Ein Mann macht mobil

Von Birgit Müller-Schlieper ‒ 28. Februar 2025

Hans-Kaspar Weber wechselte mit 63 Jahren von der Chefetage in den Pflegeberuf. Früher zuständig für den öffentlichen Verkehr, ist er heute im Alterszentrum Bethesda unterwegs.

Nachdem er lange für den öffentlichen Verkehr zuständig war, fühlt sich Hans-Kaspar Weber nun als Pflegehelfer im Bethesda rundum wohl. (Bild: bms)
Nachdem er lange für den öffentlichen Verkehr zuständig war, fühlt sich Hans-Kaspar Weber nun als Pflegehelfer im Bethesda rundum wohl. (Bild: bms)

Wenn es einen roten Faden im Leben von Hans-Kaspar Weber gibt, ist es wohl die Mobilität – vielleicht ein bisschen genetisch bedingt. Schon sein Vater war bei der SBB, in der Berner Generaldirektion. So besuchte Hans-Kaspar nach der obligatorischen Schulzeit die Verkehrsschule und begann ­danach seine Ausbildung bei der SBB, und zwar in Erlenbach. Praktischerweise konnte er bei seinen Grosseltern in Zumikon wohnen. In diesem alten Haus lebt er noch immer – in der 13. Generation.

21 Jahre blieb er bei der SBB und absolvierte parallel noch ein BWL-Studium. «Ich hatte sehr spannende Aufgaben», blickt er zurück. Doch irgendwann lief es nicht mehr rund. Es gab «Meinungsverschiedenheiten» zwischen Hans-Kaspar Weber und der SBB-Chefetage. Da seine Ehefrau eine Stelle als Oberärztin in Crans-Montana angenommen hatte, ging er Ski fahren und auf Hochtouren; und als ein Kollege fragte, ob er nicht einen Kurs fürs Gleitschirmfliegen besuchen wolle, sagte Hans-Kaspar Weber spontan zu. Mal eine andere Form der ­Mobilität. «Fliegen ist der Traum der Menschheit. Ausserdem ist es die beste Art, von einem Berggipfel wieder ins Tal zu kommen, ohne sich die Knie kaputtzumachen.»

Aus dem Wallis nach Zug

Doch irgendwann fand Ehefrau ­Corinne, die Zeit des Bergsteigens und Fliegens sei vorbei; er müsse mal wieder Geld verdienen. So wurde er 2002 Chef des Amtes für Öffentlichen Verkehr in Zug und erbte gleich eine Mammutaufgabe. «Ein Quantensprung für den Bus- und Bahnverkehr.» Zum 12. Dezember 2004 – Hans-Kaspar Weber kennt das Datum noch genau – wurde ­alles umgestellt. Es gab neue Bahnhöfe und Haltestellen, neue Billettautomaten, ein innovatives Informationssystem für die Fahrgäste sowie spurtstarke Stadtbahnzüge, welche so spannend waren, dass Delegationen aus der ganzen Welt kamen, um alles zu studieren.

Als langjähriger Kadermitarbeiter ermöglichte ihm der Kanton Zug einen «Seitenwechsel». Für eine Woche durfte er in einer sozialen Institution schnuppern. Er entschied, sich als Betreuer einer Gruppe geistig eingeschränkter Erwachsener zu engagieren. «Es war ein unheimlich fröhliches Lager», erinnert er sich. Total müde und gleichzeitig voller positiver Eindrücke sei er nach Hause gekommen. «Ich hatte auch in meinem richtigen Job mit interessanten Leuten zu tun, aber das Zusammensein mit handicapierten Menschen hatte eine ganz andere Qualität. Jede Reaktion war echt. Da wurde nicht taktiert oder strategisch gedacht. Die Menschen waren absolut authentisch.»

