Zumikon

Besuch im Mutter-­Kind-­Heim

Sozialarbeiterin und -­pädagogin Nina Alonso arbeitet in einem Mutter-­Kind-­Heim am Zürichsee. Der Zolliker Zumiker Bote erhält Einblick in die eindrückliche Arbeit der 39-­jährigen Zumikerin.

Als Nina Alonso um 8.30 Uhr im Mutter-­Kind-­Heim ­eintrifft, haben die Bewohnerinnen eben fertig gefrühstückt. Es herrscht fröhlich-­emsiges Treiben: Bewohnerin Jenny* räumt das Esszimmer und die Küche auf, während zwei andere Mütter ihre Töchter für den Tag bereitmachen. Die Stimmung ist familiär; Bewohnerinnen wie Betreuerinnen sind per du. «Seit ein paar Monaten geht es bei uns ungewöhnlich ruhig zu und her. Denn unser Haus, das bis zu acht Mütter mit ihren Kindern aufnehmen kann, beherbergt momentan lediglich vier Frauen und vier Kinder», erklärt Nina Alonso, die seit drei Jahren als Sozialarbeiterin und -­pädagogin im Heim tätig ist. In dieser Funktion betreut sie zurzeit drei Frauen und begleitet diese durch den Alltag – dies jeden Donnerstag sowie ein bis zwei Nachtdienste pro Woche. Denn was viele Menschen im Alltag selbstverständlich und automatisch erledigen, bedeutet für die Bewohnerinnen eine Herausforderung. «Wir betreuen regelmässig minderjährige Mütter, die schwanger zu uns kommen und mit ihrer Lebenssituation überfordert sind. Unser Ziel ist es, ihnen wieder eine Alltagsstruktur zu geben und ihnen beizubringen, wie sie sich um ihr Neugeborenes kümmern und alltägliche Aufgaben bewältigen können», erzählt sie. Es gebe aber auch andere Auslöser, weshalb Frauen die Betreuung in einem Mutter-­Kind-­Heim benötigten. Beispielsweise psychische Beeinträchtigungen oder die eigene schwierige Kindheit. So seien es immer wieder auch Frauen, die selbst schon in ­einem Heim aufgewachsen seien und Kindererziehung selbst nie erfahren hätten. Je nach Situation ist die Aufenthaltsdauer unterschiedlich. So bleiben die Frauen mit ihren Kindern zwischen drei Monaten bis zu drei oder mehr Jahren im Mutter-­Kind-­Heim.

Organisation des Tages

Es ist 8.45 Uhr. Die Bewohnerinnen versammeln sich mit den Betreuerinnen und der Hauswirtschaftslehrerin im Wohnzimmer. Es ist Zeit, die Tagespläne nochmals durchzugehen. «Spätestens am Sonntagabend überreichen wir den Frauen ihren Wochenplan, damit sie ihre Ämtli wie Wäsche waschen, putzen, kochen oder einkaufen für die kommende Woche vor Augen haben. Bei der täglichen Besprechung am Morgen können wir Manches nochmals in Erinnerung rufen und Fragen klären», so Nina Alonso. Bewohnerin Jenny wird zudem daran erinnert, ihr Handy auch heute Vormittag abzugeben. Dieses Ziel hat sie sich zusammen mit ihrer Betreuerin im wöchentlich stattfindenden Gespräch vorgenommen. So kann sie sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Heute ist sie für das Mittagessen verantwortlich und hat den Wunsch geäussert, einmal ohne Unterstützung der Hauswirtschaftslehrerin zu kochen. Zwei andere Frauen sind heute für den Einkauf zuständig. Ihre Mädchen dürfen mit. «Auch wenn die Mütter die Möglichkeit haben, ihre Kinder in unserer Kita betreuen zu lassen, ist es für die Bindung und den gegenseitigen Umgang wichtig, dass sie regelmässig gemeinsam etwas unternehmen oder zusammen spielen. Dies möchten wir ihnen bewusst machen», betont die Zumikerin und geht mit ihren Kolleginnen, darunter auch der stellvertretenden Heimleiterin sowie der Kitaleiterin, ins Büro für die tägliche Sitzung. Die Sozialarbeiterin, welche die Betreuung am Vortag und den Pikettdienst über Nacht innehatte, fasst die wichtigsten Vorkommnisse zusammen: Ein dreimonatiges Baby hat nach dem Abstillen Mühe mit der einen Pulvermilch, weshalb sie der Mutter eine andere Milch empfohlen hat. Die einzige arbeitstätige Bewohnerin musste heute bereits auf den 6.10-­Uhr-­Zug, weshalb ihre vierjährige Tochter schon früh von den Kita-­Frauen in Empfang genommen wurde. Eine andere Bewohnerin wird das Wochenende mit ihrer Tochter bei deren Götti verbringen.

