26/2016 «Die Seestrasse 109 soll keine Insel sein»

Von adminZoZuBo ‒ 1. Juli 2016

«Die Seestrasse 109 soll keine Insel sein»

Aus der Not eine Tugend gemacht: Ins ehemalige Pflegeheim Am See ziehen bald  minderjährige Flüchtlinge ein. Wer sind diese, und was erwartet sie in Zollikon? Vertreter des Kantons und aus dem Asylbereich informierten Anfang Woche.

«Das Wetter war einfach zu schön», sagten die einen, «Zollikon ist sich längst an Asylsuchende gewöhnt», die anderen. Nein, gross war der Andrang am Dienstagabend im Gemeindesaal nicht, als Ruedi Hofstetter, Leiter des kantonalen Sozialamts, Thomas Kunz, Direktor der Asyl-Organisation Zürich (AOZ) und Martin Mennen, Leiter des Zolliker MNA-Zentrums (MNA = mineurs non accompagnés), in Anwesenheit von Gemeindepräsidentin Katharina Kull-Benz und Schulpräsidentin Corinne Hoss über die jungen Flüchtlinge informierten, die bald ins ehemalige Pflegeheim Am See einziehen werden. Dessen Verkauf ist durch einen Rekurs blockiert, weshalb es als Zwischenlösung für zwei Jahre zu einem MNA-Zentrum umfunktioniert wird. Gross war aber das Interesse der knapp 30 Anwesenden. Für was die Asylsuchenden Sackgeld bräuchten, wie lange sie blieben, welche Angebote es am Wochenende gäbe und was mit Jugendlichen passiere, die sich nicht an die Regeln hielten, waren nur einige der Fragen, die im Anschluss an die Ausführungen der Experten gestellt wurden.

Bildung steht im Zentrum

Neunzig Flüchtlinge im Alter von 12 bis 17 Jahren, die ohne ihre Eltern in die Schweiz gekommen sind, ziehen im Sommer in die Liegenschaft Seestrasse 109. Grösstenteils handelt es sich um junge Eritreer und Afghanen, eine kleine Zahl stammt auch aus Syrien, dem Irak und Somalia. Die AOZ führt das Zolliker MNA-Zentrum im Auftrag des kantonalen Sozialamts. Martin Mennen spricht von ausländischen Jugendlichen, «die Flausen im Kopf haben wie die unsrigen». Normale junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, die aber Besonderheiten mitbringen: Sie sind traumatisiert. «Viele von ihnen haben Gewalt und Schrecken in einem jungen Alter erlebt, die niemand von uns in seinem gesamten Leben je erleben will.» Sie seien in einer permanenten Alarmsituation, hätten das Gefühl, dass ihnen jederzeit etwas passieren könne. «Oftmals stehen sie wie der Esel am Berg», es fehlten die Perspektive und die Kenntnisse über die hiesige Kultur und Sprache. Viele beherrschten nicht einmal die eigene Sprache in Wort und Schrift, und nun müssten sie sich eine fremde aneignen, ohne dass sie je gelernt hätten, wie man lernt. «Aber die Sprache ist eine Voraussetzung, um das eigene Leben auf die Beine stellen zu können», hält Martin Mennen überzeugt fest. Aus diesem Grund stehe die Schule auch im Zentrum der Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. In Zollikon betreibt die AOZ in den Räumen des ehemaligen Pflegeheims nach den Vorgaben des Volksschulamts eine interne Schule mit fünf Aufnahmeklassen. Die Tagesstruktur ist geregelt, 28 Lektionen pro Woche sind vorgesehen. Auch Thomas Kunz betont, wie wichtig es ist, dass die minderjährigen Asylsuchenden schnell Deutsch lernen. Das Vermitteln der Sprachkenntnisse sei die «optimale Förderung». Gemäss dem Direktor der AOZ werde die grosse Mehrheit der in Zollikon untergebrachten Jugendlichen das Bleiberecht erhalten und in der Schweiz bleiben. Zurzeit befinden sich die MNA in einem Erwachsenenheim in Embrach, was nicht optimal sei, denn Jugendliche bräuchten eine für ihre Bedürfnisse konzipierte, professionelle Betreuung.

Wichtige Aussenbeziehungen

In Zollikon werden die Kinder und Jugendlichen in fünf Wohngruppen im Bezugspersonensystem von Sozialpädagogen betreut – und das rund um die Uhr. Die 24-Stunden-Präsenz gewährleiste auch, dass Anwohner jederzeit eine Ansprechperson des Zentrums erreichen können, erklärt Martin Mennen, der sein Büro nächste Woche an die Seestrasse in Zollikon zügeln wird. Neben der beruflichen Integration sei die soziale das Hauptziel, «und diese kann nicht auf einer Insel geschehen.» Aussenbeziehungen seien für die jungen Asylsuchenden unerlässlich, um erste Integrationsschritte machen zu können. Und hier komme die Zolliker Bevölkerung zum Zug, die auch beim Durchgangszentrum Buechholz wertvolle Unterstützung geleistet habe. «Wir sind fast erschlagen von der grossen Hilfsbereitschaft.» Martin Mennen freut sich und ergänzt, dass insbesondere jene Angebote interessant seien, die den Bewohnern erlauben, ausserhalb des Zentrums Kontakte zur hiesigen Bevölkerung zu knüpfen. «Diese sind Gold wert!» Im bisher grössten Zentrum des Kantons, im Lilienberg in Affoltern am Albis, in dem wie in Zollikon 90 Jugendliche leben, habe sich eine «Tradition des Miteinanders» entwickelt: Die minderjährigen Asylsuchenden besuchen den Jugendtreff, machen an Grümpelturnieren mit, beteiligen sich an Theaterprojekten.

Eine solche Integration erhofft sich der Leiter des neuen MNA-Zentrums auch für Zollikon, und er ist bereits daran, ein erstes Kennenlernen zu planen: Im Herbst wird die Bevölkerung zum Tag der offenen Tür eingeladen. (mmw)

 

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