«Keine Teigwarenfabrik mit Schlafkojen»

Von Björn Reinfried ‒ 4. Juli 2025

Der Abstimmungskampf um das Altersheim Beugi ist in vollem Gange, und die Komitees bezichtigen sich gegenseitig der Lüge. Am Schüeli wird gekickt und im Zollikerberg gegen Töfflibuebe vorgegangen. Währenddessen fängt ein ­Fischer den grössten Hecht seines Lebens. Ein Blick in die Ausgaben des Zolliker Boten von vor 50 Jahren.

Waren die Inseratepreise günstiger oder die Seiten grösser? Beides! Der ZoBo vom 6. Juni 1975 – fast einen halben Meter hoch. (Bild: bre)
Waren die Inseratepreise günstiger oder die Seiten grösser? Beides! Der ZoBo vom 6. Juni 1975 – fast einen halben Meter hoch. (Bild: bre)

Sommer 1975. Während bei der Rehalp an der «äusserst gefährlichen Kreuzung zwischen Forchstrasse und Forchbahn» endlich das neue Lichtsignal gebaut ist und die ständigen, zum Teil schweren Unfälle ein Ende fanden, wird in Zollikon heftig um den geplanten Bau des Altersheims Beugi gestritten. Das widerspiegelt sich im Zolliker Boten vom 6. Juni 1975: Zwischen Inseraten für den neu eingetroffenen VW Polo und einem Geschäft für feinste Pelze finden sich grosse JA und NEIN: Es ist die letzte Ausgabe vor dem Abstimmungssonntag.

«Wir wollen ein wohnliches Heim bauen und nicht eine ‹Teigwaren­fabrik mit Schlafkojen›», argumentiert das Pro-Beugi-Komitee. «Was die Gegner sagen, erweist sich – wie jedermann leicht feststellen kann – als böswillige Unterschiebung!» Der Ton im Abstimmungskampf ist so heiss wie das Wetter. «Unüberlegt, unzweckmässig und mit 100 000 Franken pro Bett zu teuer!», kontert die Gegnerschaft in ihren Inseraten und unterstellt den Befürwortern reines Eigeninteresse: Sie wollen doch das Altersheim nur bauen, um für ihr eigenes Gewerbe Bauaufträge zu erhaschen – und dafür Steuermillionen verprassen.

Eine Woche später ein kleines Drama in einem Miniinserat: «Entflogen Blaustirnamazonenpapagei. Grün. Guter Finderlohn.» Die Titelgeschichte: Das Altersheim Beugi wurde klar angenommen mit 2646 Ja- und 1333 Nein-Stimmen – und die 8,2 Millionen Franken für den Bau genehmigt. Wer heute durch die Zeitung dieser Tage blättert, bleibt immer wieder kurz hängen: Weniger als 9 Millionen Franken für ein ­Altersheim? Ja. – «5,5-Zimmer-Wohnung in Zumikon mit Balkon, Cheminée und zwei Kellerabteilen: 1490 Franken pro Monat.» – «Zu verkaufen: 4-Zimmer-Wohnung in Zollikon. 420 000 Franken.»

FC Lattenkreuz und Rennmaschinen

Und noch ein kleines Inserat: «Zu verkaufen: Papagei, der spricht, lacht und pfeift.» Hochsommer 1975. Am Schüeli kämpfen der FC Ameisehuufe, Goali-Killer, Bomber-Kickers, die sieben Schlafwandler oder der FC Waschmaschine um den Meistertitel. Im Zolliker Bote wird der neue Datsun Sunny und Dauerwellen zu Tiefpreisen angepriesen. Der Frauenverein ist in der Gründungsphase.

In diesen Wochen diskutiert die Zolliker Öffentlichkeit Themen, die auch fünfzig Jahre später noch zu reden geben: der Mangel an Bauland und die Ortsplanung. «Das heutige Bauland sollte nicht vergrössert werden. Bauland soll für spätere Generationen freigehalten werden», begründet der Gemeinderat seine Ziele. Für die Ortsplanung befragte die Planungskommission die Bevölkerung und fasste deren Wünsche in einem Leitbild zusammen: weniger Verkehr in den Quartierstrassen, mehr Grünflächen, mehr Einkaufsmöglichkeiten.

Bei einer Töffli-Razzia im Zollikerberg musste die Polizei 38 der 84 kontrollierten Maschinen beanstanden. «Mofa-Piloten fühlen sich oft zu Höherem – oder eher Schnellerem – berufen. Mit etwas Geschick und viel Erfindergabe werden deshalb nicht selten wahre Rennmaschinen gebastelt – nicht so sehr zur Freude der uniformierten Obrigkeit», schreibt der Journalist dazu. Töffli – die E-Scooter der 70er-Jahre.

In diesen Sommertagen zieht ein Fischer am See den «Fang seines Lebens» aus dem Wasser, einen kapitalen Hecht, mit seinen 36 Pfund und 1,37 Meter Länge der «wahrscheinlich grösste je im Zürichsee gefundene Hecht». Der Fisch wurde tiefgefroren und in einer Braustube in Zürich für die Öffentlichkeit ­ausgestellt. Später wurde sein Kopf präpariert und ausgestopft, damit der Fischer ihn zu Hause an die Wand hängen konnte.

Und was war damals die Sommerloch-Geschichte? Kinder fanden einen jungen Spatzen oben im Gebälk unter dem Dach hängen – kopfüber, jämmerlich piepsend. Sie wollten ihm helfen, wussten aber nicht wie. Über das oberste Fenster hinaussteigen wäre zu gefährlich und eine so lange Leiter hatte niemand. Was also tun? «Totschiessen», meinte ­jemand, doch es fand sich kein Schütze, der das Vögelchen erlösen wollte. «Die Feuerwehr», schlug ­jemand vor, und man diskutierte, ob diese, die bekanntlich Katzen aus Bäumen rettete, auch für kleine Spatzen anrücken würde? Man telefonierte der Feuerwehr, erklärte das Leid des Vogels und der Kinder, und siehe da: Zehn Minuten später stand die Zolliker Feuerwehr vor dem Gebäude, baute ihre Leiter auf und rettete den Pechvogel aus seiner misslichen Situation.

Werbung

Neuste Artikel

Newsletter

Dieses Feld wird benötigt.

ANMELDEN

Herzlich willkommen! Melden Sie sich mit Ihrem Konto an.