Klamauk mit Tiefgang

Von Franziska Müller ‒ 1. November 2024

Die Zolliker Seeretter tauften am Samstag ihre vier Neuen. Ein Plauschanlass mit ernstem Hintergrund. Die Premiere: Nach 107 Jahren ist erstmals eine Frau mit im Boot.

Franziska Boller schreibt als erste Frau im Boot die Geschichte der Zolliker Seeretter mit. (Bilder: frm)
Franziska Boller schreibt als erste Frau im Boot die Geschichte der Zolliker Seeretter mit. (Bilder: frm)

Das Ritual um die Aufnahme in die Riege der Zolliker Seeretter ist bei den Kollegen der umliegenden Zürichsee-Gemeinden berühmt-berüchtigt. Die Zolliker, die es durchlaufen haben, sind stolz. Der eine oder andere ist auch froh, es hinter sich zu haben. Die Sache ist nicht ohne. Die «Täuflinge», wie sie offiziell heissen, müssen aus einem Fischmaul Schnaps trinken, in Windeseile ein Egli ­filetieren und braten, in einem wackligen Kanu Bojen umrudern und einiges mehr leisten, das ausserhalb der Komfortzone der meisten Anwesenden liegt. Aufgaben, die vom Kernteam um Stefan Meier, dem Obmann des Seerettungsdienstes Zollikon, erdacht sind. «Sie sollen keine Chance auf Vorbereitung haben. Wir wollen sehen, wie sie sich auch in den unmöglichsten Situationen bewähren», erklärt er. «Das ist der Hintergrund des ganzen Spektakels. Wir testen die Soft Skills.» Die erforderlichen Kompetenzen und die Professionalität der Seeretter haben offizielle Experten bereits geprüft.

Der Schluss des Rituals, das letztmals 2021 stattgefunden hat, bleibt stets gleich: Der Taufbecher muss in einem mit trüber, stinkender Brühe gefüllten Bassin ertaucht werden. Kurz davor verteilen finstere Gesellen mit einem Tapezierpinsel Schlamm im Haar der Täuflinge. Letzten Samstag machten alle vier gute Miene zu diesem ­Spiel. Sie bewiesen Humor in üblen ­Momenten, unterstützten sich in schwierigen Situationen – kurz: sie zeigten Charakter, Mut und Kameradschaftlichkeit.

Ganz in Blau, wie Schlümpfe eben, paddeln die Täuflinge an die Pier.
Ganz in Blau, wie Schlümpfe eben, paddeln die Täuflinge an die Pier.

Eine Zolliker Eigenheit

Wie es zu diesem Taufritual aus Mutprobe, Pfadiübung und Spiel ohne Grenzen gekommen ist, könne niemand mehr genau sagen, erklärt Stefan Meier. «Es hat sich über die Jahre so eingespielt». Seit 2013 ist er Obmann und damit «Cheforganisator» mit Herzblut. Steht eine Taufe an, kann er auf die Unterstützung seiner Mannschaft zählen. Und auf grosses Interesse bei den Seerettern der Gemeinden rund ums Seebecken. «Mit den Küsnachtern und denen aus Meilen sind wir besonders eng verbunden», erklärt ein Seeretter. Bei Übungen und Einsätzen arbeiten die näheren Nachbarn Hand in Hand. Die Küsnachter verfügen über das schnellere, die Zolliker über das grössere Boot. Bei einem Rettungseinsatz sind die einen rasch vor Ort, die anderen können bergen.

Boote mit Seerettern aus Thalwil, Oberrieden, Horgen, Wädenswil trudeln ein. Sogar die Kantonspolizei ist da; sie ist Teil des offiziellen Rettungs-Konglomerats der See­gemeinden. In voller Montur stehen zwei Beamte an der Quaimauer und beobachten belustigt ein winziges Floss mit einer Luftmatratze im Schlepptau. Seetauglich ist anders. Aber die drei Männer und die Frau darauf sind die Geladenen, auf die alle warten; das Floss ist bereits Teil des Spektakels. Ganz in Blau, wie Schlümpfe eben, paddeln die Täuflinge an die Pier. Den Beginn des offiziellen Taufrituals markiert ein Böllerschuss; mit ihm wird der Chefprüfer Neptun gerufen. Auch er kommt per Floss mit seinen fünf finsteren Gehilfen, den Klabautermännern. Es folgen die beschriebenen Prüfungen.

