Die Lust auf wilde Sachen

Von Antje Brechlin ‒ 26. August 2021

Simone Bargetze agierte als Stuntfrau in über 40 grossen Hollywoodproduktionen. Die bekanntesten waren Avatar, Iron Man 2 und Transformers 3. Beim Blockbuster Transformers war sie ausserdem Stunt Double von Rosie Huntington-Whiteley, der Hauptdarstellerin. Zurzeit lebt Simone Bargetze etwas ruhiger im Zollikerberg.

Stuntfrau Simone Bargetze ist auch eine talentierte Innendekorateurin. (Bild: ab)

Nach Jahren in Hollywood leben Sie seit zwei Jahren hier im Zollikerberg. Wie ist das?

Ich erkunde mit dem E-Bike oft neue, besondere Orte rund um Zollikon. Mein vierjähriger Sohn Jamie-Riot kommt jetzt in den Kindergarten, alles ist zu Fuss erreichbar. Ich finde Zürich im Sommer definitiv die schönste Stadt der Welt. Leider hält der Sommer nicht allzu lange. Ich habe früh gewusst, dass ich weit weg und ein abenteuerliches Leben will und vor allem in der Sonne. Das Leben ist hier schon anders als in einer Millionenmetropole, aber solange Jamie noch so klein war, fühlte ich mich hier sehr behütet. Viele meiner Freunde wohnen ganz in der Nähe, die Natur und Kultur ist nicht zu übertreffen. Von allen umliegenden Zürichsee-Gemeinden finde ich Zollikerberg die beste.

Trotzdem zieht es Sie wieder nach Los Angeles?

Ja, ich habe immer noch eine Tür offen im Hollywood Stuntbusiness. Ich liebe diesen Job, er fällt mir halt leicht. Im Oktober werden wir wahrscheinlich für drei Monate wieder dorthin ziehen. Ein neuer Avatar-Film steht an.

Der Job als Stuntfrau ist doch auch sehr gefährlich. Sind Sie angstfrei?

Natürlich nicht. Man lernt die Gefahren einzuschätzen und muss natürlich trainieren. Für die Hit Vampir TV Show «True Blood» bin ich einmal in die Windschutzscheibe eines fahrenden Mercedesbusses gesprungen. Da hatte ich natürlich Respekt und bereitete mich akribisch darauf vor. Mir taten nachher nur die Füsse weh, weil ich so schlechte Schuhe von der Produktion erhalten hatte. Während der Filmproduktionen ist mir nie etwas Schlimmeres passiert. Alle Frakturen, die ich davongetragen habe, und das waren einige, sind mir im Privatleben passiert. Ich war ein wildes Kind – und bin mit einem grossen Bruder aufgewachsen, der nicht zimperlich mit mir umging. Als kleines Mädchen ritt ich bereits recht kamikazemässig auf meinem Pferd durch meine Heimat, die Liechtensteiner Wälder. Die Lust, wilde Sachen auszuprobieren, ist mir bis heute geblieben.

Wie wird man Stuntfrau?

