arizona. «Tagelang waren wir mit dem Auto unterwegs und es fühlte sich an wie in einem grossartigen Road-Movie.» Weil das Glück wohl mit dem Tüchtigen ist, bekam er sofort einen Platz in einem Universitätskurs für «Documentary Photography as Art». Als er dann das erste Mal in der Dunkelkammer sein eigenes Bild entwickelte, habe er so etwas wie göttlichen Rückenwind gefühlt. Was er aber auch noch fühlte: Heimweh. Plötzlich. Nicht direkt nach Süddeutschland, aber nach Europa. Er erinnerte sich an seine langjährige Brieffreundin in Oslo und er begann den Europa-Trip mit einem Besuch in Norwegen. Mit der Fähre ging es später nach Kiel, wo es ihm so gut gefiel, dass er mal wieder blieb und ein Jahr später für die Stadt in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war. «Mit Gott als Beifahrer gelingt am Ende alles», sagt er und räumt unumwunden ein, dass ihn sein christlicher Glaube durch alles hindurch trägt.

Der Monitor flackerte

Und dann verknoteten sich sogar zwei rote Fäden – seine Vorliebe für das Militär und die Liebe zur Fotografie brachten ihm eine Chance: Er durfte für die Fremdenlegion in Südfrankreich Veteranen, Pensionäre und Invalide fotografieren. «Das war meine Meisterarbeit», sagt er ganz ruhig. Zwölf Jahre hat er als Fotograf gearbeitet und konnte davon leben. Er arbeitete als Bild-­Redakteur bei einer Hamburger Presseagentur, wählte Fotos aus, verschickte diese «Und dann sass ich an einem sonnigen Nachmittag im August im Büro. Hinter Milchglasscheiben. Der Monitor flackerte schon den ganzen Tag.» Das war der Moment, in dem der Naturbursche wieder mal eine Tür schloss und ein Ticket kaufte: nach Irland. «Der englischsprachige Raum fasziniert mich einfach.» Schnell merkte er, dass ihm Dublin zu sehr Grossstadt war, er zog aufs Land, vernetzte sich unter Künstlern und kaufte sich eine Drehorgel. Wenn Armin Raso das erzählt, klingt es fast zwangsläufig. Als wäre es das Naheliegendste ­gewesen. Im ganzen Land war er mit seinem Leierkasten unterwegs, spielte auf Festivals, Paraden, Hochzeiten, Geburtstagen – und in Altersheimen. Er merkte, wie die betagten Bewohner ganz besonders auf die nostalgische Musik reagierten und diese vor allem Demenzerkrankte erreichte. Er bog auf seinem Karriereweg erneut ab, konzentrierte sich auf die Erwachsenenarbeit, wurde Kurstrainer und engagierte sich im Versöhnungsprozess nach den Unruhen in Nordirland.

«Und mit diesem ganzen Koffer kam ich 2009 in die Schweiz.» Er wollte einfach wieder ein bisschen näher bei der Familie sein. Mit seiner Partnerin baute er damals eine Naturheilpraxis auf. «2010 war ich schweizweit der Erste, der im Viadukt in Zürich frische vegane Smoothies anbot. Reiner Pioniergeist – denn damals kannte das noch gar keiner», lacht er. Als die Partnerschaft auseinanderging, verschlug es ihn nach Zumikon – auch der Natur wegen. Jetzt lebt er hier – mit «dem tollsten Hund der Welt» – meist leinenfrei. Bei seinem Konzept geht es um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Hunde liebten eine klare und direkte Führung. «Wenn es eine Leinenpflicht gibt, trägt Wulfi natürlich auch eine. Aber er spürt sie nicht, weil er sie nicht braucht.» So wie Menschen ihre eigenen Fesseln nur spüren, wenn sie sich bewegen – und auf den Weg machen.

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