Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 8. November 2024

Wie aus der Zeit gefallen begrüsste Dominik Streiff alias Johann Balthasar Bullinger an die hundert Musikbegeisterte. Mit galanten Verbeugungen und einer Prise Theatralik stellte «Balthasar» seine barock kostümierten, musikalischen Begleiterinnen vor – Jasmin Vollmer (Orgel und Harfe) und Claudia von Wartburg (Querflöte). Heinrich Bullinger (1504–1575), der einflussreiche Theologe und Reformator, ein Freund Zwinglis, hat allerdings 200 Jahre vor Balthasar Bullinger (1713–1793) gelebt, der im Unterschied zu seinem Vorfahren sich der Malerei gewidmet hat.
So erzählte «Balthasar», wie er bereits als 25-Jähriger in Zürich von seiner Tapetenmalerei leben konnte. «In Zürich waren die Landschaften en vogue, womit ganze Zimmer beschlagen wurden», berichtete er. Teile seiner Malerei aus dem Festsaal des im 19. Jahrhundert abgebrochenen Hauses «Zum Kiel»
in Zürich sind heute im Schloss Frauenfeld zu sehen. Die Landschaft mit neun Szenen aus Ovids Metamorphosen ist so gestaltet, dass man sie von unten betrachten kann. Nach dem Abbruch des Hauses kamen die Tapeten über die damaligen Besitzer ins Schloss, wurden jedoch erst 1960 anlässlich der Einrichtung des Museums eingebaut.
Balthasar Bullingers Werk ist ein typischer Ausdruck der damaligen reformiert-bürgerlichen Zürcher Gesellschaft, wo auch in der Kunst eine gewisse Zurückhaltung gefordert war. Die Landschaftsbilder, ländlich-idyllische Szenen, mythologische oder gesellschaftliche Themen, kontrastierten die Musikerinnen mit Werken von J. S. Bach, J. Pachelbel, L. Vinci, Ch. W. Gluck, G. Ph. Telemann und J.B. Loeillet. Geprägt von Affekten evozierte diese barocke Musik eine pracht- und prunkvolle Epoche. Ein Abend spannender Gegensätze.
Johann Balthasar Bullinger
1713 in Langnau am Albis als Sohn des Pfarrers Heinrich Bullinger geboren, begeisterte sich Johann Balthasar Bullinger früh für Malerei und Radierung. Nach dem Unterricht bei Johann Melchior Füssli und
der Lehre bei Johannes Simler reiste er mit Empfehlungsschreiben nach Venedig, wo er Giovanni Battista Tiepolo traf und in dessen Atelier von 1732–35 arbeitete. Weitere Stationen waren Bern, Basel, Düsseldorf und Amsterdam, bevor er 1741 nach Zürich zurückkehrte. Hier malte er Landschaften, die als Tapisserien die repräsentativen Räume in Kaufmanns- und Magistratenhäusern schmückten. 1743 heiratete er Elisabetha Stephan; das Paar hatte sieben Kinder, von denen drei überlebten. Ab 1771 widmete sich Balthasar Bullinger zunehmend der Lehrtätigkeit, anfänglich im Waisenhaus Zürich, als Professor an der Kunstschule Zürich, wo er bis zum Tod Geometrie, Perspektive, Architektur und Mechanik lehrte. Zu seinen bekanntesten Schülern zählten Hans Conrad Escher von der Linth und Paulus Usteri.
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