Kein Berg zu hoch

Von Dörte Welti ‒ 4. Juli 2025

Für Susanne Müller-Zantop gilt das für reale Berge aus Stein und Geröll wie für mentale. Die Zollikerin hat extrem viele beider Arten in ihrem Leben bewältigt.

Mental und körperlich stark: Expeditionen in die Berge sind für Susanne Müller-Zantop auch Inspiration für das Coaching ihrer Klienten. (Bild: zvg)
Mental und körperlich stark: Expeditionen in die Berge sind für Susanne Müller-Zantop auch Inspiration für das Coaching ihrer Klienten. (Bild: zvg)

Vor 68 Jahren kam Susanne Müller-Zantop im deutschen Essen auf die Welt. Bis zu ihrem 40. Lebensjahr waren Berge kein grosses Thema für sie, auch wenn sie angibt, schon als Dreijährige Schnee besonders gern gehabt zu haben. Sie studierte in Regensburg Computerlinguistik – die Wissenschaft, wie natürliche Sprache mit Hilfe des Computers algorithmisch verarbeitet werden kann – und Wirtschaftsinformatik, war dann 20 Jahre beruflich und privat in der bayerischen Hauptstadt München verankert. Mit nur 24 Jahren baute sie ein eigenes Technologieunternehmen auf, zwei Jahre später verkaufte sie es erfolgreich. Ihr damaliger Partner möchte gerne den Kilimandscharo besteigen, und so macht Susanne Müller-Zantop 2002 das erste Mal Bekanntschaft mit dieser Welt. Und bleibt hängen. Allerdings nicht in München. Nach einem erfolgreich absolvierten MBA in St. Gallen an der HSG zieht sie 2005 aus beruflichem Antrieb in die Schweiz. Ohne den inzwischen 15-jährigen Sohn. Es ist eine Familienentscheidung, dass er in Deutschland seine Schulzeit beendet und beim Vater leben wird. Im selben Jahr besteigt sie zwei Fünftausender, den Manaslu Trek in Nepal und den Elbrus in Russland.

Favorit Zollikon

«Der Relocation Service hat mir damals sehr viele Objekte gezeigt», erinnert sich Susanne Müller-­Zantop an die entscheidende Zeit in der Schweiz. Von Anfang an habe sie Zollikon favorisiert und dort schliesslich auch eine Wohnung gefunden. Sie ist inzwischen zwei Mal umgezogen, immer in Zollikon, «immer um dieselbe Bushaltestelle herum», scherzt sie. ­Zollikon ist für sie, die sich 2016 einbürgern liess, der Ort, der ihren Bedürfnissen ­optimal entspricht. «Es ist die ­Mischung aus Stadt und Land, die mich fasziniert», sinniert sie. «Das etwas Ländliche und die Natur tun mir gut.» Besonders jetzt. Die Berge haben sie nie mehr losgelassen. 2013 und 2014 machte sie sich auf nach Chile, um mit dem Aconcagua ihren ersten Sechs­tausender zu ­bezwingen – bei den ersten zwei Versuchen hatte sie die Expedition aus unterschiedlichen Gründen abbrechen müssen. 2015 schaffte sie vier Viertausender in der Schweiz, 2016 bestieg sie erfolgreich den Cho Oyu, einen 8202 Meter hohen Berg im Tibet.

Aussen- und Innenleben

Höhere Ziele setzen statt aufgeben, ist ihre Devise, Krönchen zurechtrücken und weitermachen, vielleicht war das Krönchen auch einfach zu klein. Es mit einer grösseren Krone zu versuchen ist ein möglicher Weg, den die Mitbegründerin von CEO Positions AG auch im Berufsleben anwendet. Die Consulting- und Produktionsfirma, die
sie seit 2006 gemeinsam mit ihrer Co-Founderin in Zürich betreibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Top-Managerinnen und Top-Managern mittels neuester Technologien zu vermitteln, wie sie ihre Messages und Prinzipien effizient kommunizieren und somit Wachstum und Produktivität der Firmen erhöhen können. Susanne Müller-Zantop hilft auch bei Rückschlägen, hat konkrete Tipps, wie man sich aus Tiefs heraushelfen kann: «Manche Menschen gehen zum Psychiater, um sich helfen zu lassen, andere schneiden sich die Haare ab. Wir glauben, dass man beides – Aussen- und Innenleben – nicht trennen kann.» Analyse steht am Anfang der Massnahmen. Zum ­Beispiel mittels einer Fieberkurve, die aufzeichnet: Woher kommt man, was waren bisher die Höhen und Tiefen, wohin geht die Reise?

«Malen und skizzieren hilft, sich Fakten und Zusammenhänge zu verdeutlichen», erklärt die Topmanagerin. Sie selbst schreibt viel, ­arbeitet zeitweise als Kolumnistin für namhafte Magazine weltweit und verfasst einen Blog. Der faszinierendste Teil zum Nachlesen ist der, als sie mit 61 Jahren als drittälteste Europäerin überhaupt den Mount Everest besteigt.

Der ungewollte Berg

Ihre Erfahrungen kombiniert sie, zieht Vergleiche zwischen Bergsteigen und dem Führen einer Firma, schreibt ein Buch darüber, macht sich als Keynote Speakerin einen Namen und geht immer wieder in die Berge zurück. So auch letztes Jahr. Der Broad Peak war ihr Ziel, ein weiterer Achttausender im ­Himalayagebirge. Sie ist fit, bereitet sich gewissenhaft vor wie immer, und dann ist da dieser Knoten in der Brust. Befund: Krebs. Sie berät sich mit ihren Ärzten und geht die Gipfelbesteigung auf eigene Verantwortung an. Es wird eine von denen, bei denen man umkehren muss. Aber nicht, weil es ihr gesundheitlich schlecht ging, sondern weil die Verhältnisse vor Ort eine finale Gipfeltour nicht zuliessen.

Zurück in der Schweiz folgt der kräftezehrende Kampf gegen den Krebs, Operation, Bestrahlung, Chemo, sie ist heute immer noch in der Therapie: «Jetzt konnte ich auch die geniale medizinische Versorgung hier kennenlernen.» Ein Berg, den sie sich nicht ausgesucht hat, den sie aber wie alle anderen mit Entschlossenheit und Selbstvertrauen angeht. Die Berge, die Erfolge und die Misserfolge, das Leben überhaupt haben die glückliche Grossmutter einer inzwischen fünfjährigen Enkelin demütig gemacht. Und zuversichtlich. Ihre sehr schöne Wohnung mit Sicht auf den Zürichsee bedeutet ihr viel: «Sonnenauf- und -untergänge anzuschauen ist so ein grosses Geschenk!»

Seniorin für Senioren

Susanne Müller-Zantop macht ­weiter, auch beruflich, hilft sogar anderen, die das Gefühl haben, vor einem Berg ungelöster Probleme zu stehen, indem sie im Rahmen von «Senioren für Senioren» alle vier Wochen in der Gemeinde Computerhilfe gibt. Sie geht auch jetzt regelmässig in alpine Regionen, sie geben ihr Kraft: «Zollikon ist ideal. Ich komme mit jedem erdenklichen öffentlichen Verkehrsmittel – oder zu Fuss – in die Stadt und mit der S-Bahn zum Wandern und Klettern.» Sie lebt Tag für Tag, mit einem Credo, das sie gerne an andere weitergibt: «Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.»

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