Die Frage nach der Heimat

Von Björn Reinfried ‒ 31. Juli 2025

Christina Caprez ist die dies­jährige Rednerin an der Zolliker Erstaugustfeier. Eine Soziologin, Autorin und Journalistin, deren Tochter zwei Väter hat. Wer ist diese Frau – und welche Rede bereitet sie vor?

Christina Caprez mit dem Buch über ihre Grossmutter «Die illegale Pfarrerin» im Garten des Althus in Zollikon. (Bild: S. Rock)
Christina Caprez mit dem Buch über ihre Grossmutter «Die illegale Pfarrerin» im Garten des Althus in Zollikon. (Bild: Sabine Rock)

Christina Caprez zu erreichen ist nicht immer einfach. Als selbstständige Journalistin ist sie viel unterwegs – aktuell im Münstertal, bei den Dreharbeiten zu einem neuen Film über queere Jugendliche in der Rumantschia. Die 48-Jährige ist in allen Medien zuhause: Text, Film und Audio. Doch vor allem ist sie in Zollikon zuhause – oder nicht? Die Frage nach der Heimat, ihrer Heimat, treibt sie um. «Natürlich bist du Zollikerin, du wohnst hier», beantwortet ihre zehnjährige Tochter die komplexe Frage.

Im Kanton Aargau aufgewachsen mit Wurzeln im Pontresina, trieb es Christina Caprez schon als junge Frau in die Ferne. Mit siebzehn machte sie ein Austauschjahr bei einer Gastfamilie in Genua; während ihres Studiums in Soziologie und Geschichte an der Universität Zürich führte sie der Weg per Erasmus-Austausch für zwei Semester nach Portugal und eines nach Deutschland. Nach dem Studium arbeitete sie elf Jahre als Journalistin bei SRF 2 Kultur in Basel. Während dieser Zeit reiste sie 2012 für ein halbjähriges Sabbatical in den Libanon, um Arabisch zu lernen. Das Interesse und die Begabung für Sprachen begleitet sie: Sie spricht Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Englisch, Portugiesisch und Arabisch.
Heute arbeitet sie als selbstständige Journalistin, Soziologin und ­Autorin. Eines der bislang grössten Projekte war die Aufarbeitung der Lebensgeschichte ihrer Grossmutter. Als erste Schweizer Pfarrerin hinterliess sie Tagebücher und Briefe. Daraus realisierte die Journalistin ein Buch, einen Film und die Ausstellung «Die illegale Pfarrerin», welche kurz vor Ausbruch der ­Corona-Pandemie in Zollikon zu sehen war. Ihr jüngstes Buch «Queer Kids» porträtiert fünfzehn queere Jugendliche und Kinder.

Ähnlich wie ihre Grossmutter oder die «queer Kids» lebt auch Christina Caprez nicht das konventionelle Leben: Sie lebt mit ihrem Partner, erzieht ihre Tochter aber zusammen mit zwei anderen Männern, die ihrerseits in einer Beziehung sind. Zusammen bilden sie eine ­Familie in der Wohngemeinschaft Althus. «Wir haben eine Co-Elternschaft. Das ist keine Liebesbeziehung zu dritt, aber eine Familie zu dritt», erklärt Christina Caprez ihre ungewöhnliche Familie.

«Fremd zuhause»

Fast zwanzig Jahre lebte Christina Caprez in Zürich. Noch heute fühlt sie sich der Stadt verbunden; durch ihre Arbeit und Freunde. «Da habe ich wahrscheinlich die typische Zolliker Biografie. Ich lebe hier, aber ein Grossteil meines Lebens spielt in Zürich.» Sie setzt sich, auch im Hinblick auf ihre Erstaugust­rede mit der Frage nach ihrer Heimat auseinander: «Bin ich Zollikerin? Jein. Emotional fühle ich mich dem Engadin, der Heimat ­meiner Vorfahren, mehr verbunden.» Aber sie ist hier verankert und engagiert sich auch in und für Zollikon. So hat sie für die Ausstellung «Zollikon von oben» im Ortsmuseum das Projekt «Fremd zuhause» umgesetzt: einen Audio-Walk (Hörspaziergang), der das Fremdsein im eigenen Ort thematisierte. Es war dann auch diese Ausstellung im Ortsmuseum, die zur Anfrage von Gemeindepräsident Sascha Ullmann für die Erstaugustrede führte.

Lampion und Höhenfeuer

«Als Kind feierten wir den Ersten August oft in Pontresina mit Lampions, Feuerwerk und Höhenfeuer. Das habe ich mega schön in Erinnerung. Heute ist für mich der Erste August viel mehr eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich nicht in der Schweiz geboren wäre – nicht dieses Privileg gehabt hätte: Stabilität, Frieden und eine gute Ökonomie.» Für diesen «Geburtsvorteil» ist Christina Caprez dankbar. «Aber ich sehe die Verpflichtung oder den Wunsch, diese Möglichkeiten mit Menschen zu teilen, die weniger privilegiert sind.»

Diesen Wunsch setzte Christina Caprez zusammen mit ihren Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern im Althus um: Als 2015 viele Menschen in die Schweiz flüchteten und die Bevölkerung mit Sprachkursen und anderen Angeboten half, boten sie im Althus ein Begegnungscafé für Geflüchtete an: «Ein junger Mann aus Eritrea beeindruckte uns. Er fand sofort den Draht zu uns und den Kindern und half direkt in der Küche mit. Kurze Zeit später wurde bei uns ein Zimmer frei, und er ist einge-
zogen.»

Den Inhalt ihrer Rede verrät sie nicht. Zu vermuten ist, dass es eher um Chancen und Dankbarkeit als um patriotische Plattitüden gehen wird. Einzig, dass ein Zitat von Adolf Muschg eine wichtige Rolle spielen wird, gibt sie preis. «Das habe ich ganz vergessen. Ich will ihn auch noch an die Feier einladen», sagt sie und legt auf. Die Arbeit ruft, Filmdreh im Münstertal, Fertigschreiben der Rede und schon bald der grosse Auftritt in Zollikon.

Hinweis: Der Audiowalk «Fremd Zuhause» ist online immer noch abrufbar. Unter www.fremdzuhause.ch lässt sich per Mausklick ein Rundgang generieren, der dazu einlädt, im eigenen Wohnquartier neue Wege zu entdecken und die vertraute Umgebung einmal mit anderen Augen zu sehen.

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