Von Brigitte Selden ‒ 29. November 2024

Seit Jahren ist die Kapazität im Betreuungshaus Rüterwis am Anschlag. Wie dramatisch der Platzmangel für die Angebote wie etwa den Mittagstisch tatsächlich ist, zeigt sich bei einem Rundgang. «Die Zahl der Kinder und der Betrieb sind über die Jahre stetig gewachsen, ohne dass die Infrastruktur jemals angepasst worden wäre», kommentiert Katja Baur die prekäre Situation. Die Leiterin des Betreuungshauses arbeitet hier seit 17 Jahren und hat 2013 die Leitung übernommen. «Seither arbeite ich daran, dass es hier endlich eine gute Lösung für die Kinder und Mitarbeitenden gibt.»
Die auf drei Gebäude verteilten Räume für Mittagstisch und Nachmittagsbetreuung sind täglich von 11.45 bis 18.30 Uhr offen. Im ursprünglich 1911 errichteten Haupthaus sitzen rund 150 Kinder am Mittagstisch, im gegenüberliegenden Nebengebäude sind es knapp 40. Dazu kommen in einem in die Jahre gekommenen Containerbau 30 Kindergartenkinder. «Die Tische haben wir aus Platzgründen auf sämtliche Räume verteilt, vom Erdgeschoss bis unter das Dach. Gegessen wird überall und gestaffelt», berichtet Katja Baur. Wie hier improvisiert werden muss, zeigt zudem ein Blick in die winzigen Küchen, wo das Mittagessen aufgewärmt und über zwei Stunden warmgehalten wird, bis auch die letzten Kinder gegessen haben.
«Eines unserer Hauptprobleme ist, dass es im Haupthaus nur einen Lift in die halbe Etage und im Nebengebäude keine Lifte gibt. Unsere Mitarbeiterinnen müssen die Essensbehälter immer zwischen den Stockwerken hoch- und runtertragen.» Im obersten Stock des Haupthauses weisen dunkle Flecken an der Decke auf undichte Stellen im Dach hin, bei starkem Regen dringt Wasser ein. Auch die WC-Anlagen erfüllen bei weitem nicht mehr heutige Standards: fünf WCs für 150 Kinder – drei für die Mädchen, zwei für die Buben sowie zwei Pissoirs. Im Nebengebäude und im Container sieht es nicht besser aus. «Bei diesen Bedingungen ist es unmöglich, dass sich jedes Kind vor dem Essen die Hände wäscht und nachher die Zähne putzt.» Auch hat nicht jedes Kind einen Garderobenplatz. Die Jacken und Taschen würden teilweise einfach irgendwo abgelegt. Aufgrund der beengten Situation ist auch der Lärmpegel deutlich zu hoch.

Aufgrund der prekären Lage plant der Gemeinderat einen Anlauf für einen Neubau. Bis dieser jedoch realisiert ist, werden mindestens fünf Jahre vergehen. Deshalb soll ein Provisorium als Zwischenlösung Abhilfe schaffen. Am vergangenen Sonntag, 24. November, hätte die Bevölkerung von Zollikon über die dafür nötigen 6,5 Millionen Franken abstimmen sollen. Doch da die Gemeinde es versäumt hatte, die amtliche Publikation in der gesetzlichen Frist zu veröffentlichen (ZoZuBo vom 25. Oktober), musste die Abstimmung auf den 9. Februar 2025 verschoben werden. Die Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission lehnt den Kredit ab, weil sie unter anderem die 6,5 Millionen für unverhältnismässig hoch hält. Gemeinderat und Schulpflege empfehlen, die Vorlage zu genehmigen.
Der Fehler im Terminkalender ist nur ein Mosaikstein der längeren Geschichte. In den vergangenen Jahren sind bereits zwei Anläufe für den Bau eines neuen Betreuungshauses gescheitert. 2018 musste ein erster Wettbewerb aus verfahrenstechnischen Gründen abgebrochen werden. 2021 stoppte die Gemeindeversammlung den zweiten Anlauf, weil das vorliegende Siegerprojekt plötzlich 11,6 statt 7,5 Millionen Franken kosten würde. Der Vertrag mit dem Architekten wurde aufgelöst. Der Versuch der Gemeinde, das Recht am Siegerprojekt zu kaufen, scheiterte.
Die Verschiebung der Abstimmung wirkt sich natürlich auf den Terminplan für den Bau aus, der auf das kommende Schuljahr im August hätte betriebsbereit sein sollen. Erst nach einem definitiven Entscheid können die nächsten Schritte zur Realisierung eingeleitet werden. «Allein die Lieferfrist für die Modulbauten des Provisoriums beträgt sechs Monate», sagt Katja Baur. So könnte dieses – bei reibungslosem Verlauf – frühestens Ende 2025 bezugsbereit sein.
Und sollte die Vorlage abgelehnt werden? Einen Plan B gebe es nicht. Die Unsicherheit frustriere jedoch alle Beteiligten, betont die Leiterin. «Plätze einzuschränken, mit der Konsequenz, dass wir Kinder abweisen müssen, kommt nicht in Frage. Wir haben einen klaren Auftrag», sagt Claudia Irniger, Präsidentin Schulpflege, auf Anfrage. Dann müssten Lösungen gefunden werden, wie etwa die Möglichkeit, Kinder auf Räume des Quartiertreffs zu verteilen. «Das würde aber bedeuten, dass die Kinder begleitet werden müssen. Und allen muss klar sein, auch diese Lösungen bedeuten Folgekosten.» Es müsse endlich eine Lösung geben. «Wir warten sehnsüchtig auf eine Entlastung.»
Zu gewissen Vorbehalten, dass die Kosten für das Provisorium zu teuer seien, sagt Claudia Irniger: «Bei der heutigen Modulbautengeneration handelt es sich um gut gestaltete Bauten mit einer langen Lebensdauer. Nach seinem Einsatz in Rüterwis könnte das Provisorium problemlos anderweitig eingesetzt werden.» Die Präsidentin verweist auf die Situation im Schulhaus Oescher, wo der Betreuungsraum ebenfalls knapp werde. «Hier könnte man das Provisorium zur Überbrückung weiter einsetzen.» Der Markt für die neuen Modulbauten sei sehr gut. Überall würden die Schülerzahlen explodieren. Zurzeit sei die Liegenschaftenabteilung der Gemeinde gemeinsam mit der Schulpflege auch daran, die Ausschreibung für den Bau eines neuen Betreuungshauses für Rüterwis und die dazu nötigen Parameter zu erarbeiten.
Mit Blick auf die Abstimmung im Februar wünscht sich Katja Baur nur eines: «Das Provisorium sollte nicht nur aus finanzieller Perspektive beurteilt werden, sondern auch aus dem Blickwinkel der Kinder, die zu wenig Platz, Ordnung und Struktur haben – sowie der Mitarbeitenden, die täglich unter mühsamen Bedingungen arbeiten. Die Balance stimmt nicht mehr.» Mit einer Infrastruktur, die effiziente Abläufe gewährleistet, hätten die Mitarbeiterinnen mehr Zeit für ihre primäre Aufgabe, die Betreuung der Kinder. «Gerade in der heutigen Zeit brauchen Kinder Orientierung. Aber diese können wir ihnen nicht so bieten, wie es nötig wäre.» Man müsse Katja Baur ein Kränzli winden, betont Claudia Irniger. «Seit Jahren meistert sie diese schwierige Situation und sorgt tagtäglich dafür, dass das Team gut funktioniert und die Mitarbeiterinnen bleiben. Und die Betreuung der Kinder trotz allem gewährleistet ist.»
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