Als im Amt für Öffentlichen Verkehr eine Neuorganisation anstand, begann auch für den Zumiker
eine neue Phase. «Ich war damals 60 Jahre alt, hätte mich pensionieren lassen können. Aber ich wollte noch etwas Sinnvolles tun, am liebsten etwas ganz anderes.» In einem Evaluierungsprozess habe er sich genau gefragt, was ihn wirklich interessiert und was im Alter von 63 Jahren überhaupt realisierbar ist. In einem Lehrgang des ­Roten Kreuzes bildete er sich zum Pflegehelfer aus. 2023 bewarb er sich spontan in der Pflegeabteilung der Residenz Bethesda und wurde mit Kusshand genommen. «Die ­Arbeit, die ich vorher bewältigt habe, war sicher auch sinnvoll. Aber in der Pflege sehe ich das ­Resultat meines Tuns sofort.» Seine Frau war als Ärztin zunächst alles andere als begeistert. «Sie befürchtete, der gestandene Chef werde mit dem hierarchischen Gesundheitswesen seine Mühe haben und versuchen, die Organisation betriebswirtschaftlich auf den Kopf zu stellen.» Nichts davon ist eingetroffen. Er fühlt sich wohl in der subalternen Rolle, bei welcher man am Feierabend keine Arbeit nach Hause nehmen kann. «Im gut organisierten Bethesda tragen andere die Verantwortung.» Er ist überrascht, wie kompetent, achtsam und lebensnah seine oft sehr jungen Chefinnen die Schichten führen. Seine Tätigkeit sei bereichernd. Er erfahre auch viel Spannendes von seinen Kolleginnen und Kollegen aus aller Herren Länder. Er empfiehlt, dass mehr Menschen in seinem Alter eine Ausbildung beim SRK absolvieren. «Auch wenn man danach nicht in dem Bereich arbeitet, gewinnt man eine erstaunliche Sicherheit im ­Umgang mit älteren Menschen und begreift das eigene Altern besser. Ich habe mich da vorher oft etwas hilflos gefühlt.»

Motivation mit Musik

Der Einzug in ein Pflegeheim sei ein bedeutsamer Schritt – ein Loslassen, manchmal ein Ankommen. «Es gibt eben auch Bewohner und Bewohnerinnen, die zuvor lange allein gelebt haben. Einsam waren. Menschen, um die sich kaum jemand gekümmert hat. Hier blühen manche wieder auf.» Es gibt natürlich auch die anderen. Je nach körperlichen und kognitiven Fähigkeiten werden die Menschen gepflegt, motiviert und mobilisiert. Gefordert sind oft viel Fingerspitzengefühl und Respekt. Pflegehelfer Weber hat manchmal einen besonderen Draht zu Bewohnenden dank seiner Lebenserfahrung, den vielfältigen Interessen und seiner Sprachkenntnis, insbesondere Züritüütsch. So werden die Bewohnerinnen und Bewohner persönlich eng begleitet, oft bis zum Tod. «Wir haben viel mehr Möglichkeiten als nur Medikamente gegen die Schmerzen. Auch Musik, Düfte, Licht oder Gespräche mit der hauseigenen Seelsorge können Erleichterung bringen.»

Überhaupt die Musik: Eine weitere Leidenschaft des Zumikers ist das Singen im Männerchor. Zurzeit wird für das Konzert vom 11. April geübt. Daneben singt er im Bethesda meist mit Seniorinnen Lieder aus deren Jugendzeit. «Dies lüftet die Lungen durch, trainiert das Gedächtnis und schafft kleine Erfolgserlebnisse. Wer selber nicht mehr mitsingen kann, darf applaudieren oder in Erinnerungen schwelgen.»

Für Hans-Kaspar Weber ist es nicht wichtig, was jemand früher war oder hatte, sondern entscheidend, was er im aktuellen Lebensabschnitt noch tun und erleben kann.

Werbung

Neuste Artikel

Newsletter

Dieses Feld wird benötigt.

ANMELDEN

Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.