Von Björn Reinfried ‒ 25. April 2025

«Hinter jedem Kinderbuch ist ein Erwachsener, der sich viele Gedanken dazu macht», erklärt die Autorin ihre Arbeit. Wenn sie erwachsene Themen wie den Schutz der Meere im Buch «Toni und die Delfine» oder fremde Kulturen in «Traslaluna» kindgerecht verpackt, ist Feingefühl gefragt: Es soll spannend genug sein, darf nicht zu kompliziert werden und muss trotzdem Wissen vermitteln – eine Gratwanderung zwischen Fantasie und Wissenschaft. «Das muss einem wirklich liegen.»
Dagmar de Mendieta wuchs in Deutschland auf und studierte an der Universität zu Köln Romanistik und Germanistik. Sprache und Literatur beschäftigt sie schon ihr ganzes Leben; sie arbeitete in der Kommunikation, als Übersetzerin, Redaktorin und Lektorin. Seit vielen Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Zollikon. Die Kinder waren es, die sie zur Kinderbuchautorin gemacht hatten: Zusammen erfanden sie Geschichten, zu denen die Kleinen Bilder zeichneten. So reifte der Wunsch, ein Kinderbuch zu schreiben, und sie begann, die vielen Geschichten und Bilder, die sie mit ihren Kindern erschaffen hatte, in ein Buch zu bringen. Was als Projekt begann, wurde zur Passion: Sechs Bücher hat sie veröffentlicht – der eben erst erschienene Kinder- und Jugendroman «Das Licht der Tiefe» ist ihr jüngstes Werk.
«Natürlich könnte ich auch für Erwachsene schreiben, aber das will ich gar nicht.» Sie fasziniert die
Art, wie Kinder die Welt sehen, die Themen, die sie interessieren. Kinder seien ehrlicher und kritischer als Erwachsene. Während sich ein Erwachsener auch durch langweilige Passagen quält, legt ein Kind ein Buch sofort weg, wenn es das Interesse daran verliert. Das gelte es zu beachten: interessant, aber nicht zu spannend, informativ, aber nicht zu sachlich, fantasievoll, aber nicht zu unglaubwürdig. «Ich finde es schön, nur für Kinder zu schreiben.»
Kindgerecht zu schreiben, muss sich durch das ganze Buch ziehen. Die Wortwahl – gerade in der Schweiz: Velo statt Fahrrad und Vreni statt Heike, kurze Sätze, einfache Beschreibungen komplexer Themen und altersgerechte Illustrationen. Dagmar de Mendieta spricht denn auch von Kinderliteratur und nicht von Kinderbüchern; Literatur für Kinder sei keineswegs minderwertiger als jene für Erwachsene.
Am meisten schreibt sie für Kinder von sechs bis acht Jahren. «Einen Roman kann ein 25- oder ein 70-Jähriger lesen, da gibt es keine Abstufungen. Sechsjährige hingegen lesen andere Texte als Zehn- oder Zwölfjährige. Eine Kinderbuchautorin hat kein kindliches Gemüt, sondern versetzt sich in die Kinder hinein.»
Wo sie am liebsten schreibe? Sie könne überall und zu jeder Uhrzeit schreiben; im Zug, im Flugzeug, draussen, zu Hause oder in der Nacht. Oder – ganz unkindlich – am Schreibtisch.
Ein Grund, weshalb Dagmar de Mendieta so gerne für Kinder schreibt, ist ein ernster: «Sprache ist sehr wichtig – persönlich und beruflich, für das ganze Leben. Sprache und eine adäquate Ausdrucksform braucht man immer.» Die Gehirne der Kinder vernetzen sich noch, deshalb sei es wichtig, Sprache und den Umgang mit Texten zu lehren – vorzulesen, das Kind selbst lesen zu lassen – gerade, weil Kinder heute viel digitaler unterwegs seien und folglich Sprache wie Intellekt verkümmern. Sie will Kindern mit ihren Büchern einen Rückzugsort bieten; einen Ort, an dem sie ihre eigene Fantasie ausleben und ihre sprachlichen Fähigkeiten ausbauen können: «Es ist ohnehin ein wenig verloren gegangen, Hobbys zu haben, die nur für einen selbst sind – etwas nur aus Freude und ohne Ziel zu tun.»
Was inspiriert Dagmar de Mendieta? Vieles! «Man kann eigentlich zu jedem Thema ein Kinderbuch schreiben.» Sie lasse sich inspirieren von Dingen, die sie selbst spannend findet – zum Beispiel die Tiefsee. Ideen kommen ihr auch, wenn sie unterwegs ist und etwas sieht – beim Laufen, draussen in der Natur.
Kinderliteratur zu schreiben ist alles andere als ein Schnellschuss. Es muss ein Verlag gefunden werden, der erste Textauszüge weiter ausarbeiten lassen will; das Schreiben selbst kann problemlos ein Jahr einnehmen. Danach ist ein Illustrator oder eine Illustratorin zu suchen, der oder die den Stil der Autorin bildlich wiedergeben kann. Schliesslich wird das Buch Kindern zum Probelesen vorgelegt; die härteste und ehrlichste Jury der Branche. Doch Dagmar de Mendieta sieht es entspannt; sie lässt den Illustratoren Interpretationsfreiheit und setzt die Anregungen der Verlage und jungen Testleser um.
Obschon Dagmar de Mendieta nichts lieber macht, als Kinderliteratur zu schreiben, liest sie selbst nur wenig Kinderbücher – und wenn, dann aus Interesse an der Arbeit anderer Autorinnen und Autoren. Trotzdem darf die Frage nach den Lieblingskinderbüchern aus der Kindheit der Zolliker Autorin nicht unbeantwortet bleiben: Erich Kästners «Das doppelte Lottchen», «Lurchis Abenteuer» von Erwin Kühlewein und Enid Blytons Hanni-und-Nanni-Bände.
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