Es hat sich so ergeben. Irgendwie bin ich immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit gewesen; mein Leben ist fliessend von einem zum nächsten übergegangen. Ich habe meine Chancen immer gesehen und ­genutzt. Zuerst einmal habe ich in Chur Kindergärtnerin gelernt. Nachdem ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, merkte ich bald, dass es dieser Beruf auf Dauer nicht sein kann. Ich wollte raus, das wilde Leben leben. In mir war ein unglaublicher Lebenshunger, auch nach dem Fremden, Unbekannten. Durch meinen besten Freund kam ich zum Zürcher Sender Star TV, später MTV, Sat.1, VIVA Deutschland. Auch in den USA hatte ich meine eigene Sendung namens ­Sister Simone auf Fox Sports Bluetorch und Current TV. Dort moderierte ich, allerdings sehr modern und aus dem Moment heraus. Lange Recherchen waren mir zuwider; lieber forderte ich meine Interviewpartner zu sportlichen Challenges heraus. Sport und Mutproben spielten immer eine grosse Rolle in meinem Leben. Ein Bekannter stellte mich dann einem Stuntman vor, der mir Orte zeigte, an denen man Stunts trainieren kann. Ich blieb den Stuntkoordinatoren wohl mit meiner lustigen Art und dem «Swinglisch»-Dialekt besser in Erinnerung als die harte Konkurrenz aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Mein Vorteil war neben der Sportlichkeit auch die zierliche Statur, was im Stuntbusiness eher ungewöhnlich ist. Die meisten Stuntfrauen sind muskulös-sportlich. Deshalb konnte ich ziemlich schnell viele Schauspielerinnen wie zum Beispiel Rosie Huntington-Whiteley doublen. Sehr cool war auch Heidi Klum, die ich mal bei der Nickelodeon Kids Choice Award Show doubelte. Sie kam mit 40 Grad Fieber zu den Proben. Trotz allem war sie hochprofessionell und dabei angenehm, freundlich und immer noch lustig. Ich habe ohnehin die Erfahrung gemacht: Je berühmter und bekannter Schauspieler und Entertainer sind, desto freundlicher und professioneller sind sie im ­Umgang mit ihren Kollegen. Jim ­Carrey, Bradley Cooper, Robert Downey Jr., James Cameron, genauso wie Bruce Willis, Mickey Rourke oder John Malkovic. Sie alle sind super Schauspieler und anständige Menschen. Allüren haben eher die, die es noch nicht so richtig geschafft haben.

Vor zehn Jahren haben Sie sich aus dem Stuntbusiness etwas zurückgezogen. Was war der Anlass für die Rückkehr in die Schweiz?

Ich war gerade sechs Monate am Set von Transformers 3 in Chicago. Dort drehten wir täglich aussergewöhnlich gefährliche Stunts. Während der Produktion ist sogar jemand ums Leben gekommen. Zur gleichen Zeit war meine Mutter sehr krank und brauchte dringend eine neue Leber. Ich dachte mir, bevor ich hier mein Leben aufs Spiel setze, rette ich meiner Mutter lieber das Leben. So kehrte ich in die Schweiz zurück und spendete meiner Mutter einen Teil meiner Leber.

Sehen Sie das Leben seitdem mit anderen Augen?

Naja, das ist schon eine krasse ­Erfahrung, wenn ein Elternteil so krank ist. Leider hat meine Mutter es nicht geschafft. Aber in meinem Leben hat sich dann auch vieles verändert. Durch einen blöden Skateboard-Unfall habe ich mir beide Füsse gebrochen. Ich war monatelang ausser Gefecht. Das Schicksal musste mich wohl erst einmal in die Horizontale legen. Kurz darauf habe ich meinen Lebensgefährten kennengelernt. Ich wurde schwanger und vor viereinhalb Jahren kam unser Sohn Jamie-Riot zur Welt. Ein grosses Glück. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich mit 40 noch Mutter werde. Alles ist jetzt gut.

Nun sind Sie eine Fulltime-Mama?

Nicht wirklich. Ich habe so viel Energie! Vergangenes Jahr, im ­Corona-Lockdown, habe ich angefangen, unser Haus künstlerisch umzugestalten. Ich bemale die Wände, nehme Naturmaterialien, wie zum Beispiel Äste dazu und kreiere so ganz eigene Welten. Mittlerweile habe ich einige Kinderkrippen und Privathäuser mit diesen Märchenwelten ausgestattet, die ein behagliches, aber auch naturverbundenes Gefühl vermitteln. Mit meiner Firma «Mirrormirror» habe ich neues Terrain entdeckt, um mich auszutoben. Zudem ist ein zweites Standbein sicher nicht von Nachteil. Wer weiss, was das Leben noch bereithält.

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