Von Dörte Welti ‒ 11. Juli 2025

Es ist nicht gang und gäbe für einen jungen Mann seiner Generation, sich ausserhalb des unbedingt Notwendigen im Geschichtsunterricht mit historischen Zusammenhängen zu beschäftigen. Ein Aussenseiter ist Laurent Casagrande deswegen nicht; begeisterte Besucher des Ortsmuseums Zollikon können ein Lied vom Esprit des Gymnasiasten singen, der Führungen zum Thema «Täufer» durch Zollikon und im Museum organisierte (wir berichteten am 16. Mai anlässlich der Aktivitäten zu 500 Jahre Täuferbewegung).
Laurent ist ein waschechter Zolliker, lebt mit seinen Eltern – die Mutter ist Ärztin, der Vater im Finanzwesen tätig – und seinem Bruder in unserem Dorf. Er besucht derzeit das Freie Gymnasium Zürich mit Schwerpunkt Mathematik und Physik – und gibt an, sich seit jeher für Naturwissenschaften und technische Dinge interessiert zu haben. Für ihn stand eigentlich schon letztes Jahr um diese Zeit fest, dass seine Maturaarbeit auch in diesem Bereich angelegt sein wird; Schachcomputer wollte er unterschiedlich programmieren und gegeneinander antreten lassen.
Dann kam ihm in einer freien Woche kurz vor den Sommerferien aus heiterem Himmel seine Religionslehrerin Frau Gebs aus Primarschulzeiten in den Sinn: «Sie hat damals erwähnt, dass eben dieser Taufstein gestohlen wurde.» (Wer die ganze Geschichte um die in Zollikon begründete Entstehung der Täufergeschichte noch nicht kennt und nachlesen möchte, möge im Archiv des Zolliker Zumiker Boten online den Aufsatz von Historiker Walter Letsch nachlesen.) Weil Laurent Mikrogeschichte spannend findet, liess ihn die Sage um den gestohlenen Taufstein nicht los. Er nutzte die freie Zeit, um sich voll und ganz in die Recherchen zu knien. Er durchforstete Bibliotheken nach Quellen, trug Wissen zusammen, und das in einem Masse, das so noch nicht sehr viele vor ihm und vor allem nicht gebürtige Zolliker selbst bewerkstelligt haben. Über kurz oder lang war Laurent so fasziniert, dass er «Täufer in Zollikon» zum Thema seiner Maturaarbeit machte.
Ist er der Nerd seiner Peergroup? Hat er das Gefühl, die anderen finden ihn etwas seltsam, weil er sich mit so viel altem Kram beschäftigt? «Schon ein bisschen, ja», gibt Laurent zu, «das Stereotype ist doch, zu denken, mit Lokalhistorie beschäftigt sich ein alter Mann, der irgendwas in ein Jahrheft schreibt. Zollikon ist ja eigentlich ein kleines Dorf
im Kanton Zürich, und doch hat es durch diese Geschichte eine weltweite Relevanz.» Digital ist Laurent trotzdem unterwegs. Er liebt das Programmieren und weiss die heutigen technischen Möglichkeiten für seine geschichtlichen Exkurse zu nutzen. «Historiker vor 80 Jahren hätten sich einen Arm und ein Bein ausgerissen, um solche Tools zu haben, wie sie uns jetzt zur Verfügung stehen», kommentiert er den Fortschritt. «Es geht alles so viel schneller und besser.» Auf elektronischem Wege fand er auch den Kontakt zum Ortsmuseum, zum Leiter Bruno Heller. Laurent schrieb ihm, ob das Ortsmuseum eventuell Primärquellen habe, also originale Dokumente über den Diebstahl des Taufsteins. Bruno Heller hatte, man verabredete sich auf einen Samstag vor Ort, das Treffen mündete à la longue in eben dieser Jubiläumsausstellung. Und Laurent entschloss sich, für seine Maturaarbeit bei dem Thema zu bleiben. Er hat noch Zeit, Abgabe ist im Herbst dieses Jahres. Er müsse nur noch alles zusammenschreiben, der praktische Teil ist ja erledigt.
Laurent hat aus dieser vergangenen Zeit von ziemlich genau einem Jahr mehr mitgenommen, als den Herkulesteil seiner Maturaarbeit abhaken zu können. Die vielen Besucher der Ausstellung aus dem Ausland, die seinen Ausführungen lauschten, haben seinen Horizont erweitert – darunter Amische, die wegen einer Mennonitenkonferenz in der Schweiz weilten und Zollikons Aufarbeitung seiner weltgeschichtlichen Bedeutung für die Täuferbewegung bestaunten. Er hat Primarschüler, die das Ortsmuseum zufällig wieder mit seiner «alten» Religionslehrerin Brigitt Gebs besuchten, für die Geschichte begeistern können. «Bei den Führungen ist es das Ziel, die Leute zu informieren. Vor allem die Kinder, die ja nicht wirklich freiwillig hier sind, wenn sie mit der Schule kommen, sind nicht alle gleich interessiert. Ihnen zu zeigen, was hier passiert ist, ihnen mehr Wissen über diesen Ort zu geben, das macht Spass.»
Bücherwurm Laurent – «früher las ich ein bis zwei Bücher pro Woche, heute habe ich weniger Zeit dafür» – hat auch eine eigene Meinung entwickelt, was den Sinn und Nutzen sozialer Medien angeht, etwas, das immer mehr in den Fokus rückt, weil man langsam, aber sicher erkennen will, wie schädlich übermässiger Konsum digitaler Inhalte ist. «Man hört immer, die sozialen Medien werfen total neue Probleme auf. Als der Buchdruck aufkam, gab es Stimmen, die warnten, dass das Lesen von zu vielen dummen Büchern der Jugend schadet, sie korrumpiert. Ich will das nicht verharmlosen, was heute passiert, das Problem hat sich um ein Vielfaches vergrössert.» Ihn beschäftigen die unterschiedlichen Sichtweisen, von Befürwortern und von denen, die etwas Neues verteufeln. Ein reifer Diskurs, den er da führt.
Und bei all dem hat er noch Zeit, sich bei den Pfadfindern zu engagieren – und im Schülervorstand, einer Institution im Freien Gymnasium, die tatsächlich bei der Entwicklung der Schule ein bisschen mithelfen darf. Die Fragende stellt sich Laurent Casagrande als Politiker vor, da kommt das nächste Lehrstück: «Politik sollte man nicht als zusätzlichen Karriereschritt sehen. Das sind Leute, die schon etwas erreicht haben und sich nur eine zusätzliche Aufgabe suchen.» Man müsse den Menschen in den Mittelpunkt rücken, und wer als Politiker gewählt werde, auch Fürsprecher derer sein, die einen nicht gewählt haben. Wahre Worte von einem jungen Geist.
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