27/2017 Freie Sicht aufs «Zürcher» Mittelmeer

Von adminZoZuBo ‒ 6. Juli 2017

Freie Sicht aufs «Zürcher» Mittelmeer

In der Seebadi Utoquai kann man getrenntgeschlechtlich schwitzen und planschen, aber miteinander den Snack geniessen.

Es summt und brummt in der Beiz der Seebadi Utoquai. Der Restaurant-Bereich ist das Herzstück der alten Badi und der Mittelpunkt. Die Lufttemperatur schlägt der Bademeister gerade mit 32 Grad an. Man schwitzt schon, ohne sich zu bewegen. Ein harter Tag für die Mitarbeitenden, die in der Küche stehen, das schmutzige Geschirr abräumen, schnell die Tische abwischen und ab und zu auch über die Stirn. Wohl bekannt ist das Buffet mit fremdländischen und heimischen Spezialitäten: Härdöpfelsalat neben Humus, Blattsalat neben eingelegten Tomaten, Oliven, Fladenbrot und Pita – alles muss immer wieder nachgefüllt werden. Bezahlt wird an der Kasse nach Gewicht. Dort gibt es auch die Klassiker wie Bratwurst oder das hausgemachte ­Birchermüsli. Erst glaubt man, ­Lorraine sei eine sehr begehrte Badenixe. Immer wieder wird nach ihr gerufen. Doch schnell wird klar: Hier wird die Quiche Lorraine angekündigt. Wenn sie fertig ist, wird sie persönlich gebracht. Da gibt es keinen Summer oder Pager, der ­vibriert. Fein kommt auch das Rindstatar daher mit noch warmen Toastbrotscheiben und kalter Butter. Genau die richtige Menge, um sich mit nicht zu vollem Bauch wieder in die Fluten zu stürzen. Aber auch Fischfreunde kommen auf ihre Kosten. Es gibt ebenso Tatar vom Lachs. Die Badi Utoquai lebt auch von ihrem besonderen Charme, von der urigen Holzfassade, natürlich auch von der Lage. Am Mittag sind sie alle hier: die Berater mit Anzug und Krawatte, die drahtigen Senioren, Jugendliche in der (eigens verlängerten) Pause, junge Frauen mit winzigen Bikinis. Hier lehnt die Aktentasche neben dem Badebeutel. Hier kaut der Bodybuilder neben dem Banker. Knappe Badehose neben Zweireiher.

Unter dem Boden das Wasser

Das Ambiente verspricht südliches Flair. Die Tische in Blau und Weiss erinnern an griechische Postkartenmotive. Dazu passt perfekt der Olivenbaum mit dem dicken Stamm. Zwischen den Holzdielen am Boden schimmert der See mit seinen kleinen Wellen durch. Noch sommerlicher wird der Eindruck durch die bunten Blumen, mit denen der Innenraum hübsch dekoriert ist. Genauso liebevoll dekoriert kommt der Hamburger aus der Küche. In dem grossen Sesam­brötchen versteckt sich viel Fleisch, ­leckere Cocktailsauce, Gurke, ­Tomate: Es ist extrem schwierig, den Hamburger mit dem nötigen Anstand zu essen. Aber das ist ja leider bei jedem guten Hamburger so. Als besondere Spezialität gibt es heute eine kalte Rüebli-Orangen-Suppe. Die ist erfrischend, aber ­leider ein bisschen zu dünn. Da ­haben die selbstgemachten Fruchtsäfte mehr zu bieten. Mit viel Fruchtfleisch garantieren sie einen Vitaminkick. Gut war offenbar auch der Aprikosenkuchen. Er ist schon ausverkauft. Am Nachbartisch öffnet eine ältere Dame ihre Tupperdose. Das Picknick auf der Terrasse ist nicht offiziell erlaubt, wird aber wohl geduldet – so lange es nicht überhandnimmt. Immerhin hat sich die Frau ihr Getränk auch an der Bar geholt. Apropos Getränke: Es gibt eine grosse Auswahl an Limonaden, Bieren, Weinen. Es gibt einen selbstgemachten Eistee. Und es gibt Negroni – den Klassiker aus Wermut, Gin und Campari, den man selbst in mancher Cocktailbar nicht bekommt. Für die Mittagszeit ist das aber eindeutig zu viel Alkohol. Der Genuss muss auf später verschoben werden. Wann genau die Küche schliesst, entscheidet der ­Bademeister. Er sagt, wann jeweils die Badi ihre Pforten schliesst, eine halbe Stunde zuvor gehen in der ­Küche die Lichter aus.

Nichts kommt aus der Fritteuse

In dieser Küche steht übrigens keine Fritteuse. In dieser Badi-Beiz gibt es keine Pommes. Und weil es kaum Kinder hat, beschwert sich auch niemand. Das Besondere an diesem Restaurant-Bereich ist aber, dass er eine Schnittmenge ist. Rechts von der Beiz sonnen sich die Frauen, links ist der Männerbereich. Nur in dem Mittelstück treffen die Geschlechter aufeinander. Essend oder beim Sonnenbad. Der Übergang ist fliessend. Der Schweiss heute leider auch. Aber das kann ja auch verbinden – so wie ein gemeinsam genossenes Glacé aus der Tiefkühltruhe. Bei so viel Trubel ist es natürlich laut. So laut, dass der ­ältere Herr seine Hörgeräte gleich mal neben den Teller gelegt hat. Es sind überhaupt viel mehr Männer als Frauen an den Tischen anzutreffen. Vielleicht arbeitet der weibliche Anteil einfach konsequenter an der perfekten Badi-Figur. (bms)

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