Von Björn Reinfried ‒ 27. Juni 2025

«Warum ich Lehrer geworden bin? Na ja, jeder macht mal Fehler», lacht Daniel Leutwyler, der sich heute auch einen handwerklichen Beruf als Alternative vorstellen könnte. Er spricht bewusst von Beruf und nicht von Job: «Denn in Beruf ist Berufung – und Lehrer zu sein ist meine Berufung.» Doch dieses Schuljahr ist sein letztes – das letzte von 38 Jahren. Er wird Zollikon verlassen und mit seiner Frau nach Bern ziehen; in ein Haus mit Garten, in einen neuen Lebensabschnitt.
Ursprünglich in Witikon aufgewachsen, besuchte er das Gymnasium Rämibühl, wo er die Probezeit nicht bestand. Nach der Sekundarschule klappte es und er absolvierte die Kantonsschule Stadelhofen. Nach dem Militär wollte er Lehrer werden, machte die Ausbildung zum Real- und Oberschullehrer und bewarb sich in Zollikon. Das war 1987: «Seither fühle ich mich an der Schule Zollikon wohl und bin geblieben.» Was er hier alles unterrichte? «Alles! – Ausser Englisch, Hauswirtschaft und textiles Werken. Ich bin quasi ein Mehrkämpfer.»
Wenn Daniel Leutwyler über seinen Beruf und seine Zeit am Buechholz spricht, merkt man, weshalb er es Berufung nennt: «Ich arbeite sehr gern mit jungen Menschen zusammen und lasse die Schülerinnen und Schüler nahe an mich heran. Sie kennen mich gut und ich sie. Das hilft bei der zwischenmenschlichen Beziehung, ist aber manchmal auch schwierig, weil mich gewisse Geschichten und Schicksale beschäftigen.» Weil er fast alle Fächer unterrichtet, sieht er die Schülerinnen und Schüler mehr als andere Lehrkräfte: «Die besten Erfolge erzielten wir dann, wenn wir in der Eins-zu-eins-Situation zusammensitzen konnten, um die Aufgabe individuell anzugehen. Der Beruf ist zwar anstrengend, aber er hält jung und man bleibt dank ihm am Puls der Zeit.» Im Gegenzug verlangt er von den Jugendlichen: «Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen. Jugendliche haben ihrem Alter entsprechende Sorgen und Probleme, da ist es mir wichtig, Konflikte gemeinsam zu lösen, um wieder nach vorne schauen zu können.»
Seine Art, mit Menschen umzugehen, hat ihn im Dorf beliebt gemacht: «Manchmal treffe ich ehemalige Schülerinnen oder Schüler auf der Strasse – oft sind mittlerweile sogar ihre Kinder bei mir zur Schule gegangen – dann wird im Gespräch meist klar: Die Schule war für sie kein Schreckgespenst.» Wie sie, hat auch er viele positive Erinnerungen ans Buechholz und ist dankbar für die gute Presse in Zollikon. Er nennt seine Highlights: «Klassenlager, weil man da die Schüler von einer anderen Seite kennenlernt. Auch alle Projekte: Wir haben einmal einen Klassenroman geschrieben und zusammen mit dem Kunsthaus Zürich Texte zu Bildern verfasst und am Tag der offenen Türe präsentiert. Das war eine ganz tolle Sache. Da merkte man, welche verborgenen Fähigkeiten in den Jugendlichen steckten, die im Alltag zum Teil gar nicht zum Tragen kamen.»
So gut Daniel Leutwyler die Jugendlichen kennt und versteht, etwas ist und bleibt ihm ein Rätsel: «Sie haben manchmal so lange Bildschirmzeiten, dass ich mich frage, woher sie all diese Stunden nehmen. Jede freie Minute am Handy zu verbringen, finde ich nicht förderlich, zumal es die Schülerinnen und Schüler massiv ablenkt. Auch mit der KI ist viel Halbwissen im Umlauf. Die Jugendlichen denken, sie könnten kurz etwas nachschlagen, vergessen aber dabei oft, dass es genauso wichtig ist, gewisse Dinge wirklich zu wissen.
Die Vernarrtheit auf Markenklamotten und entsprechende Wertesysteme kann er ebenfalls nicht nachvollziehen: «Es gibt viel Verunsicherung. Auf Social Media wird von teuren Autos, dem grossen Geld und der massgebenden Schönheit geträumt – dem nicht zu genügen, kann für Jugendliche stressig sein.» Doch sind es nicht nur die Jugendlichen, die ihm Sorgen bereiten – es sind auch die Eltern, die Lehrerinnen und Lehrern den Beruf erschweren: «Sie sind anspruchsvoller, fordernder geworden. Als Lehrer ist man nicht mehr die Respektsperson wie früher, was nicht nur schlecht ist. Deshalb ist es wichtig, dass man in schwierigen Situationen von der Schulleitung und dem Lehrerkollegium gut unterstützt wird. Darauf konnte ich mich stehts verlassen.»
Alles in allem ist Daniel Leutwyler glücklich mit seinem Beruf und den Jugendlichen: «Es ist brutal anstrengend, aber ich würde es wieder machen.» Auf die Frage, warum er diesen Sommer mit dreiundsechzig Jahren etwas früher als üblich in Pension geht, antwortet er, ganz der Pädagoge: «Es wäre nicht fair, jetzt eine neue Klasse zu übernehmen mit all meinen Ideen und Vorstellungen, nur um sie dann frühzeitig zu verlassen.» Den Jugendlichen will er noch etwas auf den Weg geben: «Will man etwas unbedingt erreichen, muss man das auch verfolgen. Es sollte jedoch im Bereich des Möglichen liegen. Geschenkt wird einem nichts. Es braucht Durchhaltevermögen, ohne Leistung geht nichts.»
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