33/2016 Von Märchen verzaubert 

Von adminZoZuBo ‒ 19. August 2016

Von Märchen verzaubert 

Märchen sind für Kurt Lätsch Ratgeber und Vorbilder in verschiedensten Lebenslagen. Seit über 20 Jahren ist der Zolliker als Märchenerzähler unterwegs.

Vor langer, langer Zeit setzte sich ein junger Mann an sein Pult. Er griff zum Stift, wählte ein schönes Papier und schrieb seine erste Bewerbung. Seine erste und einzige. Elektriker wollte er werden, das wusste er. Und nicht etwa Pfarrer oder Lehrer, auf was Jahre später viele tippten, wenn sie ihm begegneten. Nach seiner Ausbildung und einem weiteren Jahr bei seiner Lehrfirma zog es den jungen Kurt, einen gebürtigen Zürcher, hinter den Brünigpass ins bernerische Hasliberg. 350 Meter über dem Aaretal half er mit beim Aufbau des christlichen Kurs- und Ferienzentrums. Geplant waren drei Jahre, es wurden deren zehn. Kurt packte an, wo immer seine Hilfe benötigt wurde. Ob Trax fahren, Felsen sprengen, Autos reparieren. Und natürlich kümmerte er sich um die gesamte Technik. Eines Tages passierte, was das Leben des jungen Mannes für immer verändern sollte. Kurt traf Heidi. Seine Heidi. Als Sozialpädagogin war auch sie am Anpacken, überall wo es nötig war. Sie kümmerte sich darum, dass alle satt wurden, half in der Wäscherei und bildete Jugendleiter aus. Fortan gingen die beiden zusammen durchs Leben, Seite an Seite. In den 80-er Jahren folgte der Umzug nach Zürich, zurück in die Heimat. An den schönen Zürichsee, nach Zollikon, wo sie mit Unterstützung von Kurts Onkel ein grosses Haus beziehen konnten. Mittlerweile war das Paar nicht mehr alleine, aus dem Zweierteam war eine vierköpfige Familie geworden, die noch weiterwuchs. Heidi schenkte Kurt drei Töchter. Noch mehr Leben ins Haus brachten weitere junge Menschen, die Familie öffnete ihre Türen für solche, die es nicht so einfach hatten im Leben. An der Wybüelstrasse entstand eine Hausgemeinschaft. Kurt war glücklich und zufrieden, am Tag ging er seiner Arbeit als Elektrotechniker am Flughafen nach, kümmerte sich um die Pistenanlagen, sorgte dafür, dass die Flugzeuge sicher starten und landen konnten. In seiner Freizeit begann er zu erzählen, entdeckte seine grosse Passion. Er lernte und lehrte es – und er tut es noch heute. Kurt Lätsch ist Märchenerzähler aus Leidenschaft. Und wenn es das Leben weiterhin so gut meint mit dem 70-Jährigen, so macht er es auch morgen noch. Und übermorgen. Und überübermorgen.

Kurt Lätschs Leben klingt selber ein bisschen wie ein Märchen. Es wäre ein schönes, eines, in dem der Held stets seinen Weg geht. «Begleitet vom Wind», wie der Zolliker sagen würde. Der Wind, das sei die Stimme, die immer wieder in seinem Kopf auftauche. Ihm immer wieder und wieder zeigte, wo er langgehen solle. Was als nächstes kommen wird. Er sagt nicht, er sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Er sagt: «Ich hatte zur richtigen Zeit die richtige Intuition.»

