Von Dörte Welti ‒ 20. Juni 2025

Die Zeichen standen schon auf Intellekt, als Andrea Hochuli-Schmid, heute 68 Jahre alt, als Kind zweier Künstler in Zürich auf die Welt kam. Aufgewachsen ist sie in Winterthur, der Vater, Henri Schmid (1924–2009) war ein berühmter Maler, die Mutter Erica Früh (1925–2016) widmete sich eher dem Thema Skulpturen. «Sie war eine Pionierin, ernährte die Familie als Goldschmiedin, als mein Vater noch nicht so arriviert war», erinnert sich Andrea Hochuli-Schmid. «Sie stützte die Arbeit meines Vaters als gute Kritikerin und motivierte ihn immer wieder aufs Neue.» Andrea Hochuli-Schmid besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und war Teil der renommierten Fotoklasse, die 1927 von Fotograf Hans Finsler (†1972) gegründet worden war.
Retrospektiv waren es mehrere Faktoren, die Andrea Hochuli-Schmids kunstaffine Laufbahn beflügelten: «Mein Hauptlehrer im Vorkurs an der Kunstgewerbeschule war Hans Aeschbach, aus dessen künstlerischem Nachlass wir in der Galerie Milchhütte eine Retrospektive zum 110. Geburtstag zeigten. Und mein Vorbild für Fotografie war Henri Cartier-Bresson.» Die beiden Lichtgestalten der zeitgenössischen Kunst formten Andrea Hochuli-Schmids Blick und die Begeisterung für Architektur, für den Bauhaus Stil und im Grunde genommen für alles, «was Klasse hat». Ganz grad war ihr beruflicher Lebensweg nicht, anfangs produzierte Andrea Hochuli-Schmid in der Blackbox AG sogenannte Tonbildschauen, also Business-Porträts, konzipiert wie eine Diashow. Fünf Jahre später zog sie in ein Gemeinschaftsbüro, in dem sie zu dritt als eigenständige Produzenten für Film und Audiovision arbeiteten. Als bereits arrivierte Produzentin lernte Andrea Hochuli-Schmid ihren Mann in Zürich kennen, das Paar heiratete 1990, zwei Kinder komplettierten das Familienglück. Sie bauten sich ein Feriendomizil in der Provence auf, einen Ort, den Andrea Hochuli-Schmid auch nach dem Tod ihres Ehemannes gerne frequentiert. Ein Ort der Ruhe, der über die Jahre zu einem Familienmittelpunkt geworden ist; anfangs gingen die Kinder dort sogar zur Schule.
2001 konnte die Familie in Zumikon ein Architektenhaus erwerben, ab 2004 lebten sie ganzjährig hier, damit die Kinder in der Schweiz in die Oberstufe gehen können. 2019 hängte Andrea Hochuli-Schmid eine Weiterbildung an der Hochschule der Künste in Bern an ihr Palmarès: Werk- und Nachlassmanagement. Im selben Jahr kuratierte sie im Winterthurer Museum Villa Flora eine grosse Gedenkausstellung ihres Vaters, baute das Elternhaus um und stieg im September als Kuratorin in der Milchhütte in Zumikon ein, die organisatorisch zum Freizeitzentrum gehört. «Ich brachte einen vielschichtigen Background mit», erzählt Andrea Hochuli-Schmid vom Enthusiasmus der ersten Stunde. «Ich hatte für so hochklassige Galerien wie die von Anna Wenger gearbeitet, habe ein riesiges Netzwerk an Künstlerinnen und Künstlern und als Gründungsmitglied des Lions Club Zürich-Central, einer der ersten reinen Lions-Frauenclubs, eine erfolgreiche Kunstauktion mitorganisiert.» In den folgenden Jahren versuchte sie, die Milchhütte als Plattform für Künstler zu etablieren, die sich vertieft mit ihren Themen auseinandersetzen. Rund zehn, manchmal elf Ausstellungen kuratierte sie pro Jahr, immer mit – gelinde gesagt kleinen – 15 Stellenprozenten. Es gab viele Highlights, zu viele, um sie alle zu nennen, aber eines sticht heraus: «Wir haben vor zwei Jahren anlässlich Picassos 50. Todestag eine Ausstellung mit Fotografien auf die Beine gestellt, die Edward Quinn von dem Künstler gemacht hat.» Gemeinsam mit Claudia Bischofberger – auch eine Zumikerin – von der «Stiftung Kinder- und Jugendmuseum» boten sie zudem ein Picasso-Atelier für Kinder an. Grosse Namen, die würden ziehen, bemerkt Andrea Hochuli-Schmid, das gelte nicht nur für ausgestellte Künstler, sondern auch für den Namen der Galerie. Sie bemängelt, dass das Zumiker Publikum deswegen eher schwierig für einen Besuch in der Milchhütte zu begeistern sei, man sei etwas lahm in diesem Dorf, was Kunst und Kultur vor der eigenen Haustür angehe.
Andrea Hochuli-Schmid hat sich in Fahrt geredet in ihrem schönen Garten hinterm Haus. Ihr Anliegen entspricht dem des Bundes, es gäbe sogar einen klaren Auftrag, nachzulesen auf der Internetseite des Bundesamtes für Kultur. Auszug: «Das BAK setzt sich für Kultur als wesentliches Element einer offenen und demokratischen Gesellschaft ein …» Nichts weniger als dem wollte sie Folge leisten. Jetzt kommt eine Nachfolgekuratorin oder ein -kurator in die Milchhütte; es sollen nur noch vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr gezeigt werden – bei gleichbleibenden Stellenprozenten. Das schmerzt Andrea Hochuli-Schmid, sie sorgt sich um die schwindenden Möglichkeiten für Kunstschaffende, ihre Werke zu präsentieren. Aber sie freut sich auch auf die Zeit danach: «Endlich kann ich den Künstlernachlass meines Vaters gut dokumentieren und organisieren. Ich kann wieder öfter in die Provence fahren und mich um unsere Olivenbäume kümmern, mehr reisen und Kunstmessen besuchen, ohne zu überlegen, wer für eine Ausstellung in der Milchhütte infrage käme.» Klingt nach alles anderem als nach Ruhestand. In Pension gehe sie ganz sicher nicht, auch wenn man das im Dorf so kolportieren würde. Und endlich selbst künstlerisch tätig werden? Mit den Genen, die sie in die Wiege gelegt bekommen hat? Andrea Hochuli-Schmid weist auf Bilder ihres Vaters, die im Haus verteilt hängen: «Ich bin und war immer zu kritisch meiner künstlerischen Tätigkeit gegenüber, zu hoch ist der Anspruch …» Noch ist nicht aller Galerietage Abend, derzeit ist die letzte von Andrea Hochuli-Schmid kuratierte Ausstellung in der Milchhütte in vollem Gange. Gezeigt werden «The power of color» von Garda Alexander. Eine Zollikerin. Auch mit grossem Namen.
ANMELDEN
Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.