Naegelis Graffitis dürfen bleiben

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 1. Juli 2021

Auf Velotouren hat Harald Naegeli schon vor Jahren die Spraydose auch in Zollikon gezückt.

Selten hat Harald Naegeli mehrfarbig gearbeitet. Trotzdem soll die «wartende Wanze» am Dufourplatz aus seiner Dose stammen. (Bild: cef)
Selten hat Harald Naegeli mehrfarbig gearbeitet. Trotzdem soll die «wartende Wanze» am Dufourplatz aus seiner Dose stammen. (Bild: cef)

Passend zur Eröffnung seiner Ausstellung im virtuellen Naegeli-Museum «Musée ­Visionnaire» am Predigerplatz wird nun öffentlich, dass Harald Naegeli auch in Zollikon gesprayt hat. Der 81-Jährige, bekannt als «Sprayer von Zürich», hat mit mindestens drei Figuren seinen Fingerabdruck hinterlassen. Dies aber nicht jüngst. So sind die «Wartende Wanze» an einem Bushäuschen am Dufourplatz und der «Knochenmann» an einer Liegenschaft des Diakoniewerks Neumünster mindestens fünf Jahre alt. Das Werk «Fliehendes Ross mit Reiter» – ebenfalls im Zollikerberg anzutreffen – ist schon über zehn ­Jahre alt. Das erklärt Anna-Barbara Neumann, Assistentin des Sprayers und Co-Kuratorin der Ausstellung. Auch sei der Ort nicht gezielt ausgewählt worden. Auf kleinen Fahrradtouren, bei denen er stets seine Spraydose dabei hatte, sei Harald Naegeli durch Zollikon gefahren und habe sich verewigt.

Sowohl die Gemeinde als auch das Diakoniewerk tolerieren die Hinterlassenschaften. «Bei der Entfernung von Graffiti geht es auch um das Abwägen von Kosten und Nutzen», erklärt Melanie Marday-Wettstein seitens der Gemeinde. So könne es vorkommen, dass schöne und nicht störende Graffitis auch mal stehen gelassen werden.

Dabei hatte der Gemeinderat im vergangenen September beschlossen, Graffitis und Sachbeschädigungen an kommunalem Eigentum konsequent und rasch zu beseitigen. Dieser Grundsatz soll auch für die Unterführungen gelten, obwohl die Bau- und Unterhaltspflicht gemäss Strassengesetz bei der kantonalen Baudirektion liegt. Für die Entfernung von Graffiti in den Unterführungen hat er einen Kredit von 60 000 Franken gesprochen. Die Ausgaben sollen vom Kanton soweit möglich zurückgefordert werden. Alle Sachbeschädigungen an öffentlichem Eigentum würden angezeigt. Könne die Täterschaft ermittelt werden, würden konsequent Strafanträge gestellt.

«Bei uns hat sich die Zürisee-Zeitung gemeldet und angefragt, ob wir wüssten, dass wir einen Naegeli haben», erinnert sich Annika Perrozzi, Sprecherin der Stiftung Diakoniewerk. Die Zeitung war von Co-Kuratorin Anna-Barbara Neumann informiert worden. Annika Perrozzi: «Wir lassen den «Knochenmann» auf jeden Fall stehen und sind froh, dass er nicht in Unkenntnis entfernt worden ist.» Ob es noch mehr Naegelis in der Region gibt, ist nicht bekannt. Anna-­Barbara Neumann erklärt, dass der Zürcher insgesamt 6000 ­Figuren in seinem Leben gesprüht habe und selber nicht mehr wisse, wo er sich verewigt hat. Wer einen Verdacht hat, soll sich im «Musée ­Visionnaire» melden.

Es sind nicht alle so glücklich mit der Entscheidung. Die Frage, was schön ist, wird seit jeher in der Kunst diskutiert. Einer, der es zumindest spannend findet, ist der Graffiti-Sprayer Billy Cekajlo.


Schmierereien oder Kunst?

Jedes Jahr wendet die Gemeinde Zollikon viel Geld auf, um Graffitis zu entfernen. Mit viel Aufwand werden die unerlaubten Schmierereien von den Wänden verbannt. Alle? – Fast. Graffitis von Harald Naegeli dürfen bleiben; sie seien «schön» und zudem nicht störend.

Nun wird das Eis dünn. Was bedeutet Schönheit in der Kunst? Sind Fettflecke auf einer Wanne schön? Sind aufgeschnittene menschliche Mumien schön? Füsslis «Nachtmahr» ist nicht wirklich ein Ausbund an Schönheit. Kurz: In der Kunst darf Schönheit kein Kriterium sein. Was bedeutet «nicht störend»? Es stört die Sicherheit nicht? Den Autoverkehr? Das Stadtbild? Den Sinn nach Ordnung? Mich persönlich stört ein Knochenmann mit dreieckigem Kopf, der an ein Vogelhäuschen erinnert, im öffentlichen Raum. Hingegen finden Jugendliche vielleicht den Schriftzug «FCZ» in einer Unterführung einerseits schön, andererseits überhaupt nicht störend.Nun stellt sich heraus, dass besagte Graffitis nicht von irgendjemandem sind, sondern von Harald Naegeli. Aus Schmierereien wird Kunst.

Dann hoffe ich jetzt, dass meine Art des Parkierens irgendwann als Ausdruck einer Widerstandsbewegung gegen die Gängelung der Autofahrer entdeckt wird. Das gibt eine satte Rückzahlung.

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