Von Björn Reinfried ‒ 9. Mai 2025

1986. Eine Frau steht in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Moskau. In der einen Hand hält sie einen Blumenstrauss, in der anderen einen knackenden Geigerzähler – die Sowjetunion, während Tschernobyl explodierte. Das ist nur eine Station in Helen Oplatkas Leben.
Als junge Frau lebte sie in Zollikon bei ihrem Grossvater und studierte in Zürich Germanistik, Schweizergeschichte und Verfassungsrecht. In ihrer Dissertation verglich sie die Syntax des Schweizerischen Zivilgesetzbuches mit dem Deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch. «Noch heute wird diese Arbeit ab und zu zitiert», lacht sie. Während des Studiums engagierte sie sich im Militärischen Frauenhilfsdienst in der Flüchtlingshilfe: «Ich war stets für das Frauenstimmrecht, und dafür wollte ich etwas tun. Ausserdem hatte ich immer etwas für Ausländer übrig.» An der Universität lernte sie einen jungen Flüchtling aus Ungarn kennen – Andreas Oplatka.
Zwei Tage nach der Hochzeit stiegen die beiden in ein prall gefülltes Auto und fuhren nach Stockholm; nicht in die Flitterwochen, sondern um zu arbeiten – er als Korrespondent für die NZZ. Drei Jahre blieben sie in Skandinavien, wo Helen Oplatka zwei Töchter bekam, schwedische Literatur übersetzte und am Goethe-Institut Deutsch lehrte.
Nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz zog die Familie für neun Jahre nach Paris. «Paris war eine sehr gute Zeit» Sie begleitete ihre Kinder in die Schule und engagierte sich auch dort, machte eine Französischausbildung, spielte Orgel in der paroisse protestante, half Migrantenkindern aus dem Maghreb bei den Hausaufgaben und unternahm Reisen mit ihrem Mann. 1983 nahm dieser eine Stelle als Korrespondent in Moskau an. Helen Oplatkas Bedingung: «Ich komme nur mit, wenn ich eine Arbeit finde.» Und dann stand ein grosser Umzugswagen mit einem Anhänger voller Lebensmittel und Haushaltartikel auf dem Trottoir. «Alle haben geflucht über den riesigen Wagen, der die Strasse verstopft hat. Es war schwierig zu sagen, wie
viel WC-Papier man für drei Jahre Sowjetunion packen muss.»
So zog die Familie nach Moskau, ins Ghetto für Ausländer an der breiten Einfallstrasse zum Kreml: «Das war eine spannende, aber sehr schwierige Zeit.» Helen Oplatka arbeitete als Deutschlehrerin in der Französischen Botschaftsschule und als Französischlehrerin in derjenigen der Bundesrepublik Deutschland. Während ihr Mann als Journalist auf geführten Reisen Einblicke in das kommunistische Reich bekam, waren individuelle Reisen strengstens reglementiert und kontrolliert. Auch die Bespitzelung war allgegenwärtig: Eintrittskontrollen vor dem Haus, Wanzen eingebaut in der Wohnung. «Der Geheimdienst versteckte sich nicht. Wir wussten nie, was sie aufschrieben; wir wussten nur, dass wir in der eigenen Wohnung nicht alle Gedanken aussprechen durften.»
Als 1986 das Kernkraftwerk Tschernobyl explodierte, wurde das Leben hinter dem Eisernen Vorhang wirklich unheimlich: «Wir kauften nichts mehr auf dem Markt, da wir nicht wussten, von wo die Ware kam, und wir prüften alles mit einem Geigerzähler auf der Botschaft. Offizielle Informationen gab es nicht.»
Im selben Jahr zog die Familie zurück in die Schweiz ins grossväterliche Haus in Zollikon. Nach dem Fall der Mauer wurde Andreas Oplatka als Berichterstatter der NZZ der Mann für Osteuropa. Helen Oplatka übernahm die Aufgabe einer Französischtrainerin in der Credit Suisse im Raum Zürich. Als am Ende der 1990er-Jahre die Schweizer Banken mit den namenlosen Konten für internationale Schlagzeilen sorgten, wurde Helen Oplatka als Historikerin bei der Bank eingesetzt, zog als Prüferin durch die Archive der Schweizer Filialen und bearbeitete das USA-Geschäft der Bank im Zweiten Weltkrieg.
Währenddessen zog ihr Mann als Korrespondent nach Ungarn. Sie begegneten sich im 14-Tage-Turnus. Für zehn Jahre. In dieser Zeit gründete Viktor Orban in Budapest eine deutschsprachige Universität, an der sie in der Folge beide als Dozenten arbeiteten: Er als Politologe, sie als Deutsch- und Kulturdozentin. «Immer mit vollen Koffern hin und her. Eine super Zeit.» Seit ihrer Zolliker Zeit hatte sie auch begonnen, sich im Kulturkreis Zollikon zu engagieren, und ist noch heute stolz auf die damals hohen Mitgliederzahlen, David Dimitri, der an einer Chilbi auf dem Seil über den Dorfplatz lief, und die Kinderkulturanlässe, die sie mitgegründet hat.
2004 übergab ihre Familie das Archiv der Textildruckfabrik ihres Urgrossvaters in Glarus dem Glarner Wirtschaftsarchiv in Schwanden – 130 Laufmeter, darunter 120 Holzkisten voller Korrespondenzen. Die Texte reichten zurück bis ins Jahr 1800 und weckten ihr Interesse. Sie mietete eine Wohnung in Schwanden und packte mit ihrer ehemaligen ungarischen Studentin Hajnal Miklos die nächsten sechs Jahre lang Kisten aus: Die Briefe wurden gereinigt, geordnet und registriert, Interessantes wurde transkribiert. Als Helen Oplatka realisierte, dass noch niemand darüber geschrieben hatte, wann, wie und wohin die Glarner Textildrucker ihre farbigen Tücher verkauften, fand sie ihr Thema.
«Zwanzig Jahre lang habe ich an diesem Buch gearbeitet.» Als 2020 ihr Mann starb, vergrub sie sich in der Arbeit: «Corona ist völlig an mit vorbeigezogen.» Im Dezember 2024 ist ihr Opus magnum im Glarner Verlag Baeschlin erschienen: «130 Jahre Glarner Exporthandel. Gebrüder J & J.H. Streiff: Studie zum schweizerischen Textildruckschaffen im 19. und frühen 20. Jahrhundert». Die Glarner Textildrucker, die vor 200 Jahren ihre Stoffe im osmanischen Reich als Schleiertücher verkauften, passten zu Helen Oplatka, die an so vielen Orten zuhause war und immer gearbeitet hat: «Das hat mich fit gehalten.»
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