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«Wir alle waren Helden»

Von Zolliker Zumiker Bote ‒ 24. Mai 2024

Adolf Muschg, Bürger von Zollikon, feierte am 13. Mai seinen 90. Geburtstag. Die Frage, wie sich der Mensch aus Prägungen durch Herkunft, Kindheit, Gesellschaft befreien kann, zieht sich durch das Gesamtwerk des kultur- und gesellschaftspolitisch engagierten Schriftstellers. Die Erinnerungen an «mein altes Zollikon» schrieb er 1985, zum 75jährigen Bestehen des Zolliker Boten. Wir publizieren den Beitrag, leicht gekürzt, mit seiner freundlichen Zustimmung ein zweites Mal.

Der Brunnen wurde 1934 im Geburtsjahr von Adolf Muschg erstellt, gleichzeitig mit dem Bau der Rotfluhstrasse. Im Hintergrund ist 
das 2006 erbaute Haus, das heute anstelle seines Geburtshauses 
zu sehen ist. (Bild: cef)
Der Brunnen wurde 1934 im Geburtsjahr von Adolf Muschg erstellt, gleichzeitig mit dem Bau der Rotfluhstrasse. Im Hintergrund ist das 2006 erbaute Haus, das heute anstelle seines Geburtshauses zu sehen ist. (Bild: cef)

Kürzlich bin ich von jemandem als «alter Zolliker» angesprochen worden. Ich habe aufgemerkt. Stimmt die treuherzige Zuschreibung zu dem Dorfbild, dem ich heute begegne? Es ist wahr: das Haus steht noch, in dem ich aufgewachsen bin. Der «Gegen­zauber» war voreilig, mit dem ich vor 20 Jahren seinen Abbruch beschwor. Aber die Trauerarbeit des Schelmenromans galt nicht nur einem Haus. Schon als Kind wusste ich, dass eine «Baulinie» durch mein Zimmer lief. Und der Frieden, in dem wir vor dem neuen Gemeindehaus Völkerball spielten, täuschte: das war unser kleiner Kriegs­gewinn. Die richtigen Zolliker wohnten schon damals nicht in einem Haus wie unserem, mit Ofenheizung auf jeder Etage. Es war mir klar, dass ich bei Kinderhochzeiten als Bräutigam nicht in Betracht kam.

Mein Vater, der Lehrer, zeigte mir unsern Namen in der Dorfchronik von Bruppacher und Nüesch, dem rotbärtigen Pfarrer, den er noch ­gekannt hatte. «Must» hatten wir geheissen. Wir waren zwischen 1490 und 1583 in Zollikon belegt. Dann sei unser Geschlecht nach Hombrechtikon fortgezogen und bäuerlich geblieben, bis er, der erste Muschg mit einem Seminarabschluss, sich vor 1900 wieder nach Zollikon wählen liess. Eine Heimkehrergeschichte. Sie hatte etwas richtigzustellen. Denn im «Alten Zollikon» des rotbärtigen Pfarrers war von einem «merkwürdigen ­Geschlechtsnamen» die Rede, der schon durch das Schwanken der Orthografie «als fremd» gekennzeichnet sei. Der älteste Beleg in einem «Reisrodel» lautete denn auch: «Hans Must von Bacharach zu Zollikon.» Was hatten wir am Lorelei-Felsen zu schaffen gehabt? Hatten wir am Ende Moses geheissen und waren Vertriebene eines Pogroms? Mein Vater war kein Nazi, aber Juden durften wir denn doch nicht sein. Schlimm genug, dass die Chronik uns einen «auslän­dischen Stamm» nannte, der auf «unserem Boden» bald wieder verschwunden sei. Aber jetzt waren wir wieder da und sogar Bürger von Zollikon.

Als Kind hatte ich keinen Stammbaum nötig, um auf Zollikon stolz zu sein. Wir alle waren Helden. Flaggen und bengalisches Licht an der Bundesfeier: das war es, was wir verteidigten. Es gab keine ­Ferienabwesenden. Der Bundes­feierredner war ein grosser Mann, denn er redete zu allem Volk, und jedes Wort aus seinem Mund war wahr, auch wenn der Lautsprechen nie funktionierte. «Froh noch im Todesstreich» – ich gehörte zu denen, die die Landeshymne bis zur letzten Strophe durchsingen konnten. Ich hatte meine eigene gedichtet: «In Zollikon, nur in Zollikon / Frei atmet meine Brust!»

