Geboren am Sonntag im Paradies

Von Joachim Lienert ‒ 24. Januar 2025

Werner Bolli lacht viel. Und viel hat er erlebt in seinen 87 Jahren. Der gelernte Heizungszeichner arbeitete sich zum Geschäfts­inhaber empor, überquert noch immer den Zürichsee und sagt: «Ich bin im Paradies geboren.»

Werner Bolli (87) treibt viel Sport, lacht viel – und hat wohl auch gute Gene von seinen Eltern geerbt. (Bild: jli)
Werner Bolli (87) treibt viel Sport, lacht viel – und hat wohl auch gute Gene von seinen Eltern geerbt. (Bild: jli)

Werner Bolli lacht. Er geniesst den Blick seines Besuchers, als er auf die Frage, woher er denn komme, in breitem Thurgauer Dialekt antwortet: «Aus dem Paradies.» Dann klärt er auf: «Ich wurde im Paradies geboren, einem Ortsteil der Gemeinde Schlatt im Kanton Thurgau. An einem Sonntag.» 1937 war das. Seine Erinnerungen reichen bis vor den zweiten Weltkrieg zurück. Manchmal liessen Bomber Alufolien-Streifen vom Himmel, um den Feind zu verwirren. Der kleine Werner sammelte sie freudig ein. Angst hatte er nie, auch wenn ab und an die Sirene losging, die Familie die Fenster verdunkeln und sich im Keller schützen musste.

Als er zehn Jahre alt war, nahm sein Vater eine Stelle in Zürich an. Die Familie zog mit ihm und seinen zwei jüngeren Schwestern nach Oerlikon. «Hier trampe ich auf meiner Schwester herum», lacht er. Eine Schwester wohnt in der Wohnung unter ihm am Thesenacher in Zumikon.

Verlobt zusammengezogen

Bis zur zweiten Sekundarklasse ­lebte er in Oerlikon. 1952 zog die Familie nach Lausanne, weil der Vater dort eine Stelle als Geschäftsführer antrat. «Ich fand mich schnell zurecht.» Schwimmen war schon damals eine grosse Leidenschaft. «Das Wasser war immer mein Element.» Er trat dem Ruderclub bei. Aber nicht für lange, der Weg zum See war ihm zu weit. Wieder lacht er. «Ich habe es immer gern bequem gehabt, war aber nicht faul.» So wechselte er zum Leichtathletikclub von Lausanne Sports.

Im Welschland absolvierte er eine Lehre als Heizungszeichner. Nachdem die Familie nach Zürich zurückgekehrt war, arbeitete Werner Bolli in verschiedenen Firmen, bevor er eine Stelle in einer Sanitärfirma in Uster annahm. In dieser Zeit lernte er Monika kennen – und Lotti. Den beiden jungen Frauen begegnete er im Verein für Rettungsschwimmer Zürich. Zwei Frauen, die noch heute eine grosse Rolle in seinem Leben spielen. ­Monika sollte seine Frau werden, Lotti eine gute Kollegin. Für die damalige Zeit nicht selbstverständlich, zog das noch unverheiratete Paar 1966 nach Zollikon in eine 3-Zimmer-Wohnung. «Eine Superwohnung an der Seestrasse mit Balkon, Seesicht und privaten Liegeplätzen für etwa 480 Franken im Monat.» Erst dachten die beiden, sie hätten die Wohnung erhalten, weil sie auf das Inserat «Wohnung zu vermieten» schrieben, sie seien ­Rettungsschwimmer und auf der Suche nach einem Platz am See. Der Eigentümer, ein Bankdirektor, belehrte sie eines Besseren: «Wissen Sie, warum ich Sie wähle? Ich habe so viele Briefe erhalten, aber Sie haben ein Antwortcouvert beigelegt.» So etwas kam von einem Bankdirektor.

Zumikon, Heimat seit 1972

Nach drei Jahren kam Carole zur Welt, zwei Jahre später Lucienne. Die junge Familie brauchte eine grössere Wohnung. Seine Schwester und sein Schwager erzählten ihm, sie schauten sich eine Wohnung in Zumikon an. «Wir gingen mit und dachten überhaupt nicht an eine Eigentumswohnung – innert einer Woche unterschrieben wir.» Das war 1972. Werner Bolli lebt bis heute hier. Die 4.5-Zimmer-Wohnung kaufte er zusammen mit seiner Frau im damaligen Neubau für 230 000 Franken. «Das war recht viel Geld damals.» Vor Kurzem habe jemand in derselben Siedlung eine 3.5-Zimmer-Wohnung für 1,3 Millionen verkauft. «Die Wohnung war das beste Geschäft meines Lebens.»

Nach einigen Jahren leitete er die Ustermer Heizungsfirma mit rund 14 Angestellten operativ, während sein Chef sich um die Finanzen kümmerte. 1995 fragte ihn dieser, ob er das Geschäft übernehmen wolle. Er sagte zu und führte die Firma, bis 2002 die Konkurrenz zu stark wurde. «Ich dachte immer, ich arbeite bis über 70 hinaus. Aber der Druck wurde zu gross. Nachdem ich das Geschäft aufgelöst hatte, konnte ich das Leben geniessen.» Er tut es bis heute. Zum Beispiel bei der Seeüberquerung von Zollikon. «Letztes Jahr waren nur vier Teilnehmer älter als 65. Ich war eindeutig schneller als die Jüngeren. Aber ich muss keinen Rekord mehr brechen.»

Sport, Zigarren und Wein

In Zumikon fühlt er sich sehr wohl. Er führt seinen Haushalt selbstständig, besucht Anlässe wie den Dorfmärt oder den Neujahrsapéro und trifft mehrmals pro Woche ­Lotti im Ristorante Pizzeria Italia auf einen Schwatz. Sein Rezept fürs Altwerden? «Gesund leben, sich ­bewegen. Wahrscheinlich habe ich auch gute Gene. Mein Vater wurde 90, meine Mutter 85 Jahre alt. Ich schwimme, lese, fahre im Sommer Velo, höre Nachrichten, verfolge, was auf der Welt passiert.» Manchmal regt er sich über Geschehnisse auf. «Aber dann sage ich mir, was regst du dich auf? Du kannst ja doch nichts ändern.»

Mehrmals wöchentlich absolviert er ein beeindruckendes Sportprogramm: «Zuerst gehe ich 25 bis 30 Minuten aufs Rudergerät im Juch, dann für drei Durchgänge in die Sauna. Anschliessend schwimme ich im 25-Meter-Becken etwa 300 Meter.» Er freut sich, wieder draussen zu schwimmen; im 50-Meter-Becken werden es dann ein bis zwei Kilometer sein.

Mit seinen beiden Töchtern pflegt er regelmässigen Kontakt. Seine Frau und er sind längst «gerichtlich getrennt», wie er betont, doch versteht man sich nach wie vor gut. Sonntags trifft er sich bei ihr zum Brunch, zusammen mit Tochter ­Carole, die fürs Opernhaus arbeitet. Mit ihr besucht er begeistert von Zeit zu Zeit eine Oper. Im Sommer versammelt sich die Familie oft auf seinem Balkon, wo er sich schon mal eine Zigarre gönnt, dazu einen Campari, Pernod oder Weisswein. «Sowieso: Zwei Gläser Wein gehören zum Abendessen.» Wer Werner Bolli beim Sprechen und Lachen zuhört, der kommt nicht umhin zu denken, dass er, der im Paradies Geborene, noch heute im Paradies lebt.

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