Patsch-nass! Patsch-nass! Patsch-nass!

Von Joachim Lienert ‒ 11. Juli 2025

Um zehn nach sieben klingeln die Handys der Zolliker See­retter. Alarm. Wo immer sie sich aufhalten – in fünf Minuten sind sie in ihrer Zentrale neben der Seebadi. Drei Minuten später fährt das Rettungsboot Nautilus hinaus.

Die Seeretter führen während der Fahrt Wiederbelebungsmassnahmen durch. (Bild: jli)
Die Seeretter führen während der Fahrt Wiederbelebungsmassnahmen durch. (Bild: jli)

Die Seeretter wussten im Vorfeld nur: Am Dienstag beginnt eine Übung. Der Zolliker Zumiker Bote stieg mit ein in die Nautilus. «118» steht auf dem Schiff, die Notruf-­Nummer der Feuerwehr ist auch die der Seeretter. Die Einsatzleitzentrale am Flughafen Zürich koordiniert die Anrufe und bietet im Ernstfall den Seerettungsdienst auf. Die Übung von vorletzter ­Woche fand in Zusammenarbeit mit dem Seerettungsdienst Küsnacht-­Erlenbach statt. Alle Seeretter wohnen oder arbeiten in Zollikon. Bei einem Notfall klingelt das Handy bei jedem, an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr. Dann sind sie in wenigen Minuten in der Zentrale neben der Seebadi. Braucht es keine Taucher, kann das Team ungefähr nach sechs Minuten losfahren, mit Tauchequipment dauert es rund zwei ­Minuten länger. Bei einem Ernstfall werden die Retter alarmiert, wo ­immer sie sich gerade befinden. Um auch diese Ausgangslage möglichst realistisch zu trainieren, erhält bei der Übung jeder zufällig ein Kärtchen, auf dem steht, wann er oder sie in der Zentrale eintreffen soll.

Das Ufer fällt steil ab in Zollikon

Alle sind konzentriert. Der Bildschirm in der Zentrale zeigt an, ­worum es sich beim Notfall handelt. «Bootskollision» heisst es, «verletzte Personen» und «eine ­vermisste Person, unbekannt, wo genau». ­Ungefähre Höhe Seestrasse 121, Uferzone.

Das Boot wird startklar gemacht, persönliche Taucherausrüstung aufs Boot gehievt, und ab geht es auf den See. «Festhalten», ruft der Bootsführer, kaum hat er sich vom Ufer entfernt. Mit bis zu 28 Knoten – gegen 50 Stundenkilometer – fährt er zur vermuteten Unfallstelle. Bei der Einmündung des Düggelbachs finden sie einen Mann in einem Boot, verwirrt und benommen, mit blutender Stirn, aber ansprechbar. Taucher Andreas springt ins Wasser, schwimmt zu ihm, packt ihn auf den Buckel und hievt ihn vorsichtig auf die Nautilus. «Mein ­Kollege, wo ist mein Kollege?», ruft er. Eine Person also wird vermisst. Wieder macht sich Andreas bereit. Bei diesem schönen Wetter, der warmen Temperatur und der Ufernähe kann er auf seine Tauch­ausrüstung verzichten. Doch man dürfe sich nicht täuschen lassen, erklärt Übungsleiter Alain: «In ­Zollikon fällt das Ufer steil ab – nach den gelben Bojen geht es rund 20 Meter in die Tiefe.

Keine Verschnaufpause

Andreas entdeckt den Vermissten unter der Wasseroberfläche. Die Kollegen werfen ihm Rettungsbretter zu, er hievt den Mann darauf und schwimmt mit ihm zum Boot. Dessen Heckklappe lässt sich senken, um eine Person an Bord zu ziehen. Diagnose Herzstillstand. Während auf dem Schiff die Seeretter die Reanimation einleiten mit Pumpen, Defibrillator und künstlicher Beatmung, sind zwei Seeretter in der Führerkabine ununterbrochen am Funk: Man verständigt sich mit den Partnern von Küsnacht und bietet die Sanitäter während der Fahrt auf. Am Steg in Goldbach warten diese bereits. Die Seeretter geben präzise Anweisungen zum Zustand der Puppe, Verzeihung, des Bewusstlosen, und liefern die wenigen Informationen, die sie von seinem verunglückten Kollegen erhalten haben.