Links: Adolf Muschg 1985, als er für 
die Jubiläumsausgabe des Zolliker Boten schrieb. Rechts: Adolf Muschg wuchs an der Rotfluhstrasse auf und durch sein Zimmer führte die Baulinie. (Bilder: Archiv)
Links: Adolf Muschg 1985, als er für die Jubiläumsausgabe des Zolliker Boten schrieb. Rechts: Adolf Muschg wuchs an der Rotfluhstrasse auf, durch sein Zimmer führte die Baulinie. (Bilder: Archiv)

Mein Vater war das Bild eines alten Zollikers, und er nannte sich selbst gerne so. Meine erste Schulzeit fiel mit seiner letzten zusammen, als er, schon pensioniert, jüngere Kollegen vertrat, die Aktivdienst leisten mussten. Ich sehe ihn noch im schwarzen Gehrock mit Hut und Zwicker hinter der Verdunklungslaterne vor dem Milchmanngeschäft verschwinden. Meine Mutter und ich winkten ihm nach: jeder Tag ein Abschied. Wäre ich in seiner Klasse gewesen, er hätte sich vielleicht mit mir beschäftigt. Aber er schrieb, jeden Abend, an seinen Bauernromanen, die dann im «Limmattaler» oder in der «Glatt» erschienen.

Oder er schrieb für den Zolliker ­Boten, dessen Redaktor er war, im Dienst eines gestrengen älteren Fräuleins namens Anny Schnorf. Seine Artikel waren aus dem Geist der Bibel geschöpft, wie er sie ­verstand. Er geisselte eingerissene Unsitten wie den Lippenstift oder warnte vor Gefahren wie dem Frauenstimmrecht. Meine Mutter fand auch, dass die Männer nicht noch fauler werden sollten. Der alte Zolliker konnte es freilich den jüngeren mit seinem Prophetenton nicht recht machen. Nach dem Krieg ­erfuhr er, dass seine Schärfe nicht mehr ins Dorfbild passe. Das Gemeindeblatt verlange doch eine ­gewisse weltanschauliche Neutralität, deshalb verzichte man – mit Dank – auf seine Dienste. Natürlich ist er nicht nur daran gestorben. Als «alter Zolliker» hat er mir eine gemischte Erbschaft hinterlassen. Viele Jahre habe ich die Auseinandersetzung mit ihm, die mir sein Tod erspart hat, mit «Zollikon» geführt – gegen ihn und doch gleichsam an seiner Stelle: als hätte es das alte Zollikon, das er meinte, wirklich gegeben.

Ich weiss noch, wie der «Fünfbühl» ausgesehen hat, als er nicht Station eines Vita-Parcours war. Ich kenne noch die richtige Farbe des Zolliker Kirchturms: ein mürbes Braungelb. Auf meinen Papieren steht: Bürger von Zollikon.

Aber der Heimatschein, den Zollikon dem Auge zu bieten hat, ist inzwischen viel dörflicher geworden. So stilecht waren in meiner Kindheit weder Kirchdorf noch Kleindorf. Zum «Chläidorf» ist es erst jetzt so recht geworden, durch die Verleugnung des Städtischen in der Fassade. Ihre Innenseite wird natürlich von Städtern bewohnt, die das Caché ihrer Nische zu schätzen und zu pflegen wissen. So biedermeierlich kann das Rössli im Biedermeier noch nicht ausgesehen haben. Damals wurden darin noch Wolfsnetze gezeigt: Wo sind sie hingekommen? Ein guter Innen­dekorateur (in Zollikon gibt es viele) wüsste sie doch zu hängen, ins rechte Licht zu setzen.

Gibt es noch Läden in Zollikon? Und wie es sie gibt: in Lebens­mittelboutiquen wird Bauernbrot als Delikatesse verkauft. Zollikons Lebensqualität ist fabelhaft geworden. Aber lebt es?

«Fritz Angst», der solche Fragen gestellt hat, wohnte weiter oben am See: und wer weiss nicht, dass da ein ganz anderer Menschenschlag haust. Ein alter Zolliker weiss es, der den Küsnachter Buben noch ­regelrechte Schlachten geliefert hat. Damals hatte ich eine Grenze überschritten: ich war von den Jung­turnern zu den Pfadfindern übergelaufen. Die Übernamen – noms de guerre –, die Uniform lockten zu sehr. Meine Führer von damals sind heute gemachte Männer in der kantonalen und eidgenössischen Politik. Aber als sie mich fesselten, in einen Sack verpackten und kopfüber von einem Balken der «Turatzburg» hängen liessen, um mich zu taufen, wusste ich plötzlich: nein! Und war am nächsten Tag kein Zolliker Pfadfinder mehr.

Seither fühle ich mich nur noch für das alte Zollikon meines Vaters verantwortlich, und das hat es wohl nie gegeben. Das Grab mit seinem Namen – es ist auch mein eigener – ist längst aufgelassen. Das graurosa Kreuz steht jetzt im neuesten Teil des Friedhofs. Meine Mutter ist in Zollikon gestorben, darum habe ich es jahrelang fast jeden Sonntag besucht.

Von meinem Schreibtisch aus kann ich, hinter einem schmalen Wasserstreifen ein schön gelegenes und – wie sagten die Chronisten? – «stattliches», «schmuckes» Dorf sehen. Dort könnte man ebenso gut – eher besser – leben als hier. Jeder Fremde an meinem Fenster sieht das mit einem Blick. Der Kirchturm ist weiss, und bei Bise kann ich sein Geläute hören. Es ist noch dasselbe.

 

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