Die Premiere

Niemand will ein Aufheben machen, schon gar nicht die Protagonistin. Und doch ist dieses Jahr etwas anders. Seit der Gründung der Rettungsorganisation vor 107 Jahren ist die erste Frau mit im Boot. Für Franziska Boller kein Grund zur Aufregung. Es habe sich selbstverständlich angefühlt: «Ich glaube nicht, dass es eine Rolle gespielt hat, ob ich eine Frau bin; gezählt hat einzig, dass ich so gut ins Team passe wie jeder andere.» Doch die Umarmungen und Glückwünsche sprechen für sich: «Ich bin mächtig stolz auf dich!», sagt ihr etwa der Zolliker Feuerwehrkommandant John Elben zum Abschied ins Ohr. Sie engagiert sich nämlich auch bei der Feuerwehr. Und ob man will oder nicht – natürlich überstrahlt ihr gelungener Einstand den Anlass. «Cool, ist sie dabei. Ich bin stolz auf meine erste Frau», kommentiert auch Stefan Meier die Premiere.

Chefprüfer Neptun mit seinen fünf finsteren Gehilfen, den Klabautermännern.
Chefprüfer Neptun mit seinen fünf finsteren Gehilfen, den Klabautermännern.

Was sagen die drei anderen?

Die Frau im Team ist kein Thema, nur das Taufprogramm. Für Markus Amstutz war es eine «interessante Erfahrung». Er sei nicht unglücklich, dass alles rasch über die Bühne ging. Sie hätten gezeigt, wie sie im Team improvisieren und sich gegenseitig unterstützen können. Doch ohne Ahnung einen Fisch ausnehmen – das hätte ihn schon ziemlich Überwindung gekostet.

Für Justin Reymond gab es ebenfalls die eine oder andere Grenzerfahrung. «Der Palstek-Knoten war easy, der gehört zu meinem nautischen Wissen.» Die grösste Challenge sei das Steuern des Kanus gewesen – das eben keine Kernkompetenz eines Seeretters sei. Er kann nicht sagen, wie oft er ins Wasser gekippt ist. Franziska Boller kenterte ebenfalls. Auf der Schlussrunde geriet sie darob in Schwierigkeiten. Die tapferen drei Täuflinge brachen ihr Rennen ab, ruderten hin und halfen ihr zurück ins kippelige Boot. Dieser Zwischenfall kann als das Highlight des Nachmittages gelten; die vier zeigten Teamgeist wie im Bilderbuch. Für Tobias Guyer war gar nichts schwierig: «Nein, nichts, nie!» Seine gute Laune ist Programm, er hat dem Fisch oft ins Maul geschaut und hickst ein bisschen. Sorge bereite ihm einzig, was alles schief läuft in der Welt. Hier Abhilfe schaffen zu wollen, würde allerdings sein Jobprofil als Seeretter sprengen. «Wir müssen einfach schauen, dass wir Gutes füreinander tun.»

Die Ausbildung zum Seeretter

Die Seeretter absolvieren in den ersten zwei Jahren eine umfassende Grundausbildung. Dazu gehört das Rettungsschwimmer-Brevet der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG-Brevet) auf Fortgeschrittenenniveau sowie ein Kurs in lebensrettenden Sofortmassnahmen. Zusätzlich muss eine Prüfung zum Führen eines Motorbootes abgelegt werden. Für Taucher gibt es besondere Anforderungen: Sie müssen zunächst das CMAS-Zweistern-Brevet (eine international anerkannte Tauchqualifikation) erlangen, bevor sie zu Arbeits- oder Rettungseinsätzen aufgeboten werden.

Von April bis Oktober sind Bereitschaftsdienste an den Wochenenden zu leisten, das ganze Jahr über finden immer wieder Teamübungen statt. Die Seeretter müssen Fahrstunden auf den Booten des Seerettungsdienstes absolvieren, um die Handhabung der Boote zu trainieren. Für die Taucher sind ausserdem Übungs- und Arbeitstauchgänge obligatorisch.

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