23/2015 Älterwerden bringts

Von adminZoZuBo ‒ 5. Juni 2015

Älterwerden bringts!

Nach ihrer Generalversammlung lud die Spitex Zollikon zum öffentlichen Vortrag von Soziologieprofessor Peter Gross ein: «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» Seine persönliche Antwort ist: Alt werden ist gut. Es hilft nicht bloss, durch eine langsamere Gangart die chaotisch gewordene Welt zu entschleunigen, eine Zeit der Reflexion führt auch zu einer neuen Lebensqualität.

Peter Gross, 72, bedankte sich als erstes bei der Spitex für ihre Arbeit. «Ich kenne diese Arbeit ganz nahe aus persönlicher Erfahrung», sagt er, «meine Frau ist letztes Jahr gestorben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir das letzte gemeinsame Jahr ohne Spitex geschafft hätten – ich bin unendlich dankbar, dass es diese Institution gibt.»

Dann fasste er sich kurz, putzte seine Brille und begann seine Folgerungen aus seiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem Dasein im Alter darzulegen. «Seit 1850 ist die Lebenserwartung in der Schweiz um 30 Jahre gestiegen», sagte er, «das ist eine gewaltige Leistung unserer Gesellschaft.» In Sachen Alter seien wir nun Pioniere, da müssten sich alle Menschen erst noch daran gewöhnen, da sei noch nicht alles vorgespurt. Noch nie habe eine Generation so lange auf der Erde weilen dürfen. Noch nie habe eine Generation die Zeit geschenkt erhalten, um mit sich ins Reine kommen zu können, bevor der Tod sie rief. Früher sei man meist aus der Mitte des Lebens herausgerissen worden, weil Pest, Cholera oder Krieg die Menschen überfiel und ihnen einen jähen Tod brachte.

Selbstsorge braucht Kraft

Das sei nun für uns anders, diese Herausforderung und Chance gelte es anzunehmen, zu gestalten und zu nutzen. Das aber habe zur Folge, dass die Selbstsorge weit wichtiger geworden sei als früher.  Es gelte, sich für viele Zusatzjahre fit zu halten. Vor allem Männer müssten dies neu erlernen, da sie weniger im Alltag verwurzelt und deshalb in der Selbstsorge weniger geübt seien. «Männer allein», so sagt er, «verlottern oftmals schneller.  Auch ich ertappte mich dabei, den Salat gleich aus der Schüssel zu essen oder einen Flecken auf dem Hemd zu übersehen. Es braucht Kraft, nicht nachzulassen. Da gilt es, streng mit sich selbst zu sein.»

Sonst aber gelte es, die geschenkte Zeit möglichst nach eigenem Gutdünken zu gestalten und das zu tun, was man gerne möchte. «Für die Menschheit an sich», sagt er überzeugt, «ist die Langlebigkeit einer Gesellschaft von Vorteil.» Heute leben bis zu vier Generationen gleichzeitig. Diese Konstellation ermögliche allen Generationen eine ganz neue Sicht auf das Weltgeschehen. Gut wäre es deshalb, das Pensionierungsalter gleich abzuschaffen und durch flexible Möglichkeiten zu ersetzen.  «Die Jungen führen den Besen zwar schneller, doch die Alten wissen, wo der Dreck liegt», sagt er und sorgt damit für fröhliche Lacher. «Und auch beim Erben müsste man noch eine neue Lösung finden», fügt er hinzu, «es macht wenig Sinn, dass – wie heute – Betagte von Hochbetagten Geld erben.»

Weniger, aber ältere Menschen sind umweltfreundlich.

Sinn aber mache es, dass die Bevölkerungskurve wie in der Schweiz schmaler und höher werde. Davon könne man sozusagen das Wohlergehen ablesen: Wenige Kinder bedeute viele Wunschkinder, ein hohes Alter Gesundheit – und beides zusammen ein gutes Leben. Eine niedrige Bevölkerungskurve aber, viele Kinder und kurze Leben, bedeute oftmals nichts anderes als Chaos und Unglück.

Sein persönliche Utopie, so schloss er, sei es, dass sich unsere Bevölkerungsstruktur langfristig auf der ganzen Welt durchsetzen möge: Wunschkinder überall, weniger, aber bessere Leben, Entschleunigung durch die Langlebigkeit, weniger Druck, weniger Stress für Erde, Klima und Menschen, mehr Gelassenheit rundum. Dies führe zu einer Veränderung unserer Erde, wie sie auch der ältere Mensch erlebe: Auch bei ihm würden die Laster kleiner, verschwinde die Habgier und Völlerei. «Es macht also Sinn, dass wir älter werden», sagt er, «denn erst das Älterwerden ermöglicht das tiefe Nachdenken über unser Dasein.» (db)

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