Von Joachim Lienert ‒ 25. April 2025

«Von Zollikon raus in die Welt», heisst das Projekt, welches das Ortsmuseum Zollikon und die Reformierte Kirche Zollikon-Zumikon realisiert haben. Das Hauptprogramm am Samstag übernächster Woche erinnert daran, dass sich 1525 die Täufer in der Region formierten und an ihren Einfluss auf die Glaubensfreiheit. «Sie nannten sich Täufer, nicht Wiedertäufer, denn das war eine despektierliche Bezeichnung», erklärt Bruno Heller, der Leiter des Ortsmuseums. Schliesslich liessen sich die Erwachsenen nicht «wieder» taufen, sondern es war für sie die einzige gültige Taufe.

Der Staat und die Obrigkeit schätzten das anders ein. Für sie waren die Taufregister wichtig, um den Zehnten einzutreiben, die Wehrpflichtigen zu ermitteln, den Überblick über die Bürgerinnen und Bürger zu halten. Die Täufer dagegen waren gegen die Kindstaufe. Schliesslich konnte sich ein Kind noch nicht aus freiem Willen für Gott entscheiden. Vor allem drei Protagonisten erstarkten in Zürich und im nahen Zollikon: Jörg Cajacob «Blaurock», Felix Manz und Konrad Grebel. Der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli stand dazwischen. Er erkannte die durchaus biblisch begründeten Ansichten der Täufer, wollte aber zugleich die Obrigkeit nicht verärgern.
In Zollikon kamen am 25. Januar 1525 im Haus an der Gstadstrasse 23/25 mehrere vom Stadtrat verbannte Täufer zu einer geheimen Bibelstunde zusammen. Zwei Zolliker Bauern baten um die Taufe, die Jörg Blaurock und Felix Manz mit einer einfachen Schöpfkelle vollzogen – trotz ausdrücklichem Verbot. «Viele sehen in dieser Versammlung den Gründungsmoment der ersten Täufergemeinde.» Die Täufer wurden gnadenlos verfolgt, einige von ihnen erhängt und ertränkt. Viele flohen in der Folge in andere Kantone – und ins Ausland. Es entstanden unter anderem die Bewegungen der Mennoniten und der Amischen. Der Theologe Peter Dettwiler begab sich auf die Spuren der Amischen in Indiana, Pennsylvania und Ohio. In einem kleinen mennonitischen Dorf in Indiana haben sie den Brunnen von Zollikon nachgebaut. Im Rahmen des Auftakttages vom 10. Mai wird Peter Dettwiler von seinen Reisen in einem Fotovortrag berichten. «Für viele Mennoniten aus den USA darf ein Besuch in Zollikon nicht fehlen», sagt Bruno Heller. Sie fuhren schon in Reisebussen vor, um den Brunnen an der Gstadstrasse zu besichtigen.
Die Bevölkerung erwartet am 10. Mai ein ausgedehntes Programm in der reformierten Kirche und an weiteren Schauplätzen wie der erwähnten Gstadstrasse. Alle Teilnehmenden können sich nach eigenem Geschmack die Punkte aussuchen, die sie interessieren. Etwa Vorträge und Fragerunden zu den Anfängen des Täufertums oder Dorfrundgänge, geführt von Bruno Heller, dem Lokalhistoriker Walter Letsch – und von Laurent Casagrande, einem 18-jährigen Maturanden. Dass ein so junger Zolliker sich für die Geschichte der Täuferbewegung interessiert und darüber gar seine Maturarbeit schrieb, mag ungewöhnlich erscheinen. Sein Interesse hatte Brigitte Gebs geweckt, seine Lehrerin für Religion und Kultur. In der Primarschule hatte sie erzählt, wie vor 500 Jahren der Taufstein aus der Kirche Zollikon geklaut worden war. Nun werden Texte von Laurent Casagrande auf Plakaten an historischen Stellen im Dorf verdeutlichen, wie Zollikon die Geschichte beeinflusst hat.
Am Anlass wird auch Riki Neufeld, Pastor der Evangelischen Mennonitengemeinde Schänzli aus Basel, teilnehmen. «In Zürich gibt es keine Mennonitengemeinde mehr – wegen der Verfolgung vor 500 Jahren.» Der Anlass könne Gedankenanstösse für heute liefern. Zum Beispiel für junge Eltern, die sich fragen: «Sollen wir unser Kind taufen lassen?» Oder für Jugendliche, die sich überlegen, sich als Erwachsene taufen zu lassen. Nicht zuletzt führt die Veranstaltung vor Augen, warum wir uns hierzulande über Religionsfreiheit freuen dürfen.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.