Altes Wissen für eine neue Zeit

Von Franca Siegfried ‒ 2. Februar 2023

Die Geschichte von Sandra Fischer als Jungunternehmerin ist geprägt von Ausprobieren, viel Biss und Leidenschaft. Mit ihrer Marke «Shea Yeah» liegt sie im Trend für wasserfreie Naturkosmetik.

Sandra Fischer in der Küche, wo alles begann. Ihr vielversprechendes Startup für wasserfreie Naturkosmetik mit der Marke «Shea Yeah». (Bild: fs)

Es braucht Mut, bei Vox in der «Höhle der Löwen» seine Geschäftsidee zu präsentieren. Investoren überprüfen in der Unterhaltungssendung Startups, die auf der Suche nach Risikokapital sind. Die Show ist das Eine; dahinter stehen wie bei allen Fernsehsendern rigorose Strukturen. Regisseure, Redaktoren, Produzenten und ­Kameramänner schwingen das Zepter, Juristen verfassen Verträge – so tickt die telegene Medienwirklichkeit. Sandra Fischer sitzt vor dem Fernseher und schaut sich nochmals die 11. Staffel vom letzten April an. Mit ihrer Geschäftsidee trat sie damals vor die Löwen und konnte ­Investor Ralf Dümmel gewinnen: 110 000 Euro für 25 Prozent Firmenanteil.

Das Leben ausprobieren

Sandra Fischer ist im Zollikerberg aufgewachsen. Die 36-Jährige erzählt von ihrer Kindheit, vom «Hüsli» bauen im Wald für Wichtel und Feen. In der Pfadi hat sie sich in mutigen Taten geübt. Sie besuchte alle Schulen in Zollikon. Nach einer kaufmännischen Lehre entscheidet sie sich 2008 für die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr bei Würenlos an der Limmat. Bei den Benediktinerinnen lernt sie unter anderem alte Rezepturen für Heilsalben mit Kräutern wie Ringelblume, Malve und Lavendel kennen. Diese Faszination lässt sie nie mehr los. Ihre Berufsjahre sind spontan, manchmal etwas wild. Sie macht Erfahrungen in der Hotellerie, in einem Kinderzirkus und in einer Agentur für Webdesign. Dort erwirbt sie sich das Knowhow für professionelle Webgestaltung, auch alles Wissenswerte über Social ­Media. Zuletzt wirkt sie in der Kommunikationsabteilung des Hilfswerks der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, HEKS.

Mit Nüssen vom Karitébaum

«Während einer Reise durch den westafrikanischen Staat Ghana erwischte ich einen fürchterlichen Sonnenbrand», erzählt Sandra ­Fischer. Sie trägt eine Haarpracht in Tizianrot mit heller Hautfarbe – einen Porzellan-Teint. «Ghanesinnen gaben mir gegen den Sonnenbrand Sheabutter.» Diese Butter hat derart schnell gewirkt, ihre Haut beruhigt, dass sie mehr darüber wissen wollte. Das reine Naturprodukt besteht aus Nüssen des Karitébaums, der im Norden von Ghana wächst. Mit einem grossen Stück Sheabutter im Koffer landete sie wieder Zollikon.

Die geräumige Küche im Elternhaus wird Sandra Fischers Labor: «Hier entwickelte ich meine erste Geschäftsidee.» Altes Wissen von Benediktinerinnen und Ghanesinnen für eine gesunde Haut. Sie experimentiert und ersetzt etwa Bienenwachs in den Rezepturen der Klosterfrauen durch afrikanische Sheabutter. Ihre Mutter Ursula ­Fischer realisiert, dass dieses ­Laborieren mehr als ein nettes ­Hobby ist – und beginnt ihre Tochter zu unterstützen. Zudem ent­wickelt sich gerade ein Trend für wasserfreie Naturkosmetik. Ohne Wasser bedeutet auch keine Emulgatoren, Weichmacher und Konservierungsstoffe. Sandra Fischer berichtet auf Instagram von ihrem Labor, bekommt viele Hinweise und Unterstützung von einer Community – so entwickelt sie ihre Produktelinie mit dem Namen «Shea Yeah». «Mir war das Design meiner Marke von Anfang an wichtig», sagt die Jungunternehmerin. Schöne Dosen, sorgfältig gestaltete ­Etiketten in zarten Farben. Entsprechend wird ihr Webauftritt auch eine Eigenproduktion. Sie startet mit ihrem ersten Onlineshop. Richtig hektisch im Vertrieb wird es, als der «Züritipp» des Tages-Anzeigers online darüber berichtet. Sie realisiert, dass sie professionellere Strukturen benötigt. Weitere Reisen nach Ghana zur Sicherung der Lieferung von Sheabutter, die sie von einer Kooperation bezieht, folgten. Sie erzählt, wie sie mit ihrem alten Renault zwischen Lastwagen in Kloten steht und auf ihre Sendung wartet. «Ich realisierte auch, dass es keinen Sinn mehr macht, Mutters Küche zu belagern.» Mit ihrem Elan kann sie die Leitung der Bellevue-Apotheke für die Produktion von «Shea Yeah» gewinnen. Das Labor befindet sich im ersten Stock über der Apotheke. «Die Anlieferung der Rohprodukte machte ich wegen der schwierigen Zufahrt am Bellevue nachts.» Berufsbegleitend besucht sie eine Ausbildung an der Fachakademie für Naturkosmetik in Uster. Mit den erfrischenden Berichten auf Instagramm gewinnt sie eine treue Community im Netz, die rasant wächst. Während der Pandemie ist Onlineshopping besonders gefragt. Daher mutiert im ersten Lockdown ihr Vater Edy Fischer zum Postboten. «Seither ist mein Vater in der Post Zollikon eine bekannte Grösse», schmunzelt die Tochter.

Im siebten Jahr

Nach dem TV-Auftritt in der «Höhle der Löwen» kommt eine neue Dimension ins Geschäftsleben: der grosse deutsche Markt mit seinen Bestimmungen der EU. Die Produktion wird nach Köln verlagert. Verkaufszahlen schnellen in die Höhe, «Shea Yeah» landet in Regalen von Ladenketten. Das ist die abgekürzte Version. Dahinter stehen zähe Verhandlungen, behördliche Hürden, eine neue Lieferkette der Rohprodukte, ausgenommen der Sheabutter aus Ghana. Und alles ist Bio zertifiziert, wie auch dermatologisch getestet. Die Herausforderungen in der Klammer von EU-Normen sind gross für ein Naturprodukt. Sandra Fischer: «Jede Ernte der Nüsse variiert, die Konsistenz, Geruch und Farbe.» Mit der Expansion spürt sie nach der ersten Euphorie auch Grenzen: «Ich kümmerte mich nur noch um Administration, Zahlen und Gewinnsteigerung und verlor meine ursprüngliche Idee etwas aus dem Fokus.» Deshalb tritt sie auf «die Bremse», besinnt sich wieder vermehrt auf den Schweizer Markt und will eine weitere Linie für das Gesicht mit Sheabutter entwickeln. Heute trägt sie als Unternehmerin die Verantwortung für zwei Angestellte in Teilzeit.

Ein kleines Wort mit grosser Wirkung. Mut! Dieser begleitet Sandra Fischer auch nach sieben Jahren auf ihrem ursprünglichen Weg, die Tradition von Klosterfrauen und Ghanesinnen nachhaltig zu verschmelzen.

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