Sie reiste, um bei sich anzukommen

Von Franziska Müller ‒ 31. Mai 2024

Was für viele Abenteuerferien am anderen Ende der Welt sind, entpuppte sich für die Zumiker Autorin Agnes Graf als Reise zu sich selbst. In ihrem auto­biografischen Erstling «Komme, was wolle» geht es um ihre Vergangenheit und einen Reigen unfassbarer Zufälle in Südamerika.

Die Zumiker Autorin Agnes Graf in ihrer zentral gelegenen Schreibstube, mitten im Wohnzimmer. Hier findet sie Ruhe und Inspiration. (Bild: zvg)
Die Zumiker Autorin Agnes Graf in ihrer zentral gelegenen Schreibstube, mitten im Wohnzimmer.
Hier findet sie Ruhe und Inspiration. (Bild: zvg)

Agnes Graf ist beruflich breit aufgestellt – einerseits ausgebildete Drehbuchautorin, Erwachsenenbildnerin und diplomierte Schulleiterin. Dazu PR-Fachfrau mit einigen Semestern Rechtswissenschaften im Portfolio. Andererseits zertifizierte Yogalehrerin und Lomi-Lomi-Körpertherapeutin. Die aus Hawaii stammende Massagetechnik praktizierte sie in ihrer Freizeit bis Ende 2023 in Zollikon. Auf den ersten Blick liegen diese Berufsfelder weit auseinander. «Tun sie aber nicht», stellt die 49-Jährige lächelnd richtig. «Die therapeutische Körperarbeit hat ebenfalls mit Kommunikation zu tun; einfach auf einer anderen Ebene.»

Dass Kommunikation, Schreiben und Erzählen zentrale Themen in ihrem Leben sind, ist offensichtlich. Es sprudelt nur so aus ihr heraus. «Unterbrechen Sie mich einfach, ich habe den Hang, abzuschweifen», sagt sie lachend. Tatsächlich, die Bögen, die Agnes Graf spannt, reichen weit in die Vergangenheit.

Aber von vorne. Wichtigstes Thema ist ihr soeben erschienenes, 446 Seiten starkes Buch «Komme, was wolle», das bereits den Weg in die Schaufenster einiger Buchhandlungen gefunden hat. Mit über hundert Originalfotos und einem wildem Layout gestaltet, ist es autobio­grafisch bis zur Schmerzgrenze. «Es sind die wahren Geschichten, die mich interessieren und sich mir aufdrängen», erklärt sie. Das Schreiben erfüllt – genauso wie die therapeutische Körperarbeit – seinen Zweck im Tun und «wird von mir als eine Form der Therapie angewendet».

Zum professionellen Schreiben kam Agnes Graf 2012. Seit zwölf Jahren ist sie an der Hamburger Akademie «Schule des Schreibens» immatrikuliert. Sie absolvierte im Fernstudium neben der Ausbildung zur Drehbuchautorin die Fächer Belletristik, Kreatives Schreiben und Biografisches Schreiben.

«Das autobiografische Schreiben ergab sich aus einer inneren Notwendigkeit.» Was ihr und den Dozierenden nicht von Anfang an klar war. Auffällig an den Texten, die sie online abzuliefern hatte, war stets, dass sie am Thema leicht vorbei schrieb. Immer wieder drängten sich Erlebnisse aus ihrer frühen Kindheit in den Vordergrund. ­«Alles begann mit diesen Kurz­geschichten, die ich als Aufgaben schrieb – und die dann zu einem Buch heranwuchsen.»

Hört man sich ihre und die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits an, wundert es nicht, dass diese erzählt werden mussten.

1975 in Budapest geboren, flüchtete die Siebenjährige mit ihrer Mutter, Grossmutter und Tante 1982 aus Ungarn in die Schweiz. Diese Flucht war von ihrer Grossmutter von langer Hand geplant. Nach ihrem ersten Fluchtversuch 1956, der misslang und mit Lagerhaft bestraft wurde, beschloss sie, alles daranzusetzen, Ungarn zu verlassen. Bis es soweit war, verging aber noch fast ein Viertel Jahrhundert. In diese Zeit fällt die Geburt von Agnes Fischer-­Gyimóthy-Graf wie die Scheidung ihrer Mutter und ihrer Grossmutter. Die Frauen liessen nicht nur ihren Haushalt, sondern auch ihre Männer zurück, die siebenjährige Agnes ­ihren Vater, Grossvater und Grossonkel, den damalig amtierenden Parlamentspräsidenten von Ungarn, die sie alle liebte. Auch wenn diese Flucht, getarnt als Ferienausflug an den Plattensee, gelang – und die vier Frauen gut in der Schweiz ankamen und aufgenommen wurden, hinterliess sie ihre Wunden. «Kinder werden ja nie gefragt, ob sie einverstanden sind; Kinder sind Opfer der Umstände, die die Erwachsenen schaffen.»

Was Grossmutter und Mutter zur Flucht drängte, war nicht nur die politische Situation in Ungarn, sondern vor allem die tief gespaltene Familienkonstellation. «Väterlicherseits waren einige in der Kommunistischen Partei, andere lediglich Sozialisten. Mütterlicherseits wurden Teile der Verwandtschaft als ‹systemfremd› ausgegrenzt, da sie von den Parteien nichts wissen wollten», erzählt Agnes Graf. «Dies alles wurde totgeschwiegen», was ihr, je älter sie wurde, umso mehr zugesetzt habe.

Als sich ihr Grossvater 2005 in ­einem ungarischen Altersheim das Leben nahm, löste dies bei der dreissigjährigen Enkelin eine tiefe Depression aus. «Ich musste mich auf mich selbst besinnen und raus aus meinem bisherigen Leben.» Sie buchte in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, einen Spanischkurs und tauchte für mehrere Wochen in ­diese fremde Welt ein. Hier sind wir wieder fast am Anfang der ­Geschichte, bei ihrem ersten Buch, das mit dem Tod des Grossvaters beginnt und mit einer filmreifen Story glücklich endet.

Zwischen dem Niederschreiben ­ihrer Erlebnisse auf dem Weg zur Selbstfindung und dem Aufbereiten als Buch liegen Jahre. «Es brauchte einfach so lange, bis ich zur Sprache gekommen bin», erklärt sie, und meint damit auch «das Kind Agnes, das seine Sicht auf die Erlebnisse darstellen wollte». Mit dem Schreiben sei sie noch lange nicht fertig – sie habe eben erst richtig angefangen. An der Hamburger ­Autorenschule besucht sie momentan die «Grosse Romanwerkstatt»; die ersten 100 Seiten des zweiten Buchs mit dem Titel «Wenn das Glück ausbleibt» sind schon geschrieben.

Seit vier Jahren lebt sie im Chapf. Auf die Frage nach ihrer Schreibstube entgegnet sie lachend, dass sie am Esstisch ihrer Wohnung ­arbeite. «Ich sehe auf die Chapfstrasse hinunter und bekomme das Leben rundherum mit.» Das sei ihr wichtig, sie empfinde es als grosses Glück, Teil der Gemeinschaft in ­Zumikon zu sein. «Unser Quartier ist zwar bei Einbrechern wie bei Füchsen beliebt», aber dies habe den Zusammenhalt noch verstärkt.

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