31/32/2015 Wieder das Salz der Erde sein

Von adminZoZuBo ‒ 31. Juli 2015

Wieder das Salz der Erde sein

Die siebte Veranstaltung der diesjährigen Sommerkulturtage, organisiert von der reformierten Kirche Zollikerberg, trug den Titel «Salz der Erde. Über die Kultur der Gegenwart und das Christentum». Der Pfarrer und Schriftsteller Ulrich Knellwolf trug dem Publikum letzte Woche seine Überlegungen dazu vor.

«Ich begrüsse Sie herzlich zu meinem Referat an diesem heissen Sommervormittag zu einem heissen Thema», eröffnete der promovierte Theologe schmunzelnd seinen Vortrag und erntete damit bereits die ersten Lacher des Publikums. Er begann zu erzählen: 1958 war er konfirmiert worden – einen Monat vor der Segenshandlung war im Religionsunterricht der Gottesdienstablauf vorgestellt worden. Zentral darin sei das «Ja» auf die Frage gewesen, ob die Konfirmandinnen und Konfirmanden ein Leben lang der reformierten Kirche treu sein würden. «Ich befand mich damals in einer rasenden Entwicklung, und Widerstand regte sich in mir. Ich war mir nicht sicher, ob ich in diesem Alter ein solches Versprechen abgeben wollte», erzählte der heute 73-jährige Referent heiter. Zu Hause suchte er die Diskussion mit seinen Eltern. Seine Mutter machte sich sogleich Sorgen, dass er sich am Ende an seiner Konfirmation noch blossstellen würde, sein Vater brummelte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und schlug seinem Sohn vor, diese Frage doch mit dem Pfarrer zu bereden. Was der junge Ulrich Knellwolf umgehend tat – und zusehen konnte, wie dieser Angst bekam bei der Vorstellung, dass jemand mit «Nein» auf seine Frage antworten könnte. Der Vorschlag des Pfarrers war jedoch akzeptabel: Da er die Frage allen gemeinsam stellen würde, könne Ulrich auch einfach nicht darauf antworten. «Das habe ich dann gemacht!» Das Publikum im Vortragssaal lachte schallend. Mit dieser Anekdote zeigte Knellwolf auf, wie gross der Druck der Kirche, Normen und Regeln zu folgen, noch vor lediglich 60 Jahren war. Unsere Gesellschaft denke auch heute noch, dass der Europäer oder die Europäerin ein christlicher Mensch sei – katholisch oder protestantisch – oder auch ein jüdischer. Aber die politischen und demografischen Bewegungen stellten dies klar infrage. Wer von diesem «Normalfall» ausgeht, muss feststellen, dass dies heute längst nicht mehr so ist. «Als ich Pfarrer in Zollikon war, waren zwei Drittel reformiert und ein Drittel katholisch. Heute ist ein Drittel reformiert, ein Drittel katholisch und ein Drittel entweder konfessionslos oder einer anderen Religion zugehörig.»

Ein beliebtes Sujet der Medien sei die leere Kirche, so der ehemalige Pfarrer von Zollikon und Zollikerberg. Wenn mal wieder Flaute herrsche, dann werde das alte Thema der leeren Kirchenbänke nur allzu gerne hervorgenommen. Dass die Kirchen insgesamt nicht mehr so voll seien wie früher, streite er gar nicht ab, jedoch würde er gerne eine andere Vereinigung sehen, die so viele Menschen regelmässig zusammenbringen könne – mal abgesehen vom Fussball.

Trennung von Kirche und Staat

Die Prägung durch christliche und biblische Motive nimmt in der europäischen Kultur stetig ab. Über Jahrhunderte hinweg waren sie dominant gewesen. Es gab keinen bedeutenden Komponisten, der nicht eine Messe geschrieben, keinen Künstler, der nicht biblische Motive gemalt hatte. «Mozarts Auftraggeber war der Erzbischof von Salzburg», erinnerte Knellwolf. Die Kirche hatte die finanziellen Mittel, sie konnte die Aufträge bezahlen. Dies habe sich mit der Französischen Revolution 1789 grundlegend verändert. Der Staat als neue Macht vergab keine Aufträge mehr, Heilige zu malen. Napoleon oder Revolutionsszenen mussten nun in Bildern festgehalten werden. So rückten die christlichen und biblischen Motive in den Hintergrund. Ein weiterer Grund dafür, dass die christliche Prägung aktuell so stark abnehme, sei auch die wachsende Anzahl der Menschen ohne Konfession oder mit anderer Religionszugehörigkeit. Europa sei kein christlicher Kontinent mehr – aber: War es denn je einer? Die christliche Hegemonie sei auf Zwang zurückzuführen. Den Menschen wurde die Zugehörigkeit zum christlichen Glauben in der Geschichte unzählige Male aufgezwungen. «Meine Generation ist die erste Generation seit über 1600 Jahren, die in kirchlichen Fragen wirklich eine Wahl hat. Nur bei der Anhängerschaft von Jesus aus Nazareth wurde auch niemand gezwungen.»

Die Französische Revolution führte zur Trennung von Kirche und Staat. Dem Staat mussten sich alle unterwerfen, die Kirche war freiwillig. Heute werde ein Verlust des Einflusses der Kirche auf die Öffentlichkeit beklagt, so der Redner, der seit 2012 wieder in Zollikerberg wohnt, doch sei er erstaunt, dass nach diesen Hunderten von Jahren Zwang überhaupt noch jemand etwas mit der Kirche zu tun haben möchte. In Frankreich sei die Trennung von Kirche und Staat innerhalb Europas am striktesten. Zugleich sei die herrschende Debatte darüber am lebendigsten. In Deutschland sei die Kirche mit dem Staat immer noch sehr eng verbunden. Die Kirche werde nach wie vor sehr gestützt und geschützt vom Staat – gleichzeitig werde kaum darüber diskutiert. Der Diskurs finde fast ausschliesslich innerhalb des theologischen Kreises statt. Kritisch meint Ulrich Knellwolf dazu: «Man ist versucht, daraus zu schliessen, dass die öffentliche Resonanz und das Bedürfnis der Kirche nach Öffentlichkeit korreliert.»

Ansteckende religiöse Freiheit

Religiöse Freiheit ist ansteckend. Der Referent gibt ein Beispiel: «Ich glaube, dass junge muslimische Frauen in 20 Jahren bei uns keine Kopftücher mehr tragen werden.» Doch die religiöse Freiheit mache vielen Christen Angst, deshalb entstünden auch fundamentalistische Strömungen. Dies geschehe nicht nur bei den Christen. Auch der «Islamische Staat» sei auf diesem Weg zu so viel Macht gekommen: «Die Angst vor der Verweltlichung ist enorm», erklärt Ulrich Knellwolf die aktuellen Begebenheiten. Die Reaktion sei überall die gleiche, nämlich die Strukturen zu stärken und die Reihen zu schliessen. Auch die katholischen und protestantischen Kirchen reagierten auf diese Angst. Die katholische Kirche versuche eher, der Angst mit Konservatismus beizukommen, die protestantische, indem sie aus der Kirche ein Dienstleistungsunternehmen zu machen versuche, das sämtliche Wünsche erfülle. «Aber», so der Pfarrer und Schriftsteller Knellwolf, «wir müssen uns fragen, ob wir wieder das Salz der Erde sein möchten. Wir stehen heute vor der Chance und diese Chance hat Zukunft. Die Kirche kann wieder das Salz der Erde werden, wenn sie nur nicht alles tut. Salz ist bekanntlich nur in kleinen Dosen geniessbar.» (ft)

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