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Der virtuellen Währung auf der Spur

An einem Anlass des Verbands Schweizer Unternehmerinnen referierte der Zollikerbergler Marius Messerli kürzlich über das komplexe Thema der virtuellen Währungen wie Bitcoin & Co. Im Interview gibt der Programmierer unter anderem darüber Auskunft, in welchen Bereichen virtuelle Währungen in Zukunft eine grosse Rolle spielen werden.

Herr Messerli, was sind Kryptowährungen für Laien erklärt?

Sie sind öffentliche Buchungssysteme, in denen festgehalten wird, wem wie viele Coins gehören und wer wann welche Überweisung getätigt hat. Vor Bitcoin war es für mich unmöglich, jemandem über das Internet Geld zu schicken, ohne einen Dritten (eine Bank, PayPal, etc.) einzuschalten. Was die gesellschaftlichen Auswirkungen anbetrifft, darf man die Erfindung von Bitcoin & Co. ruhig mit der Erfindung der Dampfmaschine oder dem Internet vergleichen. Die Systeme sind hochgradig fälschungssicher, zensursicher, und ausfallsicher.

Unter welchen Umständen sind Kryptowährungen entstanden?

Bitcoin war der grosse, geniale Wurf, den Satoshi Nakamoto 2008 als wissenschaftliche Forschungsarbeit publiziert hat. Wer hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto steht, ist bis heute unbekannt. Bitcoin baute auf vielen Jahren an Forschung im Bereich Kryptografie und Computer-Technologie auf. Dass die Arbeit gerade 2008, auf dem Höhepunkt der Bankenkrise (Immobilienblase, Lehman-Pleite) veröffentlicht wurde, halte ich nicht für einen Zufall. Das Vertrauen in die Finanzbranche war weg und es sollte ein System aufgebaut werden, das sogar gänzlich ohne Vertrauen in den Menschen auskommt.

Worin liegt der Unterschied einer Kryptowährung zu einer herkömmlichen Währung wie dem US-Dollar?

Unser herkömmliches Geld (FIAT-Geld) wird von einer Nationalbank oder Zentralbank direkt oder indirekt kontrolliert. Diese handelt zum Wohle der nationalen Wirtschaft und strebt u.a. Preisstabilität an. Wird neues Geld erstellt, z.B. zur Belebung der Konjunktur, so «bezahlen» das die Sparer, deren Geld nun proportional weniger Leistung gegenübersteht. Das Ausmass, mit dem die Welt nach der Bankenkrise neues Geld geschaffen hat, geht nun vielen Leuten entschieden zu weit und sie suchen «härtere» Währungen wie Gold oder eben Kryptowährungen. Denn bei vielen Kryptowährungen unterliegt die Geldmenge einer tiefen und/oder abnehmenden Inflation. Man weiss, was man hat, und wird als Sparer nicht «verwässert». Im Unterschied zu FIAT-Währungen sorgt niemand für die Preisstabilität. Weder das FIAT-Geld noch das heutige Krypto-Geld ist für sich alleine ideal. Man kann sich allerdings selber eine ideale Mischung aus beiden zusammenstellen.

Wieso haben Kryptowährungen in der Schweiz einen schweren Stand?

In der Schweiz verfügen die meisten Erwachsenen über eine hervorragende Versorgung mit Finanzdienstleistungen. Schätzungen zufolge haben jedoch weltweit mehr als 2.5 Milliarden Menschen keinen Zugang zum elektronischen Zahlungsverkehr. Es ist ein Ziel der Kryptowährungen, diese Menschen über das Smartphone am weltweiten Handel zu beteiligen. Der Schweizer Franken ist zudem eine der härtesten Währungen. Deshalb wird der «Inflations-Schutz», den viele Kryptowährungen bieten, in der Schweiz tiefer bewertet als in anderen Ländern.

Was sind die Nachteile von Krypto­währungen?

Wenn man die Vorteile der Kryptowährungen wirklich nutzen will, so liegt die Eigenverantwortung höher als bei FIAT-Währungen, weil man selber für die Sicherheit der Coins (d.h. «private keys») verantwortlich ist. Die Preis-Volatilität fast aller Kryptos liegt deutlich über derjenigen der FIAT-Währungen. Zudem muss davon ausgegangen werden, dass nur ein kleiner Teil der über tausend Krypto-Währungen überleben wird. Und zuletzt muss man auch mit technischen Fehlern und neuen Verboten rechnen, welche den Wert senken können.

Wo werden Kryptowährungen in der Zukunft sicher eingesetzt?

Kryptowährungen werden als neue Anlageklasse (asset class) anerkannt werden und Einzug in professionelle Portfolios finden, wie sie z.B. von Pensionskassen verwaltet werden. Wir sollten die Krypto-Innovation jedoch nicht auf «Währung» oder «Anlage» beschränken. Facebook leidet heute z.B. unter den negativen Auswirkungen von Zentralisierung und einseitigem Profitstreben. Steemit, eine Blogging-Platform, die auf der Basis einer Kryptowährung aufgebaut wurde, versucht, dies zu beheben: Statt Erlöse zu privatisieren, werden sie an jene Nutzer weitergegeben, welche mit ihren Beiträgen und Bewertungen zum Erfolg beitragen. (lvm)

Zur Person

Nach dem Abschluss einer wissenschaftlichen Ausbildung an der ETH gründete Marius Messerli (54) die Bitplane AG, die seit nun über 25 Jahren Software für Biologen und Mediziner herstellt. Nach dem Verkauf des Unternehmens kam Marius Messerli 2013 mit Bitcoin in Kontakt und engagierte sich zuerst als Investor und dann als aktives Community-Mitglied und Full-Node-Betreiber (ein Full-Node ist ein Computer, welcher die Dezentralisierung der Kryptowährungen sicherstellt). Marius Messerli arbeitet und wohnt in Zollikerberg.

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