In guten wie in schlechten Zeiten

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 6. Dezember 2024

Regisseur Michael Steiner plauderte leichtzüngig aus dem Film-Nähkästchen. Demnächst betreibt er eine Karaoke-Bar.

Von Marco Caduff befragt, erinnerte sich Michael Steiner an die unterschiedlichen Dreharbeiten. (Bild: bms)
Von Marco Caduff befragt, erinnerte sich Michael Steiner an die unterschiedlichen Dreharbeiten. (Bild: bms)

Als «Schwergewicht der Filmindustrie» hatte Yvonne Peter, Präsidentin des Zumiker Kulturkreises, den Gast Michael Steiner angekündigt. Doch das Schwergewicht kam vergangene Woche
im Kirchgemeindesaal leichtzüngig daher. Der Regisseur plauderte nur zu gerne aus dem Nähkästchen. Gekonnt befragt von Marco Caduff erinnerte er sich an die unterschiedlichsten Dreharbeiten und an sein Leben in Berlin und auch in Asien.

Drei Filme in den Top-Ten

Die Karriere des Schweizers begann früh. Mit 17 Jahren drehte er seinen ersten Super-8-Film mit einem Kameramann, der gerade mal 14 Jahre alt war. «Ich interessierte mich für Sprache und Bilder, da war der Weg zum Film fast zwangsläufig», erinnerte er sich. Dieser Weg brachte bislang gleich drei seiner Filme in die zehn Schweizer Top-Filme. Aussergewöhnlich daran ist, dass sich Michael Steiner nicht einem Genre widmet, sondern auf vielen Feldern erntet. Es darf lustig und schnell sein, es gibt dokumentarische Züge und auch blutige Action-Szenen. Seine Erfolge beim grossen Publikum erklärt er sich damit, dass er im Grunde selbst ein ganz durchschnittlicher Mensch sei. Er gehe interessiert durchs Leben, sei einfach immer neugierig. Das allein reicht natürlich nicht. Eine Filmcrew zu managen mit bis gegen 200 Leuten sei stets eine Herausforderung und immer ein Weg voller Kompromisse.

«Mein Name ist Eugen», einer seiner bekanntesten Streifen, spielt im Sommer. «Als wir drehten, hat es den ganzen Sommer nur geschüttet. Wir sind durch die ganze Schweiz gereist, um trockene Schauplätze zu finden. Jeder einzelne Sonnenstrahl dieses Jahres findet sich in dem Film wieder.» Und trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Umstände sei diese Geschichte seine Liebeserklärung an die Schweiz.

«Völliges Versagen»

Auch «Grounding» zählt zu seinen grossen Erfolgen. Eigentlich wollte er diesen Film nicht machen. Er habe die Geschichte nicht erkannt. Doch je mehr er mit Mitarbeitenden der Swissair gesprochen habe, umso mehr habe er gespürt, wie tief der Stachel sass. Mit scharfen Worten zog er den Vergleich zum Untergang der Credit Suisse. «Das ist doch unfassbar, dass wir der ganzen Welt erzählen, ihr Geld sei bei uns sicher und dann beerdigen wir diese Bank.» Sein Film sei eindeutig auch ein politisches Statement gegen das Versagen einer Regierung.

Viel leichtfüssiger kommt sein Film «Wolkenbruchs wundersame Reise in die Arme einer Schickse» daher. Diese Reise ist witzig und tiefgründig, philosophisch und überraschend. Mehr als 15 Millionen Zuschauer konnten sie über Netflix mitverfolgen. Der Regisseur bot dabei einen Blick hinter die Kulissen. «Wenn Sie jemanden in einem Film etwas essen sehen, denken Sie daran, dass diese Szene vielleicht fünf oder sechs Mal gedreht wurde. Schauspielerei kann also durchaus sättigend sein.»

Bedrückende Arbeit

Mit «Und morgen seid ihr tot» begab sich der Regisseur auf eine ganz ­andere Reise – nach Indien. Hier wurde der Film über ein in Pakistan entführtes Paar gedreht. Fast etwas wütend erinnerte er sich an die ­Reaktionen. Artikel, die dem Paar Leichtsinn unterstellten, tönten nach «selber schuld». Reisen sei doch die beste Möglichkeit, das ­Leben überhaupt kennenzulernen. Es sei bedrückend gewesen, eine Geschichte voller Angst zu erzählen. Umso mehr freute er sich im ­Anschluss über die Anfrage, einen Action-Thriller zu drehen. «Ich brauchte damals etwas Leichtes für mein ­Leben.» So entstand «Early Birds», gedreht an der Züricher Langstrasse. «Gerade die Nachtdrehs waren oft sehr intensive Momente.»

Der Blick in die Zukunft ist eher unklar. Aktuell arbeitet der Regisseur jeden Freitag in der mexikanischen Bar seiner Frau und schenkt Getränke aus. Daneben ist er bei der regionalen Arbeitsvermittlung gemeldet. Parallel wird er im ­Dezember eine Karaoke-Bar eröffnen. «Ich warte einfach auf bessere Zeiten», zuckte er entspannt die Schultern. Michael Steiner hat früh beschlossen, Filme zu drehen. Er tut das weiterhin – in guten wie in schlechten Zeiten.

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