Zeit im Büro

11.15 Uhr. Die Lasagne brutzelt im Ofen. Auch wenn die Hauswirtschaftslehrerin da und dort noch ein paar Ratschläge erteilen musste, hat Bewohnerin Jenny das Mittagsmenü gut gemeistert. Zudem konnte sie heute Wintersalat und Zuckerhut aus dem Garten holen und weiss nun, was in der kalten Jahreszeit noch alles wächst. Währenddessen nutzt Nina Alonso die Ruhe, um liegengebliebene Büroarbeiten zu erledigen. «Sind alle Zimmer in unserem Mutter-­Kind-­Heim belegt, so kommt praktisch alle vier Minuten eine Bewohnerin ins Büro, mit dem Wunsch, irgendein Problem zu lösen», sagt sie. Doch heute gelingt es ihr, die Akten früherer Bewohnerinnen zu sortieren, die von Gesetzes wegen während 100 Jahren archiviert werden müssen. Auf ihrer To-­do-­Liste steht zudem ein Telefonat mit einem Erziehungsbeistand, um die Wochenendbetreuung eines Kindes durch dessen Vater klar zu regeln. Kurz nach 12 Uhr sitzen die Bewohnerinnen und ihre Kinder beim gemeinsamen Mittagessen.

15 Uhr. Wie jeden Donnerstagnachmittag ist Muki-­Zeit. Mütter und Kinder machen mit den Kita-­Mitarbeiterinnen einen Ausflug. Heute freuen sich alle aufs Schlitteln. Nina macht sich nun daran, die Archivierungsarbeiten abzuschliessen und den Bericht für die kommende Standortsitzung mit einer Bewohnerin zu schreiben. Diese findet alle vier Monate statt und beinhaltet die wichtigsten Meilensteine der vergangenen Zeit sowie neue Ziele.

Betreuung auch in der Nacht

Kurz vor 18 Uhr hat Nina Alonso ihre heutigen Aufgaben erledigt und freut sich darauf, den Abend mit ihren beiden zwölfjährigen Zwillingsbuben zu verbringen. «Momente mit der Familie sind mir wichtig. Umso mehr, da ich aufgrund der Nachtdienste regelmässig im Heim im Pikettzimmer übernachte», erzählt sie. Bei diesen Einsätzen isst sie mit den Bewohnerinnen zu Abend. Wo nötig, hilft sie danach, Kinder ins Bett zu bringen, indem sie beispielsweise einer Mutter Rituale für das Einschlafen näher bringt. Sobald die Kinder schlafen, bleibt Zeit für Gespräche. «Mein Motto ist Hilfe zur Selbsthilfe. Es soll nicht darum gehen, dass ich anstelle der Frauen die Kinder ins Bett bringe oder einen Arzttermin vereinbare. Vielmehr will ich die Mütter unterstützen, solche Aufgaben selbst zu erledigen», ­betont sie. Die vergangenen Pikettdienst-­Nächte seien ruhig verlaufen, doch erinnert sie sich auch an andere Zeiten: «Wenn alle Plätze im Heim belegt sind, kann es zu Zickenkrieg und Intrigen kommen. In solchen Momenten muss ich schlichtend eingreifen.» Es ist den Bewohnerinnen auch erlaubt, mitten in der Nacht bei ihr anzuklopfen. «Während meiner Tätigkeit gab es noch nie Momente, in denen ich mich unwohl fühlte oder nicht schlafen konnte. Übernachte ich im Heim, dauert es zwar etwas länger, bis ich abschalten und einschlafen kann. Fahre ich jedoch heim so wie heute, gelingt es mir, meinen Tag während der Heimfahrt zu verarbeiten. Zuhause bin ich dann ganz bei meinen Kindern.» (mpe)


* Aus Gründen des Personen-­ und Datenschutzes wurde der Name von der Redaktion geändert. Gewisse Sachverhalte sind leicht abgeändert geschildert.

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