Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 2. Mai 2025

Die Hanfpflanze (Cannabis sativa) hat eine jahrtausendealte Geschichte als vielseitiger Rohstoff. Vor über 12 000 Jahren wurde sie in China und Persien genutzt: Die nahrhaften Samen dienten als Lebensmittel, während aus den robusten Fasern Kleider hergestellt wurden. Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. nutzten die Chinesen Hanf auch zur Papierherstellung – eine Innovation, die sich später in ganz Asien und schliesslich in Europa verbreitete. Hanfpapier war aufgrund seiner Reissfestigkeit und Langlebigkeit besonders für Bücher und bedeutende Dokumente geschätzt. So wurde die erste gedruckte Bibel im 15. Jahrhundert, die Gutenberg-Bibel, ebenso auf Hanfpapier hergestellt wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776.
Eine «Pünt» bezeichnete früher ein eingezäuntes Stück Land in Hausnähe für den Anbau von Pflanzen wie Hanf oder Flachs. Der Flurname «i de Pünt» im Berg, zwischen Unterhueb und Böniswis, deutet darauf hin – ebenso die Hanflandstrasse zwischen Sennhof und Oberhueb. Historische Quellen belegen, dass im Dorf Hanf zur Stoffherstellung bis ins 19. Jahrhundert zwischen den Rebhängen angebaut wurde. Einige Berufe mit Hanf wurden zu Familiennamen, so auch die Zolliker Bleuler. Der Bleuler bearbeite die getrockneten Hanf- und Flachsfasern mit einem hölzernen «Bleuel», einem rundlich zugeschnittenen Hammer.
Wichtig waren die Hanffasern auch in der Seilproduktion für die Schifffahrt und die militärische Ausstattung. Übrigens produzierte an der Hofwiesenstrasse in Zürich Edwin Zolliker, Urgrossvater der Schreibenden, Hanfseile auf der eigenen Seilerbahn bis ins Jahr 1924. Mit der Industrialisierung verlor die Hanffaser an Bedeutung, da Baumwolle wesentlich billiger und leichter zu verarbeiten war.
Die medizinischen Eigenschaften der Pflanze schätzten bereits antike Kulturen. Schon damals wurde sie zur Linderung von Schmerzen, Entzündungen und Schlafstörungen, bei Übelkeit, Angstzuständen und Krampfanfällen eingesetzt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war sie auch in der westlichen Medizin verbreitet, vor allem in Form von Tinkturen und Salben. Mit dem Aufkommen synthetischer Medikamente verlor sie jedoch an Bedeutung.
In den letzten Jahrzehnten hingegen erlebte Hanf mit seinen Wirkstoffen – insbesondere der Cannabinoide THC und CBD – eine Renaissance. Heute gilt er als wertvolle Ergänzung oder Alternative zu herkömmlichen Behandlungsmethoden, insbesondere in der Schmerztherapie und bei neurologischen wie psychischen Erkrankungen. Der Hauptwirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) wirkt, indem er an das körpereigene Endocannabinoid-System anbindet, das Kommunikationssystem zwischen Gehirn und Körper.
Schon früh war dem Zürcher Juristen Paul-Lukas Good klar, dass das Cannabisverbot ungerecht ist. «Bereits in jungen Jahren fand ich es ungerecht, dass der Konsum verboten und somit kriminell ist», sagt er im Gespräch. Diese frühe Haltung führte ihn zum Studium des öffentlichen Rechts: «Ich wollte verstehen, wie Gesetze entstehen, und mich selbst in Gesetzgebungsprozesse einbringen.» Als das Parlament am 25. September 2020 eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (BetmG) verabschiedete, um evidenzbasierte Studien zum Cannabiskonsum zu ermöglichen, fühlte er sich bestätigt. «Diese Initiative kam mir sehr entgegen.» Mit Mitstreitern gründete er im Mai 2021 den Verein Swiss Cannabis Research.
Der in Zürich ansässige Verein unterstützt die Forschung und arbeitet langfristig auf die verantwortungsvolle Regulierung des Konsums, Verkaufs und Vertriebs von THC-haltigem Cannabis zu nicht-medizinischen Zwecken hin. In Zusammenarbeit mit der Universität Zürich, der Konjunkturforschungsstelle KOF/ETH und dem Arud Zentrum für Suchtmedizin führt der Verein schweizweit Forschungsprojekte durch, mit dem Ziel, während der nächsten fünf Jahre im Kanton Zürich rund 7500 Probandinnen und Probanden bei einem reglementierten Cannabis-Konsum zu begleiten. «Unser Ziel ist es, die Pilotversuche zur kontrollierten Abgabe wissenschaftlich zu begleiten und so eine fundierte Basis für künftige politische Entscheidungen zu schaffen.»

Die Realität auf dem Schwarzmarkt sei nicht zu ignorieren, betont Paul-Lukas Good: «Alle Versuche, die Konsumenten vom Konsum abzuhalten, sind in den letzten 50 Jahren gescheitert – nicht nur in der Schweiz. Wo es Nachfrage gibt, gibt es auch ein Angebot – leider oft in den Händen krimineller Strukturen, die weder Steuern zahlen noch faire Löhne bieten. Manche schrecken auch vor Gewalt nicht zurück.» Besonders problematisch sei: «Cannabis ist nicht die Droge mit den höchsten Gewinnspannen, aber dennoch konsumieren rund zehn Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung – etwa 600 000 Menschen – regelmässig.» Daraus ergibt sich ein geschätzter Jahresumsatz zwischen 400 und 500 Millionen Franken. «Weil der Schwarzmarkt mit schlanken Strukturen operiert und Steuerzahlungen unterschlägt, bleibt davon ein Gewinn von etwa 250 Millionen Franken übrig. Das schafft kaum ein legales Unternehmen; deshalb ist der Markt für Kriminelle so attraktiv.»
Paul-Lukas Good appelliert aber auch an die Verantwortung des einzelnen Cannabis-Konsumenten: «Wer in seiner individuellen Lebensführung auf den Kauf fair hergestellter Produkte Wert legt, regional einkauft und auf Qualität achtet, wird auch beim Konsum eines Genussmittels wie Cannabis nicht darum herumkommen, sich ethische Fragen zu stellen.» So führt der Verein verschiedene Cannabis-Sorten und -Produkte im Angebot, die in Schweizer Bio-Qualität von Produzenten aus den Kantonen Freiburg und Schwyz kultiviert und hergestellt werden. Dabei bietet er erstmals auch Lebensmittel an: Die THC-haltigen Gummis, Gebäcke, Pralinen und Snacks werden rege nachgefragt.
Die jüngste Entscheidung der nationalrätlichen Gesundheitskommission zur staatlichen Regulierung des Cannabiskonsums vom 13. Februar dieses Jahres geben der Studie Aufwind. Folgeprojekte in weiteren Schweizer Kantonen sind geplant. Der Verein hat erste Gespräche mit der Gemeinde Zollikon und der Dorfapotheke aufgenommen, um Teilnehmenden der Studie den Zugang zur Durchführung zu erleichtern.
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