Mangels Brutplätzen weichenMöwen auf Flachdächer aus

Von Claudia Eberle-Fröhlich ‒ 31. Juli 2025

Die in Gruppen kreisenden Möwen in der Nähe der Zolliker Einkaufsgeschäfte waren unübersehbar – und ihre lauten Rufe unüberhörbar. Die mit einer Spannweite von 120 bis 140 Zentimetern mächtige Mittelmeermöwe ist auffallend grösser als die Lachmöwe mit ihren 86 bis 99 Zentimetern.

Diese junge Mittelmeermöwe fand den Weg ins Kleindorf. Sie hat das Nest auf dem Flachdach zu früh verlassen, obwohl sie noch nicht fliegen kann. Denn die Jungtiere können in den ersten 40 Tagen weder richtig fliegen noch schwimmen. (Bild: cef)
Diese junge Mittelmeermöwe fand den Weg ins Kleindorf. Sie hat das Nest auf dem Flachdach zu früh verlassen, obwohl sie noch nicht fliegen kann. Denn die Jungtiere können in den ersten 40 Tagen weder richtig fliegen noch schwimmen. (Bild: cef)

Die Mittelmeermöwe (Larus michahellis) wurde Ende der 60er-Jahre in der Schweiz ­heimisch. Grösser, kräftiger und aggressiver als die verwandten Lachmöwen (Chroicocephalus ridibundus) gibt es schweizweit mittlerweile mehr Brutpaare der Mittelmeermöwe als der Lachmöwe, weiss der Biologe Mathias Ritschard, ­der Firma Orniplan mit Sitz in Zürich, einem ­Beratungsbüro für Naturschutz­fragen. Die Mittelmeermöwe brütet in Kolonien, bevorzugt ruhige, ungestörte Gebiete und verdrängte die Lachmöwen teilweise aus den besten Brutgebieten. Besonders an den flachen Uferzonen und Inseln, die bei beiden Arten hoch im Kurs stehen, haben Mittelmeermöwen einen klaren Vorteil. «Am Zürichsee ist es umgekehrt, Im Winter treffen hier viele Lachmöwen aus dem Norden ein; da ist sie häufiger.»

Jungmöwen auf dem Flachdach

Dieses Jahr hat sich ein Möwenpaar auf einem Flachdach im Dorfzentrum zur Aufzucht ihrer Brut entschieden. Eine Ersatzkiesinsel. Die Rufe der Eltern waren über mehrere Wochen unüberhörbar. Ein Jung­vogel fand den Weg in einen Garten im Kleindorf. Er hatte das Nest verlassen, konnte aber noch nicht fliegen. «Möwen sind Nestflüchter», erklärt Mathias Ritschard, «Sie kommen befiedert auf die Welt, verlassen das Nest schon kurz nach dem Schlupf und sind bis zur Flugfähigkeit, versorgt von den Eltern, immer mehrere Wochen am Boden unterwegs.»

Junge Möwen sind für viele Beobachter ein faszinierendes Phänomen. Wenn man ein Jungtier am Boden findet, stellen sich schnell Fragen: eingreifen oder nicht? Und was passiert mit den Vögeln, die noch nicht flugfähig sind? Also beobachten, nicht gleich handeln. Die Antwort hängt vor allem vom Alter, dem ­Zustand und der Umgebung des ­Tieres ab. Die Hinweise in der Box helfen, richtig zu reagieren.

Keine nennenswerten Auswirkungen

Möwen spielen als Prädatoren (lat. praedatio «Raub») eine wichtige Rolle in der Nahrungskette. Die anpassungsfähige Mittelmeermöwe nutzt ein breites Angebot von Fisch und Insekten bis hin zu Abfällen, die in städtischen Gebieten wie Zürich leicht zugänglich sind.

