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47/2015 Mein Sozialeinsatz in Honduras

Von adminZoZuBo ‒ 20. November 2015

Mein Sozialeinsatz in Honduras

 

Das Literargymnasium Rämibühl hat den Viertklässlern die beiden Wochen vor den Herbstferien für ein Praktikum, einen Sprachaufenthalt oder Sozialeinsatz zur Verfügung gestellt. Im Zolliker Boten vom 6. November berichtete Eric Ritter von seinem Gemeindepraktikum, heute erzählt Lara Mühlemann von ihrem Sozialeinsatz in Honduras.

Für mich war von Anfang an klar, dass ich diese Gelegenheit für einen Sozialeinsatz nutzen würde, eher als für einen Sprachkurs. Damit konnte ich mir einen seit einiger Zeit gehegten Wunsch erfüllen. Ich wollte sehr gerne mit bedürftigen Kindern arbeiten, andere Kulturen kennenlernen und für einen gewissen Zeitraum sehen, wie das Leben ausserhalb der «reichen» Gesellschaft aussieht. Da mein Vater vor einiger Zeit selbst Volontär im Kinderdorf der Organisation «Nuestros Pequeños Hermanos» NPH in Honduras gewesen ist und meine beiden Elternteile für NPH Schweiz arbeiten, bekomme ich zu Hause viel über die Hilfsprojekte dieser Organisation mit. Und ich wusste, dass ich mich in einem ihrer Kinderdörfer engagieren wollte. Ausserdem habe ich vor kurzer Zeit angefangen, mit unserem Patenkind in Honduras Briefe auszutauschen, was mein Interesse an Honduras und daran, dieses Land und die Lebensform auf der Ranch kennenzulernen, verstärkt hat. Ich wollte den Kindern dort meine Aufmerksamkeit und Zeit schenken sowie meine Kenntnisse mit ihnen teilen, aber auch von ihnen etwas lernen. Ich stellte mir die Fragen: Werden sie mich überhaupt akzeptieren? Werde ich mich in meiner Verantwortung und meinen Aufgaben wohlfühlen? Unterscheiden sich diese Kinder stark von denen hier?

Im Baby-Haus

Schliesslich war es soweit, und ich fand mich auf einer riesigen Ranch mit unglaublich grossen Pinienwäldern, einem Bächlein, viel Spielwiesen und einem eigenen Bauernhof wieder. Während wir mit dem klapprigen Auto über die holprigen Weglein zu unserem Häuschen gefahren wurden, kamen uns immer wieder spielende kleine Kinder, raufende Buben und freundlich grüssende Schüler entgegen. Alle mit einem echten Lächeln auf dem Gesicht. Später lernte ich, dass zwei Wochen nicht dazu ausreichen würden, die ganze Ranch kennenzulernen, welche ausserdem umzäunt und bewacht war. Nachdem ich meine zukünftigen Aufgaben mit einer kanadischen Volontärin besprochen hatte, marschierte ich jeweils morgens gegen acht Uhr durch den honduranischen Dschungel, über kleine Brücklein, vorbei an streunenden Hunden und einem Pferd auf das Baby-Haus zu. Meine Arbeit bestand darin, zusammen mit der zuständigen Erzieherin und den zehn Kleinsten zwischen 1 und 3 Jahren einen Spaziergang zu den Lehrwerkstätten, zum Kiosk und vorbei an einem der Fussballplätze zu unternehmen. Den späteren Morgen verbrachten wir oft spielend in der Kinderstube. Tatsache war, dass diese kleinen Kinder scheinbar nie müde werden und zudem mehr Tanzrhythmus im Blut haben, als ich jemals gedacht hätte. Sie griffen nach meiner Hand, wackelten mit dem Po und bewegten sich vorwärts und rückwärts zu der ständig laufenden Latino-Musik aus dem Radio. Im Laufe der nächsten zwei Wochen bauten die Kleinen immer mehr Vertrauen zu mir auf, bis sie schliesslich anfingen, mich «Tante» zu nennen. Alles was diese Kinder brauchen, ist noch mehr Liebe, sie genossen jede Umarmung und wollten mich nicht mehr loslassen. Für sie war es ein spezielles Erlebnis in meinen Armen einschlafen zu können, anstatt in ihrem eigenen Bettchen. Gegen Mittag war es für mich an der Zeit, mich mit meinen Eltern und der Schweizer Volontärin bei der Küche für die warme Mahlzeit zu treffen. Gemeinsam hockten wir uns auf Bänkchen unter Palmen, umringt von umherrennenden Kindern, um die köstlichen Bohnen mit selbstgemachten Tortillas zu essen. Wie erwartet, war dies die täglich wiederkehrende Ernährung, womit mein Magen zum Glück keine Probleme hatte.

