Von der Sonntagsschule zur Secondhand-Boutique

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 29. September 2022

Der Frauenverein schaut auf eine Geschichte von 150 Jahren zurück und wirft einen Blick in die Zukunft.

An der Jubiläumsveranstaltung konnte Präsidentin Gaby Schaub viele Frauen begrüssen. (Bild: bms)

150 Jahre: Diesen Geburtstag feierte der Frauenverein Zumikon im September mit einem grossen internen Fest. Mit Gästen wird am Freitag, 7. Oktober, im ­Chalet auf dem Dorfplatz angestossen – und mit einer Vernissage die Ausstellung zur Geschichte des Vereins eröffnet.

150 Jahre: Das klingt nach lang. Wie lang das wirklich ist, zeigt das Gründungsjahr 1872. Der Bundesstaat Schweiz war gerade mal 24 Jahre jung, als sich in Zumikon schon Frauen zu einem Verein zusammenschlossen. Die Verfassung des Landes war ­modern, für die ­sozialen Belange waren aber die Frauen (natürlich ehrenamtlich) zuständig. Sie kümmerten sich um die Schwachen und vermeintlich Schwachen der Gesellschaft. Sie gründeten eine Fortbildungsschule für Mädchen, riefen die Sonntagsschule ins Leben. Sammelten für Nähmaschinen und die elektrische Beleuchtung im Nähschulzimmer. Im Jahr 1922 wurde frisches Obst ins Bündnerland verschickt, 1943 die erste Mütterberatungsstelle ­gegründet. Zehn Jahre später entstand eine Vermittlung von Helferinnen im Krankheitsfall (der spätere Hauspflegeverein). Mit Mut und Energie übernahmen die Frauen wichtige Aufgaben des Dorflebens. Sie sorgten für Haushaltsunterricht und auch für Hilfe auf dem Hof, wenn die Männer Militärdienst leisten mussten.

Es ist kunterbunt

Kurz: Die Frauen haben sich gegenseitig unterstützt. «Damals stand ganz klar der soziale Gedanke im Vordergrund. Das hat sich mittlerweile geändert, weil das in der Form nicht mehr nötig ist», erläutert Gaby Schaub, seit vier Jahren Präsidentin des Frauenvereins.

Der kleinste gemeinsame Nenner im Verein ist weiblich und erwachsen. Mehr nicht. Danach wird es kunterbunt. Es gibt berufstätige Frauen, berufstätige Mütter, Single-­Frauen, Familienfrauen, Grossmütter mit und ohne bezahlte Arbeit, Frauen mit Spass am Kochen oder am Wandern oder an Musik.

«Natürlich kennen wir das Image von Frauenvereinen», schmunzelt Gaby Schaub. Beim Stichwort «Frauenverein» denkt wohl so mancher an Nachmittage mit Kaffee, Kuchen und Strickanleitungen. Weit gefehlt. Und so unterschiedlich die Frauen, so verschieden auch die Motivation, in den Verein einzutreten. Bei Gaby Schaub war es die Tradition. «Meine Mutter ist selbst mehr als 50 Jahre im Frauenverein, meine Grossmutter hat in ihrer Gemeinde 27 Jahre das Präsidentinnenamt innegehabt.»

Andere kämen in den Verein, um sich vor Ort zu vernetzen. Wer in Zumikon zwar schläft, aber anderswo arbeitet, hat wenig Kontakte. Da hilft Vereinsarbeit. Im Jubiläumsjahr hat sich der Vorstand etwas Besonderes ausgedacht: Jedes Mitglied ist auf Werbetour. Wer am Ende des Jahres am meisten neue Frauen engagieren konnte, darf sich über ein Geschenk freuen. «Niemand muss sich regelmässig engagieren. Wir suchen manchmal punktuell Unterstützung bei Einsätzen», konkretisiert die Präsidentin. «Und wer für einen Anlass einen Kuchen vorbeibringt, bleibt meist auch noch auf ein Schwätzchen.»

Ein wichtiges Standbein des Vereins ist die Kleider- und Spielzeugbörse unterm Dach des Zumiker Treffs. Diese wurde bereits 1970 gegründet. «Lange war es ja etwas verpönt, abgelegte Kleider zu tragen. Das hat sich mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit geändert», freut sie sich. «Für die jüngeren Frauen ist es selbstverständlich, secondhand zu kaufen.» Da in Zumikon aber immer noch mehr geliefert als verkauft wird, wird der Secondhand-Laden des gemeinnützigen Frauenvereins von Ilanz/GR mit Kleidung beliefert. «Da muss allerdings am Secondhand-Image noch gearbeitet werden.»

Der Erlös wird traditionell gespendet. Das heisst aber nicht, dass einfach nur ein Scheck ausgestellt wird. Die Spende ist verbunden mit einem Ausflug, sodass die Frauen vor Ort sehen können, was mit ihrem Geld geschieht.

Synergien nutzen

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Geschichte, auf den aktuellen Zustand und auch einen Blick in die Zukunft. «Wir müssen ganz klar an unserer Mitgliederstruktur arbeiten», weiss Gaby Schaub. Aber nach der Corona-Zeit heisst es erstmal, wieder alte Freundschaften und Verbundenheiten zu pflegen und zu leben. Ausserdem sollen vermehrt Synergien mit anderen Vereinen genutzt werden. «Wir pflegen schon eine gute Zusammenarbeit mit dem Zumiker Männerchor und auch dem Theater Limberg.» Parallel dazu will sich der Verein moderner positionieren. So sollen Einladungen nur noch einmal jährlich mit der Post verschickt werden. Alle anderen ­Versände erfolgen elektronisch. Das spart Farbe, Papier, Geld – ist also viel nachhaltiger. Mit einer neuen Corporate Identity ist das ­Erscheinungsbild frischer und zeitgemässer. Die Homepage erfuhr ein Facelifting, ist übersichtlicher und einfach knackiger.

So soll der Spagat gewagt werden, der Tradition treu zu bleiben, sich der Zukunft zu öffnen, alte Mitglieder nicht zu verprellen oder zu überfordern und interessant für jüngere Frauen zu sein.

Ein Blick ins Jahr 2072 wäre spannend, wenn der Frauenverein Zumikon seinen 200. Geburtstag feiert und sich die Frauen der Zukunft vielleicht wundern, dass frau seinerzeit noch persönlich zusammenkam und sich nicht einfach in der virtuellen Realität traf.


Freitag, 7. Oktober, 19 Uhr, Chalet auf dem Dorfplatz

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