Pingpong gegen Parkinson

Von Franca Siegfried ‒ 20. Oktober 2022

Tischtennis als Therapie bei Parkinson. Aus dieser Erkenntnis entwickelt sich eine weltweite Bewegung. Daniela Beurer gehört ins Swiss Team und hat soeben an der Weltmeisterschaft gesiegt. Eine Geschichte von einem besonderen Kampf.

Heute kann Daniela Beurer wieder lachen. Der Hirnschrittmacher schenkte ihr neue Lebensqualität. (Bild: fs)

«Ich bin etwas müde, da ich seit heute Morgen von der Weltmeisterschaft zurück bin.» ­Daniela Beurer wirkt jedoch keineswegs abgekämpft. Ihr Blick ist offen, aufmerksam, mit einer guten Portion Neugierde schaut sie die Journalistin an. Ihr Mann Pascal hat dem Zolliker Zumiker Boten vom Erfolg seiner Frau berichtet. Auf dem grossen Holztisch steht eine Vase mit langstieligen, roten Rosen. Die beiden Medaillen, welche die 47-Jährige gewonnen hat, hängen beinahe etwas achtlos an der Türe. Sie hat sie jedoch griffbereit. Und ihre Erzählungen über die Wettkämpfe sprudeln voller Begeisterung durch das Wohnzimmer – manchmal ein kurzes Nachdenken, dann fliesst es weiter. Yannik, ihr Sohn, hat sich nach den ersten Berichten in sein Zimmer zurückgezogen. In Zumikon lebt Familie Beurer seit 20 Jahren.

Tischtennis und Parkinson

Mit «PingPongParkinson» konnten Forschende der japanischen Universität in Fukuoka beweisen, dass Symptome der Krankheit durch ­regelmässiges Spielen von Tisch­tennis verlangsamt werden. 2017 wurde in den USA eine erste Non-Profit-Organisation gegründet, und nach wenigen Monaten hat sich eine Art Tischtennis-Bewegung weltweit ausgebreitet. Eine erste Weltmeisterschaft fand in New York statt. Die Regeln des olympischen Sportes gelten mit zwei Ausnahmen: «Der Abschlag darf direkt aus der Hand gemacht werden und auch abstützen auf dem Tisch ist erlaubt», erklärt Daniela Beurer. Dieses Jahr 2022 ­trafen sich die internationalen Teams in Pula an der Spitze der ­kroatischen Halbinsel Istrien. «Wir haben gegen Teams aus Schweden, Israel, Deutschland, Österreich und sogar gegen Japaner gespielt», berichtet sie mit einem herzlichen ­Lachen. Ja, ihr Lachen habe sie wiedergefunden, als sie sich für einen Hirnschrittmacher entschloss. Der Eingriff dauerte drei Stunden als Wachoperation für die Einpflanzung von zwei Elektroden im Hirn. Sie steht auf, streicht ihr dunkles, volles Haar zurück und zeigt auf einen Muskelstrang am Hals, der eigentlich ein eingewachsenes Kabel ist. Am Bauch eine saubere Naht, dort haben Chirurgen ihr den Schritt­macher eingesetzt. Die Elektroden senden elektrische Impulse an Nervenzellen, welche bestimmte Bewegungen beeinflussen. Für die Rehabilitation war sie drei Wochen im EPI-Zentrum Lengg ­untergebracht. «Die Einstellung des Schrittmachers glückte den Ärzten – ich bekam ­dadurch unglaubliche Energie und einen Bewegungsdrang. Deshalb war ich in der Klinik viel unterwegs, manche dachten, ich würde zum Personal gehören», erzählt sie. «Ich weiss, dass Parkinson noch nicht heilbar ist, aber jetzt habe ich eine gute Lebensqualität.» Sie berichtet von den Anfängen ihrer Krankheit, die sich zuerst an der rechten Hand bemerkbar machte, sich mit der Zeit auch auf die linke Seite ausbreitete, von den Schmerzen, der Muskelsteifheit und den unkontrollierten Bewegungen. «Meine Füsse verkrampften sich oft, mein Sohn stellte sich jeweils darauf, dass sie sich wieder entspannen konnten.» Sie bekam Medikamente verschrieben, die Dosierung wurde immer drastischer. «Ich zog mich öfters zurück. In Ruhe längere Zeit an ­einem Tisch mit Gästen zu sitzen, war nicht mehr möglich.» Mit der Diagnose Brustkrebs kam ein weiterer Schicksalsschlag hinzu. An ihre ursprüngliche berufliche Laufbahn war längst nicht mehr zu ­denken. Zuletzt hatte sie einen ­Laden für Silberschmuck in Sihlcity geleitet.

