Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 10. Januar 2025

Heute wäre eine solche Karriere nicht mehr möglich. Doch bei Hermann Strittmatter hat es funktioniert. Und wie. Der 87-Jährige ist die Werbeikone der Schweiz und gilt gleichzeitig als scharfzüngiger Kritiker der digitalen Marketingwelt. Der Freigeist zeigte sich schnell. Die Primarschulzeit in Witikon absolvierte er noch problemlos. Schon auf der Kantonsschule wurden die Ecken und Kanten sichtbar. Eigentlich hatte er sich für die B-Matur entschieden mit dem Schwerpunkt Latein. Doch er wurde für Matur A eingeteilt – mit Altgriechisch. «Ich war nicht schlecht, nur ungemein frech», erinnert er sich mit seinem berühmten Schalk im Blick. Den Eltern sei ein Deal seitens der Schule angeboten worden: Hermann bekäme Noten genügend, würde er von der Schule abgemeldet – andernfalls hingegen mit schlechten Noten von der Schule verwiesen. Die Eltern entschieden sich schnell für die erste Variante. Und so kam Hermann Strittmatter in die Klosterschule Stans – zu den Kapuzinern, einem Bettelorden, wie die reichen Benediktiner in Engelberg gespottet haben.
Mit der Matura in der Tasche kam er zurück nach Zürich. Arbeitspsychologie interessierte ihn – und Kommunikation. Er wollte sich zunächst auf Betriebswirtschaft konzentrieren und landete an der ETH. Er versuchte sich an angewandter Mathematik, an Physik und scheiterte grandios. Er versuchte sich an der Uni und war auch dort nicht glücklich. «Nach St.Gallen wollte ich schon wegen des Dialekts nicht.» Er versuchte sich in Genf, wo es noch viel schlimmer gewesen sei als an den Stationen zuvor.
Er kehrte einmal mehr zurück und stiess auf ein interessantes Stellenangebot. Ein Unternehmen, das unter anderem Schneeschleudern herstellte, suchte einen Werbeleiter – und fand ihn in Hermann Strittmatter. Er gestaltete Prospekte, entwickelte Kampagnen. Und immer wieder las er bei spannenden Inseraten links oben drei ominöse Buchstaben: GGK. Die Werbeagentur, die von 1959 bis 1990 bestand, war vor allem in den 60er- und 70er-Jahren für neuartige Ideen bekannt und international erfolgreich. Auch Martin Suter war hier als Texter tätig. Als die GGK für den Standort Basel einen Art Director suchte, zögerte Hermann Strittmatter nicht lange. Für ein bisschen mehr als tausend Franken im Monat zog er nach Basel. «Auch kulturell ein cooler Ort.» Als die Agentur einen Prospekt für die Swissair gestalten sollte, zahlte sich seine Sprachbegabung aus. Dank seiner wallonischen Mutter zweisprachig aufgewachsen, hatte er nicht nur tote Sprachen gelernt, sondern in Stans auch Englisch – was für das internationale Unternehmen unerlässlich war. «Durch die Swissair lernte ich über sechzig Destinationen in der ganzen Welt kennen.»
Für den Zolliker begann eine Karriere, in der er die Kombination aus Sprache, Bild und Anspruch immer wieder neu umsetzte und schliesslich die Marke «GGK» nach Zürich holte. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Hermann Strittmatter an die Wohnungssuche. Er hatte eine wunderschöne Wohnung gefunden – in einem Altbau, über zwei Etagen, mit grosser Terrasse. «Ich bekam den Zuschlag, weil angeblich ein gewisser Max Frisch die Wohnung doch nicht wollte. Sie sei ihm zu teuer», hiess es. Als der Hausbesitzer Eigenbedarf anmeldete, war er wieder auf der Suche nach einer Bleibe. Als Fussballer und Vorstandsmitglied beim Grasshopper Club Zürich vermittelte ihm ein Kollege ein interessantes Objekt. Er merkte erst spät, dass diese Wohnung gar nicht in Zürich, sondern in Zollikon war. Dieser Ort sei besonders steuergünstig, hiess es. «Als sei ich ein Steuerflüchtling», lacht er. Doch mittlerweile fühlen er und seine Frau sich wohl in der Gemeinde. Mit der Entwicklung der Werbung ist er weniger glücklich. «Plötzlich wird allerorten von Strategien gesprochen. Der akademisierte Wortschatz ärgert mich. Zudem schreiben Journalisten mittlerweile kaum noch. Sie werden zu Experten, die etwas einordnen.» Noch ein bisschen wütender machen ihn die so genannten sozialen Medien. «Das amerikanische ‹social› hat doch mit sozial rein gar nichts zu tun.» Aber natürlich gehören die digitalen Medien auch zu seinem Alltag. Am Abend schnuppert er an den 18-Uhr-News von TeleZüri, den 19-Uhr-Nachrichten im ZDF und der Hauptausgabe Schweizer Tagesschau. Die NZZ und der Tagi kommen täglich frühmorgens ins Haus. «Und wenn ich unterwegs bin, informiere ich mich über das Handy.»
Zu seiner Geschichte gehört auch der Moment, als er seine Ehefrau kennenlernte. Mit Charme und Humor habe er damals für sich selbst geworben. «Das war am 19. Juli 1971 in der Bodega Española. Ich kam von einer Präsentation bei der IBM in Zürich, sie sass mit einer Freundin am Tisch. Ich musste zurück nach Basel, aber wir haben uns gleich für die nächste Woche verabredet.» Im Arbeitszimmer stehen heute beide Schreibtische nebeneinander. «Meine Frau kommt ebenfalls aus der Kommunikationsbranche. Das verbindet uns auch.» Und er fügt an, sie sei sehr streng mit ihm und sage ihm sofort, wenn er etwas Blödes gemacht habe. Auf andere Kritiker hört er weniger. Nachgesagt wird ihm, er sei ein Rabauke, ein Provokateur und polarisiere. Für Stritti, wie man ihn in der Branche nennt, ist das ein Kompliment. «Jemand, der erfolgreich Werbung machen will, braucht Temperament und Feuer.» Und ein Werber will er bleiben – für eine klare, intelligente Sprache, immer gespickt mit einer Prise Ironie. Damit nicht nur er selbst Freude und Spass an seiner Arbeit habe, sondern auch der Konsument und die Konsumentin. Und darauf komme es ja eigentlich an.
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