Von Dörte Welti ‒ 13. Juni 2025

Margarita Heredia Forster kam vor 54 Jahren in Cuenca, drittgrösste Stadt Ecuadors, zur Welt. Nach der obligatorischen Schule studierte sie Kommunikationswissenschaft an der Universität von Cuenca. Studieren hiess in ihrem Fall – und das ist so üblich in der südamerikanischen Stadt: tagsüber arbeiten, anschliessend am Abend vier Stunden Uni. Gegen Ende des Studiums unternahm sie eine Ferienreise mit zwei Kolleginnen. Die Ziele: England, Deutschland und die Schweiz, wo eine der Freundinnen Verwandtschaft hatte. Natürlich gingen die jungen Frauen auch in den Ausgang und lernten andere junge Menschen kennen. Einer davon sollte eine ganz besondere Bekanntschaft werden: Pascal, mit dem Margarita Heredia Forster in diesem Jahr ihren dreissigsten Hochzeitstag feiert.
«Verliebt, verlobt, verheiratet in drei Monaten», lacht die Südamerikanerin mit Schweizer Pass, und erzählt, wie ihr Zukünftiger freie Zeit hatte, als sie ihn traf, weil er gerade einen Job gekündigt hatte und vor Antritt des nächsten seinen Schatz, die inzwischen wieder zurückgeflogen war, zuhause in Cuenca besuchte. Das Paar gab sich nach einigen Hin- und Herflügen das Ja-Wort in Ecuador, es stand aber fest, dass man in der Schweiz leben werde. Margarita Heredia Forster erinnert sich noch sehr gut an die Anfänge in ihrer neuen Heimat: «Anfangs habe ich für alles Hilfe gebraucht, ich konnte die Sprache nicht und nicht mal die Worte auf einem Milchkarton verstehen.» Sie lernte und lernte, versuchte, so wenig Fehler wie möglich zu machen, sie wollte akzeptiert werden in Zürich, der Heimat ihres Mannes. Arbeiten wollte sie auch – und fand schon bald eine Stelle bei einer Human-Relations-Firma. Ihre Aufgabe als fliessend Englisch und Spanisch sprechende Kommunikationsexpertin: Das Unternehmen dabei zu unterstützen, weltweit Ingenieure mit Java-Kenntnissen zu finden, die zum damaligen Telekommunikationsriesen Alcatel wechseln sollten – pünktlich zum Millennium. Ein spannender Job, den sie jedoch bereit war aufzugeben, sobald die Familienplanung konkret wurde.
Noch vor der Jahrtausendwende kam das erste Kind, ein Sohn, auf die Welt, zwei Jahre später komplettierte eine Tochter die Familie. Natürlich war die familienbezogene Margarita Heredia Forster schon mit dem ersten Kind sobald als möglich in ihre Heimat geflogen, um ihren Verwandten und Freunden den Nachwuchs vorzustellen. Bei diesem Besuch um die Weihnachtszeit hatte sie ein Erlebnis, das vor allem ihr berufliches Leben komplett verändern sollte: «Meine Mutter und ich gingen in eine Wäscherei, um Feinwäsche dort waschen zu lassen. Die Wäscherinnen waren junge alleinstehende Mütter, beherbergt von Nonnen, die den Frauen halfen, aber auch über ihr Leben wachten.» Selbst gerade Mutter geworden, registrierte Margarita Heredia Forster, in welchen Umständen die Frauen lebten, alle in einem Raum – 30 Frauen und Kinder –, keine Privatsphäre, kein Rückzugsort. «Mir ging es so gut, verglichen mit diesen jungen Müttern», rekapituliert Margarita Heredia Forster, «ich bin ein glücklicher Mensch.» Und sie wollte etwas verändern. Zurück in der Schweiz startete sie ihr erstes Fundraising unter Bekannten und brachte 3760 Franken zusammen. Fortan sammelte sie jedes Jahr und brachte das Geld persönlich zu den Nonnen. «Jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass sich zwar an den Umständen einiges verändert, nicht aber bei den Frauen selbst», erklärt die Fürsorgliche. Sie wusste, die Frauen müssen nach zwei, drei Jahren das Heim wieder verlassen und stehen dann vor dem Nichts, sind auf sich selbst gestellt.
Margarita Heredia Forster, selbst mit der Möglichkeit gesegnet, Schulen besucht haben zu können, sah nur eine Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen: Bildung. Sie gründete in der Folge die
Fundacion Avanzar, eine Stiftung, die es mit Spenden ermöglichte, dass Lehrer in das Frauenhaus gingen und Wissen vermittelten in Themen wie Gastronomie oder Pastaproduktion. Ein Secondhand-Shop wurde im Haus gegründet und noch so manch andere Geschäftsidee gemeinsam mit den Nonnen und den Frauen entwickelt. Parallel dazu gründete Margarita Heredia den Verein Avanzar in der Schweiz. Sie hat viel erreicht, die Fundacion ist im 25. Jahr aktiv, es wurden ausserhalb des Klosters Lehrstätten aufgebaut für Schreinerei, Schneiderei, Beautybehandlungen und vieles mehr, die Frauen werden gecoacht in Marketing, Sales, Finanzen und Social Media-Marketing. 8000 Unternehmerinnen wurden bisher ausgebildet! Produktionsstätten sind aus Problemen der Frauen entstanden. Beispiel: Ist ein Kind in Ecuador im Spital, muss ein Elternteil bei dem kleinen Patienten bleiben. Eine alleinstehende Mutter kann dann nicht arbeiten und hat Lohnausfall. Margarita Heredia Forster beobachtete, dass die Frauen im Spital strickten. Ihre Idee: Die Frauen Taschen zum Verkauf stricken zu lassen. Ein Prototyp fand bei Margarita Heredia Forsters Freundinnen sofort Anklang. Eine Kollektion entstand, die online und an den Atelier Days in Erlenbach verkauft wird, eine von ihr gemeinsam mit einer Kollegin vor zehn Jahren initiierte Verkaufsmesse für kleine Designlabels.
Seit 14 Jahren wohnt die Familie schon in Zumikon, davor 13 Jahre in Küsnacht, wohin sie und ihr Mann aus der Stadt Zürich zogen, als die Kinder noch klein waren. Jetzt sind sie gross, mehr oder weniger aus dem Haus, und Margarita Heredia Forster, die gerne auch im Wald Laufen geht, ein Fitnesscenter frequentiert, sich mit Freundinnen trifft und viel liest, hat über ihre Zukunft nachgedacht. Und: Im letzten Jahr starb ihr Vater. Sein Tod löste bei ihr eine Sinnkrise aus: Was passiert mit der Fundacion, wenn es sie, Margarita, mal nicht mehr geben sollte? Sie nahm sich Zeit, reflektierte über die aktuelle Situation und suchte nach neuen Wegen, um den Fortbestand ihres Lebenswerks nicht nur durch individuelle Spenden, sondern auch durch die kontinuierliche Unterstützung von Förderstiftungen zu sichern. Gemeinsam mit ihrem Team wandte sie sich an zahlreiche Stiftungen in der Schweiz – mit Erfolg. «Wir wollen das Unternehmertum von Frauen in Südamerika stärken», lautet das simple Ziel von Margarita Heredia Forster. Und sie fügt an, was sie in all den Jahren antreibt: «Ich habe den Traum, etwas zu verändern.» Das tut sie. Tag für Tag.
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