Kaum meinen die Seeretter, nach der Übergabe an die Sanität verschnaufen zu können, trifft der nächste Funkspruch ein: Zwei ­Laser – kleine Segelschiffe – treiben gekentert herrenlos im See. Die beiden Segler hat der See­rettungsdienst Küsnacht bereits ­geborgen. Seeretterin Franzi hat nur eine ungefähre Angabe erhalten, auf welcher Höhe sich die ­Segelboote befinden, und sucht mit dem Feldstecher den Horizont ab. Das geht bei diesem Wetter. Bei Sturm, im Nebel oder in der Nacht müsste man sich eher auf das FLIR verlassen, eine Art Wärmebild­kamera, mit der sich die Seeoberfläche bis zu einem gewissen Radius nach Personen und Gegenständen absuchen lässt.

Wieder ist Taucher Andreas gefordert. Er springt ins Wasser, richtet das Schiff auf und zieht es zum Boot, wo es vertäut wird. Seeretter Dmytro rollt den Mast ein, damit der Laser bei einer Windböe nicht wieder kippt. Nun ist er bereit zum Abschleppen; um den zweiten kümmert sich der Seerettungsdienst Küsnacht. Die Hektik legt sich. Dann tönt es aus der Einsatzzentrale: «Übung abgebrochen».

Eine Schwimmboje erhöht die Sichtbarkeit

Die Mission ist erfüllt. Gegen neun Uhr beginnt der schöne Teil: die Fahrt der untergehenden Sonne entgegen zum Bootshaus des Seerettungsdiensts Küsnacht. Bootsführer Marc betont: «In den See rausschwimmen in dieser Jahreszeit und gerade bei Dunkelheit ist keine gute Idee. Man wird sehr leicht übersehen.» Schon eine Schwimmboje erhöht die Sichtbarkeit stark.

Es folgt das Debriefing: «Was war gut?» «Was können wir besser machen?» «Wo gibt es Defizite?» Gelobt wird die Einsatzbereitschaft und die rasche Reanimation. Die Suche nach der vermissten Person hingegen hätte schneller vonstattengehen können. Der Gerettete hatte spät kommuniziert, dass sein Freund fehlt, doch in der Notruf-Meldung stand: «eine vermisste Person …» Alain sagt: «Bei diesen Temperaturen gleich rein ins Wasser und sofort suchen!» Wie weit sieht man denn im Zürichsee? «Es gibt eine sogenannte Sprungschicht, deren Dicke sich dauernd ändert, ungefähr zwischen 12 und 15 Metern. In diesem Bereich sieht ein Taucher nur einen bis zwei Meter weit.» Diese volatile Übergangsschicht, auch Thermo­kline genannt, liegt zwischen der obersten, am stärksten erwärmten sauerstoffreichen Schicht und der Kaltschicht darunter. Weil die Sprungschicht mehr Sauerstoff führt als die untere Kaltschicht, bilden sich hier deutlich mehr Algen, und wegen der geringeren Dichte halten sich Schwebstoffe hartnäckig. Dadurch ist die Sicht sehr schlecht. «Unter der Schicht wird es klarer. Aber auch da – natürlich niemals wie im Meer.»

Zum Schluss versammeln sich beide Teams. Seerettungsdienst-Obmann und Übungsleiter Stefan Meier dankt. Das Grillieren am Steg der Küsnachter ist verdient. Die Zolliker Seeretter stimmen in ihren Hochruf ein: ein dreifaches «Patsch-nass! Patsch-nass! Patsch-nass!» Und was denkt sich der unbedarfte Journalist? Er würde weiterhin nicht gerne im See untergehen. Aber wenn er sich retten lassen müsste, fühlte er sich bei den Zolliker Seerettern definitiv in sicheren, pflichtbewussten Händen.

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