Glücksgefühle  

Kurt Lätsch sitzt in seinem Haus an der Wybüelstrasse und erzählt. Erzählt davon, wie er gefunden hat, was ihn auch heute noch immer wieder Glücksgefühle erleben lässt: Märchen. Sie sind seine Welt, in sie taucht er gerne ein, vertieft sie, interpretiert und übersetzt sie in seine eigene Erzählsprache. Wirklich taugen als Märchen würde sein Leben allerdings nicht. Denn nach seiner Märchendefinition werden in Märchen in den ersten Sätzen Situationen beschrieben, die durch etwas gestört sind. Ein Mangel besteht, jemand ist krank, arm oder stirbt, jemand wird alleine gelassen. Was folgt, ist der mögliche Lebensweg, ein Weg, der zur Heilung führt oder führen kann. «Ein Held oder eine Heldin begeht einen Weg, meistens allein, den er oder sie gehen muss, damit es zur Erlösung kommt.» Auch Kurt Lätsch ging seinen Weg, ohne dass er sich je gross gefragt hatte, wohin dieser führen würde. Er sei einfach an ihn herangetragen worden. Wie der Wind, der ihm stets die richtige Entscheidung zugeflüstert, ihn in die richtige Richtung geweht hat.

Märchen aus seiner eigenen Kindheit kannte Kurt Lätsch nicht, höchstens ein paar Grimmmärchen, wie er sagt. Seinen Töchtern aber habe er immer gerne Geschichten erzählt. Frei interpretierte, was ihm gerade in den Sinn kam. Aber wehe, er versuchte eine Moral reinzubringen. «Chasch grad ufhöre», hätten seine Mädchen sofort protestiert, wohl wissend, dass der Vater damit ihr eigenes Verhalten ansprach.

Die Wesentlichkeit, nicht die Wirklichkeit

Irgendwann, vor über 20 Jahren, stiess der Zolliker auf den Märchen-Kurs des Instituts für angewandte Psychologie in Zürich. Er hatte nicht danach gesucht, vielmehr habe der Kurs ihn gefunden. Seitdem lässt ihn die Märchenwelt nicht mehr los. Kurt Lätsch besuchte den Favola-Märchenerzählkurs bei Elisa Hilty in Winterthur, die über zwanzig Jahr lang Erwachsene in Märchen unterrichtete. Ebenso absolvierte er verschiedene Weiterbildungen in systemischer Aufstellungsarbeit, im Familienstellen und auch in Märchenaufstellungen. «Beziehungen interessieren mich, und sie kommen überall vor», erklärt Kurt Lätsch, «in der Familie, am Arbeitsplatz, im Märchen.»

Was ihn so an Märchen fasziniert? Kurt Lätsch zitiert Max Lüthi, Schweizer Literaturwissenschaftler und Märcheninterpret des 20. Jahrhunderts. «Märchen handeln nicht von der Wirklichkeit, sondern von der Wesentlichkeit.» Oder in Kurt Lätschs Worten: «Märchen sind durchlebt». Sie seien zwar frei erfundene phantastische Geschichten und im Unterschied zur Sage und Legende ist ihre Handlung weder zeitlich noch örtlich festgelegt, doch werden häufig Themen wie Betrug, Untreue, Eifersucht oder Intrigen aufgenommen. Themen, die früher ihre Relevanz hatten und sie auch heute sowie in Zukunft noch haben. «Märchen erzählen vom Leben. Sie sind unsere Lebensgeschichten.»

Mittlerweile ist Kurt Lätsch nicht nur als Märchenerzähler unterwegs, sondern gibt auch selber Märchenkurse. Die richtige Atmosphäre ist ihm dabei stets wichtig. Passend zur jeweiligen Handlung breitet er bunte Tücher aus, um die Stimmungen zu unterstreichen. Mit kleinen Gegenständen wie Nüssen, Äpfeln oder auch mal Fröschen umrahmt er die Geschichten und lässt mit einer Klangschale die Zuhörer in sie ein- und bewusst wieder aus ihnen auftauchen. Während Kinder nach der Erzählstunde meist ihre Wege gehen, nehmen sich die Erwachsenen nach dem Erzählen Zeit, die Botschaft des Märchens durch den gemeinsamen Austausch zu vertiefen. Denn ihren schönsten Zauber entfalten die Märchen im Zusammensein, ist Kurt Lätsch überzeugt. Und diesen Zauber sieht der zweifache Grossvater auch immer wieder in den Augen seiner beiden Enkel leuchten, die es jeweils kaum erwarten können, bis Opa Kurt sie in seine Märchenwelt mitnimmt. (mmw)

 

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