Von Franziska Müller ‒ 5. Juli 2024

Diesmal hat Anne Heffner, Mitbewohnerin des Althus, zum Kulturabend eingeladen. «Herzlich willkommen, liebe Frauen und Männer und alle dazwischen, ausserhalb und jenseits», begrüsst sie mit strahlendem Lächeln die Runde. Ihre Worte sind Programm; gewohnte Denk- und Sprachweisen werden an diesem Abend fröhlich hinterfragt und ab und zu verlassen. Das Konzept der Kulturveranstaltungen im Althus sieht vor, dass seine Bewohnerinnen und Bewohner in lockerer Reihenfolge Kunstschaffenden aus ihrem Beziehungsumfeld eine Bühne geben. Anne Heffner ist befreundet mit dem Pianisten Simon Hehlen, dieser wiederum mit der Nationalrätin Anna Rosenwasser. So kommt es, dass Politprominenz aus der Stadt in Zollikon gastiert. Stolz und etwas aufgeregt kündigt Anne Heffner eine musikalische Lesung an; Anna Rosenwasser wird Passagen aus ihrem «Rosa Buch» lesen, Simon Hehlen dazu auf dem Klavier improvisieren. Dazwischen wird die LGBTQ-Aktivistin mit dem Musiker übers Anderssein sprechen. Das «Rosa Buch», mittlerweile in dritter Auflage, dient mit seinen «queeren Texten von Herzen» als Leitfaden. Anna Rosenwasser liest und erzählt Anekdoten, unterhaltsam und witzig. Viel ist von Coming-out die Rede, von Zugehörigkeit, Rollenbildern und anderen queeren Themen. Auch von ihrer Mutter, einer rosa Socken-Aktion und köstlichem Hummus.
Das Publikum im Althus nimmt die Gäste nicht wirklich anders wahr; es empfängt sie mit warmem Applaus und grosser Sympathie. Neugier ist spürbar; in der Diskussion hört man sie aus den Fragen des Publikums heraus. Auch zuvor ergeben sich viele Fragen: Simon Hehlen tauscht seinen Platz am Klavier mit dem rosa Gartenstuhl von Anna Rosenwasser. Er liest Stücke aus seiner Textsammlung und stellt seinerseits Fragen – rhetorische, auch ernst gemeinte, wenn er sich nach dem Befinden seiner Gesprächspartnerin erkundigt.
Der Rollentausch könnte bildhaft stehen für die Inhalte des bunten Abends. Die Rollen sind fliessend, der Interviewte fragt die Fragende und umgekehrt.
Die beiden sind sich einig: LGBTQ ist ein Thema, das nicht nur das Publikum im Althus bewegt. Die vielfältigen Identitäten bewegen auch den Rest der Welt. LGBTQ sei zwar für manche ein überflüssiger Trend, andere verstehen den Ausdruck nicht. Aber «viele Menschen sind in diesen Buchstaben zuhause», erzählt Anna Rosenwasser; sie selber gehöre dazu. Ablehnung und Unverständnis begegnet die bisexuelle Schweizerin mit jüdischen Wurzeln mit Sprache, Aufklärung und Humor; die wütenden Demonstrationen konservativer Gegenkräfte, die ihr am liebsten den Mund verbieten würden, interpretiert sie als ein letztes Aufbäumen gegen die Realität. «Wir alle sind Realität. Ich kann Leute nicht verstehen, die sagen, sie seien gegen LGBTQ, gegen Homosexualität. Homosexualität gibt es einfach. Schon immer. Punkt.» Dagegen zu sein sei etwa damit vergleichbar, gegen Zucchini zu sein.
Helle Lacher begleiten ihre Ausführungen; vielleicht ist dies eine Erklärung für den Erfolg der jungen Politikerin, die seit Oktober 2023 für die SP im Nationalrat sitzt. Sie findet die passende Sprache und
die richtigen Bilder, um komplexe Zusammenhänge anschaulich zu machen. «Die Welt ist nicht binär, sie ist weder Schwarz noch Weiss, sie besteht aus Zwischentönen.» Und der Pianist unterstreicht das Mantra mit der passenden Melodie – aus Hunderten von Tönen.
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