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9/2018 «Die richtigen Grenzen setzen»

Von adminZoZuBo ‒ 1. März 2018

«Die richtigen Grenzen setzen»

Seit 1979 leitet Esther Galli in Zumikon eine Spielgruppe – die Fröschli-Gruppe. Erst in Räumen im Alten Gemeindehaus, seit 1982 im Gemeinschaftszentrum. Zahlreiche Kinder haben in fast 40 Jahren bei ihr getanzt, ­gesungen, Geschichten gehört, gebastelt und gespielt.

Interview: Birgit Müller-Schlieper

Im Gespräch mit dem Zolliker Zumiker Boten äussert sich Esther Galli über Grenzen, Vertragen, Träumen und Abschied nehmen.

Frau Galli, wie sind Sie zum Beruf Spielgruppenleiterin gekommen?

Zur Ausbildung ging ich für ein Jahr in die französische Schweiz und arbeitete in einem Kinderheim. Ich war zuständig für die Betreuung von Kindern zwischen einem und vier Jahren. Das war eine prägende Erfahrung. Kinder haben in meinem Leben immer eine grosse Rolle gespielt. Schon als junge Mutter besuchte ich diverse Kurse und Seminare über Psychologie und die Förderung im Kleinkindalter.

Gibt es einen grossen Unterschied zwischen den Kindern früher und heute?

Zum einen waren Kinder früher mehr mit ihren Freunden draussen unterwegs. Eltern hatten weniger Kontrolle. Für die Kinder aber war klar, dass sie spätestens in der Dämmerung nach Hause mussten. Die Angebote waren nicht so reichhaltig, die Kinder mussten ihre Freizeit selber gestalten. Es gab nicht so viele Fernsehkanäle, keine Smartphones, keine Tablets. Aber da darf man nicht drüber lamentieren. Die Welt ist so, wie sie ist. Wir müssen den Kindern den Weg weisen und die richtigen Grenzen setzen. Die Kinder sind heute selbstbewusster und fordern mehr ein. Sie werden mehr in Entscheidungen eingebunden und dürfen mitreden.

Kinder lieben Rituale. Gibt es die bei den Fröschli-Kindern auch?

Absolut. An der Wiederholung können sich Kinder orientieren. Ich begrüsse die Kinder, rede mit jedem einzelnen, dann kommt das Freispiel, ehe wir alle gemeinsam das Znüni rausholen. Anschliessend geht es mit Themen oder Projekten weiter. Dabei orientiere ich mich stets an den Kompetenzen der älteren Kinder. Die jüngeren sind stets eifrig dabei. Wenn nötig, wird ihnen auch von den älteren Kindern geholfen.

Rund zehn Kinder zwischen zwei und drei Jahren in einem Raum. Das klingt anstrengend.

Ich habe meine Arbeit noch nie als anstrengend empfunden, eher als eine grosse Bereicherung. Natürlich, manchmal wird es laut. Dann hole ich mein Handy mit einer Lärm-App raus. Wird die Zahl tiefrot, wird es sofort ganz still. Hinterher dürfen die Kinder mal richtig laut sein, die Zahl nach oben brüllen und dann ist es gut. Mein Bestreben ist, die Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und ihnen Unterstützung und Geborgenheit zu gewähren.

Aber Sie müssen wahrscheinlich auch mal eingreifen bei Streitigkeiten, oder?

Die Gruppe reguliert sich meistens selber. Bei Konflikten finden die Kinder ihren eigenen Weg zum Kompromiss. Manchmal nehme ich das Thema der Auseinandersetzung auch auf. Es ist erfreulich zu sehen, wie liebevoll sie miteinander umgehen und gegenseitig auf sich aufpassen.

Gibt es besondere Werte, die Sie vermitteln möchten?

Auf jeden Fall. Vor allem ein achtsamer und respektvoller Umgang miteinander. Das heisst aber auch, Grenzen zu setzen. Das bedeutet Reibung, erzielt aber auch Sicherheit und Wärme.

Zumikon ist sehr international. Viele kleine Kinder sprechen noch kein Deutsch, wenn sie hierher kommen. Macht sich das bemerkbar?

Fast gar nicht. Kinder brauchen nicht unbedingt eine gemeinsame Sprache, um miteinander spielen zu können. Weil Kinder aber schnell von anderen Kindern lernen und ich grossen Wert auf die Sprachentwicklung lege, sind auch schnell die ersten deutschen Wörter da.

Die Kinder kommen mit rund zwei Jahren zu Ihnen und verlassen die Fröschli-Gruppe für den Kindergarten-Eintritt. Das bedeutet, jedes Jahr Abschied zu nehmen.

Das ist eine sehr emotionale Zeit. Spätestens nach den Frühlingsferien ist das ein Thema bei uns und begleitet uns über Wochen in Form von Ritualen und Geschichten. Für die Kinder beginnt ein neuer Abschnitt und wir beschliessen gemeinsam die Fröschli-Zeit. Für alle – die Kinder, die Eltern und mich – ist das eine bewegende Zeit. Oft kommen die Kinder auch später noch mal zu Besuch.

Was ist mit den sogenannten Helikopter-Eltern? Erleben Sie diese?

Solche Eltern kenne ich nicht. Zugegeben, für Eltern ist es nicht einfach zu ertragen, wenn ihr Kind Erfahrungen machen muss, die manchmal auch schmerzhaft sind. Aber diese Erfahrungen können wir unseren Kindern nicht ersparen. Ich kann das Kind nur begleiten und zum Beispiel genau zeigen, wie es mit einer Schere umgehen muss. Schneiden muss das Kind selber. Das üben wir zum Beispiel auch in der Holzwerkstatt, die wir regelmässig aufsuchen. Der tolle helle Raum, den mir das Freizeitzentrum zur Verfügung stellt, liegt praktischerweise gleich nebenan.

Es gibt zahllose Ratgeber zum Thema Erziehung. Ist es sinnvoll, diese zu lesen?Es gibt sicherlich hervorragende ­Erziehungsratgeber. Die Schwie­rigkeiten aber liegen in der Umsetzung, Veränderungen wirklich dauerhaft herbei zu führen. Das kann kein Buch übernehmen. Auch wenn Kinder uns von Zeit zu Zeit sehr fordern, sind sie einfach bezaubernd. Ihre Direktheit und ihre Offenheit sind einfach entwaffnend. Sie sind einzigartig und liebenswert.

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