27/2017 Mitsching verlässt die Schule

Von adminZoZuBo ‒ 6. Juli 2017

Mitsching verlässt die Schule

Adrian Michael, von seinen Schülern seit Jahrzehnten oft liebevoll «Mitsching» genannt, geht in Pension. 37 Jahre lang war er nicht nur Primarlehrer in Zollikon, sondern an die vierzig Mal Ferienlagerleiter, sowie Organisator und Dirigent etlicher öffentlicher Schul­chor-Auftritte und engagiertes Mitglied verschiedener Dorfvereine.

Elf Jahre alt war er, als er seiner Mutter beim Mittagessen verkündete, er wisse nun genau, was er werden wolle, Primarlehrer nämlich. Weshalb ihm diese Einsicht so plötzlich kam, das weiss Adrian Michael nicht mehr, doch sie hat ihn nicht mehr verlassen. Nicht mal, als er nach dem ersten Klassenzug im Zollikerberg für ein paar Jahre als Flugbegleiter um die Welt flog. Er wusste, das war bloss ein Intermezzo: Es war zwar schön, eine Zeit lang die Welt zu entdecken, doch es würde ihn wieder in vertraute Gefilde ziehen. Genauer in ein Klassenzimmer, denn darin fühlte er sich einfach wohl. Als Kind und Jugendlicher war ­Adrian Michael ein begeisterter Pfadfinder. Er mochte die Kameradschaft, das gemeinsame Planen von Samstagnachmittagen, das gemütliche Beisammensein, das freie Lernen im Wald. «In der Pfadi», sagt er, «habe ich das wesentliche Rüstzeug für den Lehrerberuf gelernt. Die Achtung und den Respekt untereinander, Verantwortung übernehmen, mit Kindern umgehen, das Planen in Freiheit, das Führen ohne Druck.» Wer ihn kennt, weiss, dass er all die Lehrerjahre – und es sind unterdessen deren 37 und alle in Zollikon – genau dies in seinem Unterricht lebte. Immer war es ihm das Wichtigste, dass die Kinder seiner Klassen kameradschaftlich miteinander umgehen. Es war ihm ein grosses Anliegen, in der Klasse eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen. Erst so gelingt es jedem, das spürt er genau, gut zu lernen, seine Stärken auszuleben und mit seinen Schwächen zu leben – und als Teil der Gemeinschaft sein Bestes zu geben. Auch selbst unterrichtet er nie von oben herab – stets bleibt er auch in der Lehrerrolle der wohlwollende Mensch, der kein Kind nur nach Noten oder Fehlerquoten beurteilt, sondern jedes ernst nimmt und stets Wege sucht, jedem den nötigen Rückhalt zu geben und so gut als möglich jedes nach seinem Bedürfnis zu fördern.

Musik ist Balsam für die Seele

Musik und Gesang, ein Lied auf dem Klavier, sowohl im Klassenzimmer wie auch als Schulhaus-­Erlebnis und öffentliche Auftritte gehören für Adrian Michael ganz selbstverständlich zur Seelenpflege seiner Schützlinge. Jahr für Jahr trat er mit seinem Klassen- oder Schulhauschor in der Kirche, im Wohn- und Pflegezentrum (WPZ) und im Burghölzli auf, einmal sogar im waadtländischen Pully und zusammen mit einem Erwachsenenchor auf der Bühne des Schauspielhauses in Zürich. Und wenn er mit seiner Klasse im WPZ Artur Beuls Lied «Am Himmel staht es Stärnli z’Nacht» anstimmte, sang auch das Publikum mit Tränen in den Augen mit. Keines der Kinder wird das je vergessen. Adrian Michael ist ein Lehrer aus Berufung. Zum Glück hat sich die Zolliker Behörde damals in den 70-er Jahren von seinen langen Haaren, seinem Deux-Chevaux und seinen fortschrittlichen Einstellungen im Hinblick auf Blockzeiten und Tagesschulen nicht abschrecken lassen. Und ihn trotz intensiver Diskussion und mit Nachdruck ­geäusserter Bedenken mancher Schulpfleger und Lehrer angestellt. «Damals fiel ich schon ein wenig aus dem Rahmen», sagt er. «Viele Lehrer gaben noch mit Krawatte und weissem Arbeitskittel Schule und fanden es seltsam, den Unterricht in den Wald oder auch mal in die Zolliker Seebadi zu verlegen.» Bei Kindern und Eltern aber kam seine unkonventionelle Art gut an.  Adrian Michael schaffte ein Vertrauensverhältnis weit über das Klassenzimmer hinaus. Was er noch als Küsnachter Seminarist mit seinem ersten Zolliker Job als Nachhilfelehrer und Lager-Hilfsleiter aufzubauen begonnen hatte, spann sich über all die Jahre übers ganze Dorf. Er engagierte sich nicht nur als Primarlehrer, als Sommer- und Winterlagerleiter (knapp 40!), sondern auch als Hausvorstand und Vermittler zwischen Schulpflege und Lehrerschaft, Chorleiter etlicher öffentlicher Weihnachtskonzerte, Präsident des Vereins Jugend und Freizeit, als Vorstandsmitglied der Elternkommission der Pfadfinder, als aktives Mitglied des Theatervereins, als Redaktionsmitglied des Zolliker Jahrheftes und Chilbihelfer. Er ist Zollikon sehr verbunden. Und er wird dies auch nach seiner Pensionierung bleiben, obwohl er neben Zollikon unterdessen auch im bündnerischen Falera eine zweite Heimat gefunden hat und in Umbrien eine dritte.

An drei Orten zu Hause

Beide Orte sind ihm sozusagen zugefallen. Falera über seinen besten Jugendfreund, der mit seiner Familie da eine Ferienwohnung hat und ihn gleich anrief, als eine andere Wohnung frei wurde. Und Umbrien über seinen Bruder, der sich als IKRK-Mitarbeiter in Brasilien gerne in Europa einen Rückzugsort erwerben wollte, und ihn bat, sich für ihn danach umzusehen. Das tat Adrian Michael gerne und wurde dank Zolliker Freunde auch sehr schnell fündig. «Sie vermittelten mir eine Wohnung in einem tausendjährigen Kloster am Trasimenischen See», erzählt er, «mein Bruder gab mir anhand der Fotos gleich grünes Licht.» Immer wieder fährt er nun fort. Nach Falera beinahe jedes Wochenende, nach Umbrien ein paar Mal im Jahr. Er mag das Gefühl der Vertrautheit auch hier, das Wiedererkennen und sich daheim fühlen. Er mag es, Wurzeln zu schlagen, in Zollikon genauso wie in Falera und am Trasimenischen See. Es ist diese Vertrautheit, die er als Lehrer für die Kinder erschafft und selbst als Mensch an diesen drei Orten erlebt, die ihm die Ruhe und Musse schenkt zu schreiben. So hat er in Umbrien und Falera drei Kinderbücher geschrieben, zahlreiche Artikel für Wikipedia, Artikel für das Zolliker Jahrheft und nun – ganz aktuell – ein Buch über die Sagenwelt Zollikons. Es wird im Herbst erscheinen. Nun tritt Adrian Michael die Pension an. Er wird der Schule jedoch weiterhin als Vikar und Begleiter für Schulreisen zur Verfügung ­stehen, bei Projekten mithelfen und – wer weiss – vielleicht auch wieder als Hilfsleiter in einem Lager einspringen. (db)

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