Für mehr Mut im Leben

Im Kampf gegen die Krankheiten findet sie grösstmögliche Unterstützung in der Familie, auch bei Freunden und Nachbarn. «Yannik gibt mir viel. Ich habe einen grossen Sohn, er geht jetzt in die 5. Klasse im Juch.» In eine Selbsthilfegruppe wollte sie eigentlich nie. Als Daniela Beurer jedoch über einen Hirnschrittmacher nachdachte, mit Medizinern darüber sprach, bekam sie drei Telefonnummer von Betroffenen. «So lernte ich Carlo von ­Luzern kennen. Wir trafen uns, und er riet mir, Silvia Lerch von «move4ypd» anzurufen.» Der Verein «Move for Young Parkinson ­Disease» engagiert sich für junge Betroffene. «Damit wir aktiv, positiv und mit einer Prise Humor durch das Leben gehen können», steht auf der Homepage. Dazu gehört auch «PingpongParkinson Schweiz». Daniela ­Beurer ist jetzt im Vorstand und hat Flyer gestaltet, damit Parkinson-Patientinnen und -Patienten etablierten Tischtennisvereinen beitreten können und so einen Zugang für Trainingsmöglichkeiten haben. Das Swiss Parkinson Team trifft sich einmal im ­Monat in Luzern zum gemeinsamen Training. «Wir sind wie eine grosse Familie, trainieren zusammen und haben einen guten Austausch.» Ihre ersten Erfahrungen an der Tischtennis WM machte sie letztes Jahr in Berlin, das war nur sechs Monate nach der Operation. Dieses Jahr steht sie tatsächlich an der Spitze. Zur Organisation, etwa Reisebus und Unterkunft gehören auch finanzielle Mittel – mindestens 1000 Franken pro Person kostete das Ganze. Das bedeutet für das Team neben dem Training auch die Suche nach Spendengeldern. «Mir war das peinlich, auch bei grossen Firmen anzufragen, etwa Swisscom. Aber als ich hörte, dass die Stadt Luzern 1500 Franken spendete, habe ich die ­Gemeinde Zumikon kontaktiert.» Gemeindeschreiber Thomas Kauflin hat sich mit Daniela Beurer getroffen und zugehört. Mit dem erfreulichen ­Resultat, dass Zumikon 500 Franken für das Swiss Parkinson Team gestiftet hat. Alle Zumikerinnen und Zumiker, die an der Dorfstrasse vorbeigehen, wissen jetzt, dass im Haus Nummer 26 eine Weltmeisterin wohnt – ein Banner mit der ­Aufschrift «Wir gratulieren zum 1. Platz» macht darauf aufmerksam. Sie ist jedoch nicht nur Weltmeisterin mit ihrem Schläger am Spieltisch, sie ist auch eine mutige Kämpferin für ein besseres ­Leben, und eine Gewinnerin, die ihr ­Lachen wiedergefunden hat. «Im Team sagen sie, dass ich ihr ­Sonnenschein bin.» Daniela Beurer lächelt. Ihre Familie hat auf das Banner an der Dorfstrasse ein riesiges Herz gemalt.


www.pingpongparkinson.ch

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2 Antworten

    1. Guten Tag, Frau Orell

      Diesen Beitrag verfasst hat Franca Siegfried – aktuell werden bei zahlreichen Artikeln die Verfasser nicht korrekt angezeigt. Wir arbeiten an dem Problem.

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