«Wir sind es gewohnt, immer alles zu haben»

Von Antje Brechlin ‒ 23. September 2021

Die gebürtige Amerikanerin Angela Malmgren, seit elf Jahren in der Schweiz, lebt seit fünf Jahren mit ihrem schwedischen Mann in Zollikon. Kindheit und Jugend verbrachte sie auf einem kleinen Bauernhof in Indiana. Die ausgebildete Montessori-Lehrerin hat sich der Natur – und folgerichtig der Permakultur verschrieben.

Angela Malmgren in einem der von ihr gestalteten Zolliker Permakultur-Gärten. (Bild: ab)

Wie kommt man aus dem tiefsten Amerika in die Schweiz?

Ich bin ausgebildete Montessori-Lehrerin, lernte bereits in der Schule Deutsch und wollte in einem deutschsprachigen Land leben, um als Lehrerin zu arbeiten und mein Deutsch zu verbessern. In Zürich gab man mir die Chance. Vor fünf Jahren sind mein Mann und ich nach Zollikon gezogen. Hier fühlen wir uns pudelwohl.

Seit einem Jahr konzentrieren Sie sich auf die Permakultur. Mit Ihrer Firma «ReGeneration Permaculture» legen Sie Permakultur-Gärten an, halten Workshops im Konservieren und Fermentieren von Obst und Gemüse, führen Bildungsprogramme für Kinder auf einem Permakulturhof in Hombrechtikon durch und unternehmen mit Schulklassen Permakultur-Exkursionen. Ein mutiger Schritt in die Selbstständigkeit. Die Gärten werden ohne Maschinen angelegt und sind das Gegenteil von gespritzten Buchsbaumhecken und wöchentlich geschnittenem Rasen. Sind die Menschen denn bereit für mehr Vielfalt und Natürlichkeit im Garten?

Ich war überrascht, wie gross die Nachfrage nach nachhaltigem Leben ist. Dank meiner Kindheit auf einem kleinen Bauernhof hatte ich das Privileg, aus erster Hand zu erfahren, wie Knospen zu Blüten, dann zu Früchten und Samen werden. Täglich sah ich der Natur bei der Arbeit zu. Sah, woher das Essen auf unserem Tisch kommt. Später wurde mir klar, dass ich diese Erfahrungen an Kinder weitergeben möchte. Dass diese immer weiter weg von der Natur sind, realisierte ich durch meine Arbeit als Montessori-Lehrerin. Jetzt bringe ich Kindern und Erwachsenen die Natur näher. Montessori-Lehrerin und Permakultur passen gut zusammen.

Permakultur nutzt geschlossene Kreisläufe, die die Energie innerhalb des Systems nutzen. Lässt sich das anschaulicher darstellen?

Man pflanzt mehrjährige Pflanzen, die sich gegenseitig helfen, unterstützen oder schützen. Dazu gehören Heilkräuter, Kräuter, Gemüse, Beeren, Obst, Wildblumen und Bäume. Die Pflanzen werden so gruppiert, dass eine zusätzliche Düngung kaum nötig ist. Ein etablierter Permakultur-Garten braucht wenig Pflege und bringt von Jahr zu Jahr eine grössere Ernte.

Können Sie ein Beispiel geben?

Schnecken lieben Salat. Deshalb pflanzt man neben den Salat Kräuter wie Zitronenmelisse oder Gemüse wie Zwiebeln oder Lauch. Den Geruch dieser Pflanzen mögen die Schnecken nicht und knabbern seltener am Salat. Pfefferminze passt gut neben Beeren, der Geruch der Minze hält Beerenschädlinge ab. Und Blumen locken Bestäuber an. Über dem Kompost wächst idealerweise ein Holunderstrauch. Die ­Holunderblätter unterstützen die Mikroorganismen, die das Pflanzenmaterial abbauen und beschleunigen so den Kompostierungsprozess. Alles ist ein Kreislauf. In der Permakultur überlegt man sich ganz genau, welche Pflanzen zusammenpassen. Wenn wir noch ­Lebensräume für Tiere wie Igel oder Eidechsen schaffen, bekommen wir wertvolle Mitarbeiter im Garten.

Gibt es auch jemanden, der das lästige Unkraut jäten übernimmt?

Wir nennen es Beikraut. nicht Unkraut. Auch da versuchen wir mit der Natur zu arbeiten. Wer sich ­damit beschäftigt, stellt fest, dass viele sogenannte Unkräuter essbar sind, etwa der Sauerampfer. Dieser schmeckt köstlich in einem faden Eisbergsalat, ist extrem gesund, weil er für die Verdauung wichtige Bitterstoffe enthält. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Bodendeckende Pflanzen wie Erdbeeren sind eine Möglichkeit, das Beikraut am Wachsen zu hindern. Der ­Boden bleibt feucht und das Bodenleben ist geschützt. Das ist wichtig, damit Nährstoffe im Boden bleiben. Ausserdem muss man weniger häufig giessen. Ist der Boden noch nicht mit Pflanzen überwachsen, bedecken wir ihn mit Mulchmaterial. Das kann getrockneter Grasschnitt, Schnittgut von Pflanzen, Stroh oder Laub sein. Eine Regel der Permakultur heisst, den Boden niemals unbedeckt lassen.

Abgesehen vom Eigennutzen: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Engagement für die Permakultur?

Wir tun unserem Planeten damit einen grossen Gefallen. Unsere Erde leidet durch die konventionelle Landwirtschaft. Jedes Jahr müssen die Felder mehr und mehr gedüngt werden, damit die nötigen Erträge zustande kommen; dem Boden bleibt keine Zeit zur Regeneration. Wir leben im Luxus und sind es gewohnt, alles zu jeder Zeit kaufen zu können. Ich sehe aber auch das Bedürfnis vieler nach ­Natur und bin guter Hoffnung, dass sich unsere Lebensweise diesem Bedürfnis wieder etwas anpasst. Ich kann ein Stück weit dabei helfen, indem ich mein Wissen weitergebe. Es ist so einfach, sein eigenes Essen zu kultivieren. Saisonales Obst und Gemüse zu konservieren, um auch im Winter Erdbeeren zu haben – einfach als Konfitüre.


Permakultur bedeutet «dauerhafte Landwirtschaft» oder «dauerhafte Kultivierung» und basiert darauf, natürliche Ökosysteme und Kreisläufe nachzuahmen. Permakultur-Gärten versuchen, geschlossene Kreisläufe zu schaffen, in denen keine Energie verloren geht oder verschwendet wird.
Als Vater der Permakultur gilt der australische Umweltschützer Bill Mollison, der das System zusammen mit seinem Schüler David Holmgren in den 1970er-Jahren entwickelt hat.

Interessierte finden Informationen und Tipps auf: permakultur-konkret.ch

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