44/2015 Ein schreibender Tüftler und Perfektionist

Von adminZoZuBo ‒ 30. Oktober 2015

Ein schreibender Tüftler und Perfektionist

Martin Hauzenberger, Berner Liedermacher, Journalist und Zolliker der Liebe wegen, hat diesen Sommer manche Nacht schreibend an seinem Stehpult verbracht. Er arbeitete an der Biografie von Franz Hohler. Dass dieser, der solche Ansinnen zuvor abgelehnt hatte, seine Anfrage ohne zu zögern gut hiess, hat ihn beflügelt.

Geschichte und Geografie hat Martin Hauzenberger studiert und sein Studium im Unterschied zu manchem Journalisten- und Kleintheaterkollegen aus den 70er-Jahren – unter anderen Franz Hohler – auch abgeschlossen. Das ist nicht selbstverständlich, denn im Redaktionsalltag der Zeitungen galten Titel damals wenig, es zählte die Belastbarkeit im Tagesstress, die klare Berichterstattung, die Zuverlässigkeit trotz Zeitnot. Viele Studenten fanden den Weg in die Redaktionen über den Einstieg im Sport- oder Kulturjournalismus. Gerne wurden sie von den Redaktionen an kleine zeitaufwendige Kleintheaterabende oder 2.-Liga-Sportanlässe geschickt. Und viele fanden dies schlussendlich interessanter als die Vorlesungen. Nicht so Martin Hauzenberger. Ihn interessiert auf der Welt einfach vieles zu sehr: Geschichte genauso wie Sport. Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie die Zukunft. Und auch wenn so viel gar nicht unter einen Hut zu bringen ist, so erstaunt es doch, wie breit sein Interesse und sein Allgemeinwissen ist, worüber alles er eine Geschichte zu erzählen weiss. «Frag doch Hauzi», heisst es in der Runde, wenn Antworten offen bleiben. Unter seinen Freunden gilt er als wandelndes Lexikon. Als Journalist machte er vorab als Produzent Karriere. «Es interessierte mich immer schon, Berichterstattung in die richtige Form zu bringen. Gerne tüftle ich an einem Titel herum, der eine vorbestimmte Anzahl Buchstaben haben sollte, überlege mir einen süffigen Zwischentitel und arbeite gemeinsam mit dem Journalisten am Text, bis alle Details perfekt aufeinander abgestimmt sind. Ich finde diese Arbeit extrem kreativ», sagt er, «sie ist viel unterhaltsamer als immer bloss selbst zu schreiben.» Dass die Namen der Produzenten in der Zeitung nur den Lesern des Impressums auffallen, war ihm stets gleichgültig. Als Liedermacher bekam er früher Publizität genug.

Inspiriert von den 60ern

«Ich war ein Kind meiner Zeit», sagt er. «Wir waren damals begeistert von ‚Peter, Paul and Mary‘, den Brothers Four, dem Kingston Trio, Bob Dylan, Phil Ochs, Tom Paxton oder auch Georges Brassens, Léo Ferré und Jacques Brel. Und als wir bei Mani Matter hörten, dass man auch auf Berndeutsch Folk Songs singen kann, waren wir hin und weg.» Martin Hauzenberger sagt, er habe das Glück gehabt, dass ihm der Freund seiner Schwester nicht nur gezeigt hat, wie er auf dem erst verhassten Klavier Beatles-Melodien und Rolling-Stones-Songs spielen konnte, sondern er habe ihm durch die Vermittlung der Harmonielehre auch die Basis für das spätere Zusammenspiel mit anderen Musikern gelegt. Bald schon griff er zur Gitarre, übte, indem er viele der berühmten Lieder über die aktuellen Probleme der Zeit nachsang, und griff kurzentschlossen auch bald schon nicht nur in die Saiten, sondern auch in die Tasten der Schreibmaschine. Er wollte eigene Lieder singen. Abend für Abend zog er los mit den Berner Chansonniers, wie sie sich – Martin Hauzenberger, Hugo Ramseyer, Susi Tellenbach und Michael Graf – in Anlehnung an die Berner Troubadours nannten. Sein erstes Album «Der Mitroucher» entstand 1975 unter Mitwirkung von René Bardet, Orlando Valentini und Andreas Vollenweider. Kurz darauf, 1978, veröffentlichte er eine Single, die sich aus aktuellem Anlass fast 2000-mal auf den Zürcher Strassen verkaufte: «Liebeslied a d Migros» hiess die Single und thematisierte, was er als Journalist bei der Zeitung «Die Tat» gerade erlebte: Der Streit von Verlag und Redaktion um die Mitbestimmung bei der Chefredaktorenwahl eskalierte, führte erst zum Streik der Redaktion und schliesslich zur Schliessung der Zeitung. Vier weitere Alben folgten.

