25/2017 Der Musikvermittler

Von adminZoZuBo ‒ 22. Juni 2017

Der Musikvermittler

Der Leiter der Musikschule Zollikon Michael Gohl, geht mit 62 in Frühpension, um sich ganz der Ausbildung und der Königsdisziplin der Musikvermittlung, dem Offenen Singen, zu widmen. Schade für Zollikon, gut für die Welt.

Seit 2000 ist Michael Gohl Leiter der Musikschule Zollikon. Nun geht er nach 17 Jahren. «Nach 17 guten Jahren», sagt er, «denn es ist kein Tag vergangen, an dem ich nichts Neues gelernt hätte in den vielen Gesprächen mit Lehrern, Schülern und Eltern.»Dabei wusste und konnte er bereits viel, bevor er nach Zollikon kam. Als zweitältestes von fünf Kindern in einer Musikerfamilie in Winterthur gross geworden, war ihm Musik von Geburt an vertraut. Musiker gingen mit ihren Instrumenten im Haus ein und aus und spielten oft bis spät in die Nacht, sodass die Kinder wohlig unter den Klängen der Kammermusik einschliefen. Als Sohn eines engagierten und berühmten Dirigenten musste er aber auch lernen, mit den Licht- und Schattenseiten des väterlichen Ruhmes und dessen Einfluss auf sein eigenes Leben umzugehen. «In den 70er Jahren», sagt er, «war es geradezu verpönt, dem Vater nachzufolgen – es galt etwas Eigenes zu tun – und so brauchte ich ein wenig Zeit, um zu merken: Freiheit und Selbständigkeit bedeutet, das zu tun, was man gerne machen möchte und auch machen kann. Ich hatte ähnliche Gene erhalten, hatte ähnliche Stärken – mein Weg war zwar mein eigener, aber demjenigen meines Vaters von aussen betrachtet doch sehr nah.» Michael Gohl wurde erst Primarlehrer, schrieb sich dann als Musikstudent an der Musikhochschule ein, studierte in Genf, Basel und Zürich mit Bravour und wurde Klarinettist, Musiklehrer und Chorleiter. «Ich hatte ein gutes Niveau erreicht, durfte gemeinsam mit ausgezeichneten Ensembles wie dem Carmi na-Quartett spielen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: Will ich in Zukunft um Auftritte und Anerkennung kämpfen oder einfach da gute Arbeit machen, wo sie gefragt und sinnvoll ist, nicht zuletzt auch als junger Familienvater?»

Könner

Die Entscheidung fiel ihm leichter als erwartet: Die Arbeit als Chorleiter erfüllte ihn gleichermassen. Und die gerade freigewordene Teilzeitstelle als Musikschulleiter in Zollikon vereinte Pädagogik und Musik und liess ihm erst noch genügend Freizeit und Raum, um neben dem Familienleben auch seine diversen Chorprojekte weiter zu verfolgen. Keine Frage, dass er sich da bewerben sollte! Das tat er und bekam die Stelle. Ein Glücksfall für ihn und für Zollikon, wo einst (1975) eine starke und ehrgeizige Elternschaft ihren Sprösslingen unter der Leitung von Kammermusiker Raffaele Altwegg eine professionelle, als Verein organisierte Musikschule im Dorf geschaffen hatte, um Zeit und Kosten für den Weg zum Konservatorium in der Stadt einzusparen. Im Grunde erwartete Michael Gohl damit keine einfache Aufgabe: Wiederum trat er in die Fussstapfen eines erfolgreichen Mannes, um sie in eine eigene, weiterführende Spur zu führen. Bereits darin geübt, tat er dies mit Umsicht, aber bestimmt. 46 Jahre alt war er damals und sich seiner musikalischen wie pädagogischen Qualitäten bewusst. «Pädagogik und Musik haben sich bei mir seit jeher die Waage gehalten», sagt er, «beides interessierte mich gleichermassen. Doch erst als ich 50 Jahre alt wurde, haben sich für mich beide Seiten gänzlich vereint.» Damals schrieb seine Frau gerade eine Masterarbeit in Heilpädagogik und brachte neue Impulse aus der Hirnforschung und dem Schulalltag nach Hause, die sie mit ihrem Mann diskutierte. Vieles davon floss nun auch in seine Arbeit und in die Musikschule ein.

