Und die Pilze schiessen aus den Böden

Von Ramona Bussien ‒ 20. Oktober 2022

Hitze: im Juni, im Juli und im August. Der diesjährige Sommer war der zweitwärmste der Schweiz seit Messbeginn 1864. Erst August und September brachten den langersehnten Regen. Für viele zu spät. Nicht aber für die Pilze.

Lange zählte sie die Wissenschaft zu den Pflanzen. Heute weiss man, dass Pilze ihr eigenes Reich bilden. Tatsächlich sind sie näher mit Tieren verwandt als mit Pflanzen. Von Steinpilzen über Schimmelpilze und Hefepilze bis zu den Fusspilz verursachenden ­Fadenpilzen, an Vielfalt mangelt es dem Taxon nicht. Bis Anfang Oktober füllten die Küsnachter Pilzkontrolleure 235 Kontrollscheine aus. Ihren Rat suchten auch Zolliker und Zumiker, wenn sie pünktlich zur Pilzsaison die ersten Körbchen mit bekannten und weniger bekannten Arten füllten. 235 Pilzkontrollen! So viele waren es zu dieser Zeit noch nie. Als im ­August erste Niederschläge den Extremsommer ablösten, schossen die Pilze regelrecht aus den Böden. Ihre Fruchtkörper – das, was wir umgangssprachlich als Pilz kennen – sind auf warme und nasse Bedingungen angewiesen. Die bekamen sie auch im Pfannenstiel-Gebiet zur Genüge.

Hohe Artenvielfalt

Rund 7500 Grosspilzarten wachsen in der Schweiz. «Ein Pilzexperte, der behauptet, sie alle zu kennen, lügt», sagt Hans-Peter Neukom, ­einer der drei Küsnachter Pilzkontrolleure. Auch die Apps, die bei der Identifikation unbekannter Pilze helfen sollten, sind keineswegs narrensicher. Und als wolle die ­Natur uns vor eine noch grössere Herausforderung stellen, besitzen zahlreiche Speisepilze einen giftigen Zwilling. Zum Beispiel der Flockenstielige Hexenröhrling und sein giftiger Doppelgänger, der Satansröhrling. Die Hilfe eines Pilzexperten in Anspruch zu nehmen ist aber kein Zeichen der Unerfahrenheit oder des Unwissens. Im Gegenteil: Häufig führen falscher Stolz und zu grosse Sicherheit zu Vergiftungen, die ein Pilzkontrolleur mit einem kurzen Blick hätte verhindern können. Selbst Hans-Peter Neukom kann nicht alle Fundstücke zweifelsfrei bestimmen. «Wenn ich mir unsicher bin, sortiere ich die Pilze aus.»

Etwa 300 der 7500 Pilzarten sind essbar und 200 mehr oder weniger giftig. Dieses Jahr spriessen sie gemäss Hans-Peter Neukom nicht nur besonders zahlreich, auch die Artenvielfalt ist deutlich höher als in den Jahren zuvor. Gerade in Mischwäldern tut sich da mithin ein wahres Schlaraffenland für Pilzlieb­haber auf.

Giftig ist nicht gleich eklig

Die Mehrzahl heimischer Grosspilze ist ungeniessbar – nicht ­unbedingt giftig, aber bitter oder anderweitig abstossend. Einige Giftpilze wiederum lassen sich zu schmackhaften Mahlzeiten zubereiten, wodurch eine Verwechslung zu spät oder gar nicht bemerkt wird. Je nach Art und Dosis reichen die Vergiftungssymptome von Magendarmbeschwerden über Halluzinationen bis zu Leberversagen. Die aktuell hohe Artenvielfalt bedeutet auch mehr Giftpilze. So haben die Kontrolleure in Küsnacht bis Anfang Oktober bereits sieben Grüne Knollenblätterpilze aussortiert. Diese sind für Sammler gefährlich, weil deren Konsum mit schweren Vergiftungen einhergegangen wäre. Der Grüne Knollenblätterpilz ist nämlich ein tödlich giftiger Pilz, der auch am Pfannenstiel wächst, und sieht vor allem für Anfänger dem essbaren Frauentäubling zum Verwechseln ähnlich. Auf toxinfo.ch (spezialisierte Anlaufstelle bei Vergiftungen aller Art) wurden für die diesjährige Saison bereits deutlich mehr Pilzvergiftungen gemeldet als vergangenes Jahr zum selben Zeitpunkt. In Bern und Zürich gar jeweils fast doppelt so viele.

Pilzsaison geht in die zweite Runde

Vom 1. bis 10. jeden Monats gilt im Kanton Zürich Schonzeit. Ausserhalb der Schonzeit darf eine Person maximal ein Kilogramm Pilze pro Tag sammeln. Die Küsnachter Pilzkontrolleure prüfen das Sammelgut von Pilzlerinnen und Pilzlern offiziell noch bis Mitte November. Es wird sich zeigen, ob sich die rekordverdächtigen Zahlen fortsetzen.


Öffnungszeiten der Pilzkontrollstelle

Dienstag, Donnerstag: 18.30–19.30 Uhr
Samstag, Sonntag: 18–19 Uhr
Gemeindehaus Küsnacht

Ausserhalb der offiziellen Öffnungszeiten nach telefonischer Vereinbarung:
Hans-Peter Neukom, 079 699 77 31
Jonas Brännhage, 078 864 94 28
Anna Biro, 076 652 99 17

Informationen zu Vergiftungen aller Art: toxinfo.ch

Notfallnummer bei Verdacht auf Vergiftung: 145


Alle paar Wochen aus der Natur

Manche tragen klingende Namen wie Eierschwammerl oder Krause Glucke, bestechen mit auffälligen Farben und Formen oder verfeinern unsere Speisen. Andere produzieren potente ­Gifte, sind als Partydrogen verpönt oder gar Verursacher von Krankheiten. Nebst Tieren und Pflanzen werden Pilze oft übersehen, dabei haben sie in den Ökosystemen dieser Welt eine ebenso wichtige Funktion inne. Heuer fallen sie durch ihre grosse Anzahl auf. Der Zolliker Zumiker Bote forscht nach, wie es in unseren Gemeinden um die eigentümlichen Organismen bestellt ist.

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