 

Wale sind keine Menschenfresser

Am meisten freute ich mich, am Nachmittag zu den 8- bis 12-jährigen Mädchen gehen zu dürfen. Sie leben in einem einfachen Häuschen auf dem Mädchen-Areal, weit entfernt vom Baby-Haus, zusammen mit einigen Erzieherinnen und haben alles, was sie brauchen: Bücher und Magazine um zu stöbern, ihren eigenen Spind mit ihren persönlichen Sachen, ihr Kajüten-Bett und einen Hula-Hoop-Reifen. Sie empfingen mich, als wäre ich schon immer da gewesen und trotzdem zeigten sie extrem viel Neugierde. Sie quetschten mich über die Schweiz aus, über meine Schule, über mein Zuhause und einmal durfte ich ihnen auch erklären, dass die meisten Wale keine Menschen fressen, sondern nur Plankton und auch, dass sie keine Eier legen. Darüber waren sie unglaublich erstaunt und konnten es kaum fassen. Ich war jedoch erstaunt darüber, wie viel sie über Chemie Bescheid wissen. Ich selbst wusste beim Abfragen vor dem Prüfungstag nämlich gar nicht, worüber ich eigentlich sprach. Während ein Mädchen mit dem Hula-Reifen spielte, leierte es mir alle Antworten herunter, ein anderes beklagte sich darüber, dass es die Formeln noch immer nicht konnte. Doch als ich mit ihm zusammen eine bildliche Merkhilfe gebastelt hatte, sass der Stoff innerhalb von fünf Minuten und das Mädchen erzielte am nächsten Tag eine sehr gute Note. Nach den Hausaufgaben war Spielzeit angesagt, auf eine für mich sehr ungewohnte Art, ohne Spielsachen. Sie schleppten mich zur Müllhalde um Verstecken zu spielen, auf dem Spielplatz rannten wir umher, im Zimmer versuchten wir den Hula-Hoop-Reifen über möglichst viele Mädchen zu werfen und bei jedem Fehlwurf gab es schallendes Gelächter.

Erfahrungen und Entbehrungen

Am späteren Abend wurden mir von einem der Mädchen wunderschöne Zöpfe geflochten, während ich aus einem Buch vorlas. Nach dem Abendessen und dem Gute-Nacht-Gebet gab es eine kräftige Umarmungsrunde und viel Schlaf, um am nächsten Morgen um 4.30 Uhr wieder aufzustehen. In jeder freien Minute half ich meinen Eltern dabei, Fotos von den Patenkindern unserer Schweizer Paten zu machen, Interviews zu schneiden und die Briefe der Kinder an ihre Paten zu übersetzen. Ich war überrascht von der unglaublichen Offenheit der Kinder, als auch der Erzieherinnen und VolontärInnen. Ich lernte, mit jedem einzelnen Kind anders umzugehen, seine Stärken und Vorlieben herauszufinden und mir all ihre Namen zu merken. Ich genoss die gemeinsamen Zeiten im Freien, wenn alle Kinder lauthals fröhliche Lieder sangen, begleitet von einem kleinen Orchester bestehend aus Trommeln und Gitarren, genauso wie den Karaoke-Abend mit vollem Einsatz von Gross und Klein. Ich musste mich daran gewöhnen, Wasser aus Plastikbeutelchen zu trinken und abends mit Kakerlaken und Ameisen einzuschlafen. Ich freute mich jedes Mal, wenn ein kleines Kind sich noch genau an mich erinnerte und irgendwo auf dem Weg auf mich zu rannte und ich bewunderte, dass sie mir alle voll und ganz vertrauten. Beeindruckt war ich ebenfalls von der guten Ausbildung, die man den Schützlingen in der Schule und den Lehrwerkstätten bietet. Und es war schön, innert kürzester Zeit viele Freundschaften mit den Mitarbeitern und Volontierenden zu schliessen und mit ihnen die Zeit nach der Nachtruhe der Kinder zu verbringen. Einige Abendessen verbrachte unsere Familie auch mit unserem Patenkind, was uns allen besondere Freude bereitete. Der Junge hatte so viel zu erzählen und bedankte sich schliesslich herzlich in einem Brief für all die Liebe, die wir ihm geboten haben. Das Leben auf der Ranch ist so unbeschwert und jeder hat eine Leichtigkeit in seiner Seele, die dich deine Sorgen komplett vergessen lässt. Ich glaube, dass ich genau das erreicht habe, was ich erreichen wollte. Ich glaube auch, dass ich mich in diese Ranch verliebt habe, und ich wünsche mir, sobald wie möglich wieder dorthin zurückreisen zu können. Die Erfahrungen, welche ich während diesem zweiwöchigen Einsatz gemacht habe, werden mich mein Leben lang begleiten und mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubern. (Lara Mühlemann, Zollikon)

 

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