Meister

«Immer schon, wusste ich: Kinder entwickeln erst Freude am Lernen, wenn sie damit auch Erfolg haben – bei einem Musikinstrument ist das nicht anders. Eine gewisse Willenskraft ist deshalb unabdingbar. Dann las ich: 10’000 Stunden muss man investieren, um in einem Beruf ein Profi zu werden, und 10 bis 20 Jahre, um es zur Meisterschaft zu bringen. Und ich rechnete nach und fand: Dies trifft sowohl in der Musik als auch in der Pädagogik ebenfalls zu!» Er habe auch beobachtet, sagt er, dass das viel gerühmte Multitasking im Grunde immer auf Kosten des einzelnen «task» gehe und nicht nachhaltig sei, auch wenn es den Kindern schwer falle, zwischen vielen reizvollen Aufgaben auszuwählen. Bald spürte er, dass es auch für ihn Zeit war, seine Arbeitskraft einzuteilen. Dass es weder für ihn noch seine Umgebung gut war, wenn er sich durch zu viel Arbeit in den verschiedensten Bereichen bis zur Erschöpfung verausgabte. Was also tun? Er ging – ganz er – sehr systematisch vor: «Ich fragte mich», sagte er, «was mein Hauptanliegen war und wo meine Arbeit am nachhaltigsten ist. Die Antwort lag auf der Hand: Ich wollte möglichst vielen Menschen Musik vermitteln, ihnen aufzeigen, wie glücklich gemeinsames Musizieren machen kann, wie schön es ist, Musik nicht nur zu konsumieren, sondern selbst aktiv zu sein.» Als Chorleiter tat er dies ja schon seit langer Zeit auf unterschiedlichstem Niveau, von Kinder- und Jugend- bis hin zu professionellem Leistungschören. Waren aber für die Erarbeitung eines anspruchsvollen Chorwerkes mit den 50 Sängern des Laudate Chors etwa 150 Stunden nötig, so erreichte er mit Schulhaussingen, von denen er mittlerweile Dutzende dirigierte, in 20 Stunden etwa 300 Schülerinnen und Schüler. Und für diese war ein solches Konzert manchmal lebens­verändernd. Damit war die Frage für ihn geklärt. Er gab 2010 die Leitung des Laudate Chors ab. Und nun, ein paar ­Jahre später, auch die Leitung der Musikschule Zollikon. Denn unterdessen widmet er sich weltweit der Königsdisziplin der Musikvermittlung, dem Leiten von Offenen Singen, worüber er auch ein Buch herausgab, welches nun auch in Englisch vorliegt.

Virtuose

Es ist nicht selbstverständlich, dass er darin Meisterschaft erreichte. Der Schatten seines berühmten charismatischen Vaters auch auf diesem Gebiet machte es ihm nicht leicht, doch die Vision und die Gewissheit, dass dies auch heute noch möglich ist, waren stärker. So gelingt es ihm heute an Festivals in Turin, Jerusalem oder auch in Mailand auf der Piazza del Duomo tausende von Menschen durch gemeinsamen Chorgesang tief zu berühren. «Planung, Präsenz und ein guter Pilotchor sind das A und O eines Offenen Singens», sagt Michael Gohl. «Es gilt, eine gute Mischung an Liedern bereit zu haben, lebendige und ruhige, schwierige und einfache, damit sowohl geübte Sänger wie Laien sich daran erfreuen können. Dazu ein gutes Timing, totale Präsenz, Spontaneität, ein gutes Gespür für das Publikum, um die Atmosphäre zu entspannen oder aber wieder kribbeln zu lassen.» Sogar auf Youtube-Filmen ist die Faszination einer solchen Unternehmung emotional spürbar; wird ersichtlich, wie perfekt es Michael Gohl gelingt, das gemeinsame Singen zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen. Und wie gut es ist, dass er sich nun ganz dem Durchführen solcher Events und der Ausbildung von Chorleitern widmet – auch wenn Zollikon dadurch einen guten Musikschulleiter verliert.(db)

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