Schreiben und Singen gehen Hand in Hand

«Das berufliche Tandem Journalist-Chansonnier hat sich bewährt», sagt er, «jeder Tag bringt neue Ideen für ein Lied.» Und er fügt schmunzelnd hinzu: «Heute halte ich es wie Franz Hohler, der einst sagte: ‚Früher machte ich mir stets Notizen, heute vertraue ich darauf, dass eine wirklich gute Idee von alleine zu mir zurückkommt, falls ich sie vergessen sollte.‘.» Als Chansonnier liess er sich in den 70er-Jahren in Appenzell ein Hackbrett bauen. Für ihn ist es das Instrument der heimischen Volksmusik. «Überall auf der Welt», sagt er, «gibt es Hackbretter, und alle meinen, sie hätten sie erfunden.» Ihn hat es immer inspiriert und noch heute tritt er mit seiner Band «Hauzi and friends» mit einer Mischung aus eigenen Songs und Volksmusik aus aller Welt auf. Damals aber, nach der Migros-Single, galt es erst neue Arbeit zu finden. Martin Hauzenberger arbeitete über die Jahre bei der «Zytglogge-Zytig», der «Schweizer Illustrierten», als Nachrichtenredaktor bei der Fernsehsendung «DRS Aktuell», als Ressortchef Kultur bei der «Berner Zeitung», als Auslandredaktor beim Schweizer Fernsehen, als Produzent und Kolumnenschreiber Oskar bei «Cash», beim «Beobachter» und nun (noch immer) als Teilzeit-Produzent der «Zeitlupe» von Pro Senectute. Es war ein interessanter Weg, auf dem er Gaby Labhart, auch sie Journalistin, kennenlernte, und vor zehn Jahren mit ihr in ihr elterliches Haus nach Zollikon zog. Es ging ihm gut.

Kritischer Blick und klare Worte

Überall war er als Mann der klaren Worte gern gesehen. Einzig bei «Cash», das die Stelle der Produktion als unnötig abschaffte, waren die klaren Worte Hauzenbergers, die er als Oskar im Heft öffentlich äusserte, den Chefs zu viel und führten zur sofortigen Freistellung. «Ich hatte das nicht erwartet», sagt Hauzenberger dazu, «einen Hauch an Humor hatte ich der Chefetage durchaus attestiert. Ich hatte mich geirrt.» Das Kritisieren aber liess er nicht, wenn es ihn nötig dünkte. Weder als Chansonnier noch als Journalist. Hatte er doch mit anderen, mitunter sehr persönlichen Schnitzelbankstrophen etwa über Peter Höltschi (ehem. Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten») oder «Arena»-Moderator Filippo Leutenegger auch erlebt, dass die Protagonisten seine deutlichen Worte mit Humor und Freude entgegennahmen. Nein, den kritischen Blick wird Martin Hauzenberger nicht mehr los. Er sagt und schreibt geradeaus, was Sache ist. Bleibt dabei aber integer, ganz der freundlich gesinnte wohlwollende Mensch, zu dem ihn seine Familie – er wuchs als Sohn einer Methodistenpfarrersfamilie auf – werden liess. Und ganz egal, ob er für die «Zeitlupe» Donna Leon interviewt, für das Lokalblatt der Kirchgemeinde einen Beitrag schreibt oder an den neuen Songs für die nächste CD tüftelt – Hauzenberger bleibt dran, bis er seine Gedanken mittels Worten in die perfekte Form gebracht hat. Genau dies hat Franz Hohler wohl dazu bewogen, seine Anfrage als Schreiber anzunehmen und zu sagen: «Ja, schreib los. Es gibt für mich keinen Grund zur Flucht.» (db)

 

 

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