29/2016 Viele Umwege führen auch zum Ziel

Von adminZoZuBo ‒ 22. Juli 2016

Viele Umwege führen auch zum Ziel

Nein, man kann nicht sagen, dass der Lebensweg von Martha Ruh gradlinig verlaufen ist. In den vergangenen 74 Jahren gab es so manchen Umweg, so manchen Schlenker.

«Im Rückblick war jeder Schlenker richtig, jeder Abschnitt spannend», sagt die Zumikerin lachend. Fast während ihrer gesamten Berufstätigkeit stand sie im Dienst der reformierten Kirche. Dabei hatte es ganz anders angefangen, und zwar in einer Firma für Import und Export. «Das gefiel mir sehr. Wir kauften in Indien ein und verkauften in der ganzen Welt», erinnert sie sich. Es sollte dann zur Weiterbildung nach London gehen, doch das Asthma kam dazwischen. Also zog es die junge Frau in die Berge nach St. Moritz. Mit gerade mal 21 Jahren wurde sie Sekretärin in einem Pfarramt und war damit die einzige im gesamten Engadin. Keinem anderen Pfarrer ausser ihrem Chef wurde eine eigene Sekretärin zugestanden. «Das war schon schwierig am Anfang. Mancher wollte am Telefon gar nicht mit mir reden, sondern meinte, der Pfarrer solle doch bitte selbst anrufen», weiss Martha Ruh noch. Vier Jahre blieb sie dort, dann wechselte sie an den schönen Luganersee, wo sie in der reformierten Heimstätte in Magliaso eine Stelle fand. Als ihr Vorgesetzter nach zwei Jahren ging, verliess einige Monate später auch sie das Tessin.

Der Rucksack wird gepackt

Doch sie suchte nicht gleich die nächste Anstellung. Vielmehr packten sie und eine Kollegin aus Magliaso ihre Rucksäcke und bestiegen ein Frachtschiff. Ursprünglich war das erste Ziel Los Angeles, von wo aus sie Martha Ruhs Bruder im Norden Mexikos besuchen wollten. Aber nach Los Angeles kamen die beiden Frauen nicht. Zunächst ging es – gemeinsam mit der aus 34 Italienern bestehenden Crew – von Hafen zu Hafen. Tagsüber guckten sich die Freundinnen all die Städte an, zum Abendessen ging es wieder an Bord.

An der Küste vor Kolumbien ging ein Ruck durch das Schiff. «Wir waren auf eine Sandbank aufgelaufen», erzählt Martha Ruh. Drei Tage blieben alle auf dem Schiff, das wieder flottgemacht werden sollte. Dann wurden die beiden Frauen zusammen mit der Hälfte der Mannschaft an Land gebracht. «Aber das dauerte», sagt die heute 74-Jährige wieder lachend. «Es brauchte fast einen halben Tag, um das Rettungsboot zu Wasser zu lassen.» Kurzerhand wurde die Reiseroute geändert: Statt via Los Angeles zum Bruder zu gelangen, flogen die beiden Schweizerinnen nach Mexiko-City und fuhren von dort in 32 Stunden mit dem Bus in den Norden Mexikos. Weiter ging die Reise in die USA und dann nach Argentinien, wo eine frühere Kollegin in einem schweizerischen landwirtschaftlichen Gymnasium arbeitete. Fünf Wochen blieben die Besucherinnen und packten mit an. «Und wenn abends um sechs der Generator abgestellt wurde und der Strom weg war, war man besser nicht an den abgelegensten Stellen.» Schweren Herzens packten Martha Ruh und ihre Freundin schliesslich wieder die Rucksäcke. In sieben Wochen reisten sie nach Brasilien und von dort mit dem Schiff nach Hamburg. Martha Ruhs Augen leuchten, wenn sie an diese Zeit und das damalige Urvertrauen denkt. «Wir haben sogar an irgendwelchen Marktständen unsere Taschen deponiert. Passiert ist nie etwas», erinnert sie sich. Wieder in der Schweiz arbeitete sie noch einmal für ein Jahr in Magliaso. Dort hörte sie von einer neuen Heimstätte, die im Kanton Fribourg eröffnet werden sollte. Da würde sicher auch eine neue Sekretärin gesucht, dachte sich Martha Ruh und stellte sich vor. Sie bekam die Stelle nicht, sondern wurde gleich Leiterin. «Ich war gerade dreissig geworden. Ich hatte das Gefühl, mir gehört die Welt», stellt Martha Ruh rückblickend fest. Sie stürzte sich in das Wagnis. Sie war eine Frau, sie war reformiert – das machte es in dem katholisch geprägten Landstrich nicht einfacher. «Es hat wirklich lange gedauert, bis ich akzeptiert war.»

Willkommen in Zumikon

Bis 1975 blieb sie, dann packte sie erneut ihren Rucksack. Gemeinsam mit der Freundin ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland bis nach Japan. Von dort reisten sie weiter nach Hongkong, Thailand, Indonesien, Australien, Brasilien und Mexiko. In Guatemala bestiegen sie wiederum einen Frachter Richtung Genua. «Die zwölfstündige Fahrt durch den Panamakanal verbrachten wir auf der Brücke, der Steward brachte uns sogar das Essen hinauf», so Martha Ruh. Wieder zurück in der Schweiz arbeitete sie in einem Schulheim für auffällige Schüler in Freienstein, später schnupperte sie in einem Alters- und Pflegeheim, und 1987 führte der Weg sie endlich nach Zumikon. «Eine bessere Station zum Abschluss hätte ich mir nicht wünschen können», ist sie heute überzeugt. Als Sekretärin der reformierten Kirche lernte sie schnell Menschen kennen. «Und ich habe mich sofort willkommen gefühlt.» Bis 2005 arbeitete sie im Büro der Kirchgemeinde. Besonders liebte sie die Vielseitigkeit der Aufgaben. Langweilig sei es niemals gewesen. Langweilig wurde ihr auch nach der Pensionierung nicht. Sie wirkte im OK für das Zumifäscht 2007 mit. «Das war in den letzten Monaten davor wirklich eine Fünfzig-Prozent-Beschäftigung.» Sie stellte zudem die Zumiker Agenda zusammen. Privat wurde sie en passant «Grossmutter». Der Junge einer Nachbarsfamilie hatte sie als Grosi auserkoren. «Ich hatte nichts dergleichen gesucht, die Eltern des Buben waren auch nicht auf der Suche. Aber es passte einfach und passt noch heute.» Im Wohnzimmer von Martha Ruh hängen – wie bei jedem echten Grosi – selbstgemalte Bilder und Bastelarbeiten. Ein Stapel Panini-Bildchen wartet auf den Abholer. Bald wird Martha Ruh wieder viel Zeit am Computer verbringen. Ganz nebenbei unterstützt sie nämlich auch ihren Bruder Hans Ruh. Der Sozialethiker hat schon zahlreiche Bücher publiziert. Doch tippen ist nicht sein Ding. Also kommt er mit seinen handschriftlichen Aufzeichnungen zu seiner Schwester und diktiert. Und sie findet diese Zusammenarbeit spannend und nimmt sich gerne Zeit – wenn sie nicht gerade für Pro Senectute unterwegs ist oder eine Seniorenwanderung vorbereitet.

Martha Ruh ist oft umgezogen in ihrem Leben. Doch in Zumikon ist sie wirklich angekommen. «So integriert wie hier könnte ich nirgendwo anders sein», stellt sie zufrieden fest. (bms)

 

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