50 Wohnungen oder «Don’t touch»?

Von Joachim Lienert ‒ 11. Juli 2025

Der Ortskern des Zollikerbergs wird entwickelt. Nach dem Auftaktforum im März und der Onlineumfrage im Mai fand
am Donnerstag letzter Woche das sogenannte Vertiefungsforum statt. Auch an diesem Abend galt die Devise von Gemeinderat Patrick Dümmler: «Es ist uns ein Anliegen, den Ortskern zusammen mit Ihnen, der Bevölkerung, zu entwickeln.»

Der Hitze zum Trotz: Rund 65 Personen fanden sich in der Turnhalle Rüterwis ein. Geleitet wurde der Anlass auch diesmal von Gemeinderat Patrick Dümmler (FDP), moderiert vom Zolliker Reto Brennwald, Fernseh-Journalist und Kommunikationstrainer. Ging es beim Auftaktforum im März (Zolliker Zumiker Bote 11/2025) noch darum, herauszufinden, wo und welche Nutzungen man sich im künftigen Ortskern wünscht, wollte man jetzt vor allem gemeinsam die Schlüsse aus der Onlineumfrage diskutieren, an der sich im Mai fast 700 Personen beteiligt hatten.

Götz Datko, Stadtplaner bei der ­Firma Kontextplan, die im Auftrag der Gemeinde die Ortskernentwicklung begleitet, erläuterte die Ausgangslage: «Es gibt 14 relevante Themen für die Ortskernentwicklung. Acht sind unbestritten, bei sechs gehen die Meinungen auseinander.» Die umstrittenen sollten von den Teilnehmenden vertieft an sechs Stationen diskutiert werden: die Versorgungsangebote, das Wohnen, der «Soziale Spot», «Nutzungen mit Blick über den Tellerrand», die bauliche Entwicklung des ­Gerenareals – und diejenige der Roswies. Bei letzteren beiden stimmten die Umfrageteilnehmer überwiegend einer gemeinsamen Entwicklung des Gerenareals und der Roswies zu. Keinen Konsens dagegen gab es bei der Form der Überbauung: 60 Prozent finden, die Roswies solle überbaut werden, 40 Prozent möchten, dass sie frei bleibt. Götz Datko zeigte beim Gerenareal und insbesondere bei der Roswies verschiedene Möglichkeiten auf: von der kompletten Freihaltung über eine sanfte Weiterentwicklung mit einer teilweisen bis zur vollständigen Überbauung. Wollte man das ganze Potenzial der Roswies für Wohnraum ausschöpfen, wären rund 50 Wohnungen möglich.

Zu den unbestrittenen Themen gehört die Definition des Ortskerns. «Er soll ein lebendiger Begegnungsort mit Treffpunkt-Nutzungen und gewissen Versorgungsangeboten werden, in erster Linie für die eigene Bevölkerung, von Jung bis Alt», sagte Götz Datko. Hohe Wertschätzung erwiesen die Befragten gegenüber bestehenden Nutzungen und der Gastronomie. Die Anzahl Büroflächen im Zollikerberg will man keinesfalls erhöhen.

An jeder Station konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Meinung äussern und auf roten Haftnotizen ihren Unmut, auf grünen ihre Zustimmung bekunden. Rund zehn Personen fanden sich bei einer Station zusammen, diskutierten das entsprechende Thema – und zogen nach zehn von einem Gongschlag angekündigten Minuten zur nächsten Station.

Was alles auf den Schuh drückt

Am Schluss bot sich ein buntes Bild, das verdeutlichte, wo der Zollikerberg den Menschen auf den Schuh drückt. «Genügend bezahlbare ­Alterswohnungen», sagte eine Frau bei der Station «Wohnen». Bei den Nutzungen mit Blick über den Tellerrand fanden viele, ein Café wäre schön, ausdrücklich wurde das Café am Puls gelobt, doch ­attraktiv wären längere Öffnungszeiten, auch abends und am Wochenende. Jugendräume könnten ein Thema sein, doch sogleich kam der Einwand: «Heute gehen die ­Jungen nicht mehr in ein Jugendhaus.» «Die Jugend hat keine Freiräume mehr, wie wir sie noch ­hatten», warf ein älterer Herr ein. Multifunktions­räume für Menschen und Vereine wären gut. Da erinnerte jemand daran, dass das Spital Zollikerberg über viele grosse Räume verfügt, die man schon heute nutzen könne. Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene wurden gewünscht, mehr Leben, mehr Kulturveranstaltungen.

Beim Gerenareal gingen die Wogen höher. «Ein Flickenteppich ist das», «es fehlt ein grösserer Saal», und gleichzeitig: «Es darf auf keinen Fall mehr Verkehr geben». «Wir müssen die Chance für ein Gesamtkonzept nutzen», sagte jemand. Am hitzigsten wurde die Debatte zur Roswies geführt. «Don’t touch», schrieb eine Person warnend auf eine Karte, «unangetastet lassen», pflichteten mehrere Leute bei. Doch auf der anderen Seite, bei den Befürwortern einer baulichen Entwicklung, stand: «Kern verdichten», «Mehrgenera­tionen-Haus» oder «Gemeinschaftsprojekt der Zolliker Baugenossenschaften». Und immer wieder und bei mehr als einer Station, wurde notiert: «bezahlbarer Wohnraum!» Beim Thema Versorgungsangebote fanden Ideen wie ein Wochenmarkt oder ein Hofladen Zuspruch – die Einwendung folgte sofort: «Ein Hofladen funktioniert nur, wenn ihn die Leute auch wirklich nutzen, sonst macht er schnell wieder dicht.»

Vollständige Neuentwicklung des Gerenareals

Nach einer Stunde Diskussion stellten die Moderierenden jeder Station ihr Fazit vor. Jetzt war die Kunst der Städteplaner gefragt, aus so unterschiedlichen Voten die Essenz herauszudestillieren, die in ihre weitere Arbeit fliessen kann. Hilfreich für die Verdichtung der Voten war ein digitales Tool: Via Handy urteilten die Anwesenden über Stichworte von jeder Station. Auf der Leinwand verfolgten alle live, wie sich die Prioritäten mit jedem Votum verschoben. Hofladen und Wochenmarkt blieben Renner, ebenso generationendurchmischtes Wohnen, soziales Engagement, Vereine und Innenräume als Treffpunkte. Beim Gerenareal war die Tendenz eindeutig: «eine vollständige Neuentwicklung» wünschte die Mehrheit der Teilnehmenden. Bei der Roswies wiederum schlug die «teilweise Überbauung» die Variante «vollständige Überbauung» – und noch stärker die Idee «unangetastet lassen».

Wie geht es weiter? Götz Datko sagte: «Wir wissen jetzt, dass wir nicht zaubern können müssen. Wir dürfen alles anfassen. Wir haben viele Nuancen gehört, mit denen wir ­weiterarbeiten werden.» Patrick Dümmlers Fazit: «Es war eine Herausforderung heute. Erstens wegen der Temperatur. Und zweitens auch wegen des Themas.» Ziel ist es, die Ideen und Vorschläge in das Ergebnisforum vom 1. November ein­fliessen zu lassen. Dann sollen alle Inputs zu einem grösseren Plan verdichtet werden, wie der Ortskern künftig aussehen soll. Kurz nach neun Uhr und nach drei Stunden schwitzen, mitdenken, mitmachen, gingen viele nach Hause – eine kleinere Gruppe trat unter den nun temperierten Nachthimmel des Zollikerbergs, um mit einem kühlen Glas Lunggesüüder anzustossen.

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