Der Biologe Livio Rey von der ­Vogelwarte Sempach erklärt, dass die Mittelmeermöwe nach einem starken Anstieg des Bestands im Mittelmeerraum erstmals 1968 bei uns brütete. Heute hat sie die meisten Schweizer Seen und einige Flussabschnitte der Niederungen besiedelt. Bis 2015 ist die Population auf über 1400 Brutpaare angewachsen. Seit einigen Jahren aber ist diese stabil bis leicht rückläufig. Die Gründe dafür seien unklar, eine Rolle spielen könnten eine Begrenzung der Nahrung und eine Limitierung der Brutplätze auf den Kiesinseln durch aufkommende Vegetation, aber auch durch Beutegreifer, die den Bruterfolg vermindern.

Laut Mathias Ritschard hat sich die Situation der Mittelmeermöwe am Zürichsee in den letzten zehn Jahren nur geringfügig verändert. Zwar gab es in den letzten Jahren vermehrt Meldungen von Einzelpaaren auf Flachdächern in der Stadt Zürich oder in anderen Seegemeinden, nach wie vor aber existiere im ganzen Kanton noch keine Kolonie; eine Kolonie im sankt-­gallischen Rapperswil sei seit Jahren konstant. «Die Vögel zeigen sich am Brutplatz sehr auffällig, weil sie viel kommunizieren und potenzielle Eindringlinge vehement ver­treiben, deshalb werden sie von ­Anwohnenden wahrgenommen und sorgen immer wieder für Aufregung. Insgesamt brüten am Zürichsee aber weiterhin mehr Lach­möwen und Flussseeschwalben als Mittelmeermöwen.»

Blick über die Landesgrenze

An den meisten Koloniestandorten gebe es wenig oder keine Probleme mit der Mittelmeermöwe. Auch an den beiden Koloniestandorten der Flussseeschwalben am Zürcher Seeufer in Horgen und der Stadt Zürich seien bisher keine negativen Einflüsse der Mittelmeermöwe zu beobachten. Viel grössere Bestände der Mittelmeermöwe finden sich
in der westlichen Landeshälfte. Am Genfer- und Neuenburgersee sei die Population in den letzten zehn Jahren aber zurückgegangen, sagt Mathias Ritschard. Alle drei Arten seien auf natürlichem Weg in die Schweiz eingewandert. «Gerne weise ich jeweils darauf hin, dass sich ein Blick über die Landesgrenzen hinaus lohnt. Dort sehen wir, dass das Verbreitungsgebiet der Mittelmeermöwe massiv kleiner ist als dasjenige der anderen beiden Arten. Damit lässt sich das ‹Problem› Mittelmeermöwe etwas relativieren.»

Was tun beim Fund einer Jungmöwe?

Nachgefragt bei Claudia Nett, Tierärztin und Präsidentin des Ornithologischen Vereins Zollikon

Wann eingreifen?

Zu frühzeitiges Eingreifen könnte die elterliche Versorgung ­stören. Es gibt aber Situationen, in denen Eingreifen notwendig ist. Besonders dann, wenn das Tier verletzt ist, blutet oder apathisch wirkt. In diesen Fällen ist es ratsam, sofort eine Wildvogelstation zu kontaktieren.

Gefahren beurteilen

Des Weiteren ist die Gefahrensituation zu beurteilen. Junge Möwen können durch Strassenverkehr, Katzen, Hunde oder Menschenmengen gefährdet sein. In solchen Fällen soll der Vogel nicht mitgenommen, sondern lediglich an einen sicheren Ort gebracht werden, etwa unter Sträucher oder hinter Zäune.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Nestlingen und Ästlingen: Nestlinge, also sehr junge Möwen, die noch flauschige Federn und keinerlei Flugfähigkeiten besitzen, sollten wenn möglich zurück ins Nest gesetzt werden. Häufig erkennen die ­Elterntiere ihre Küken am Geruch und werden sich weiterhin um sie kümmern.

Ästlinge, die schon mehr Federn entwickelt haben und fast flügge sind, bleiben in der Regel auf dem Boden und entwickeln
ihre Flugfähigkeit im Laufe der Wochen. Sie brauchen während dieser Zeit weiterhin die Nähe ihrer Eltern.

Bitte nicht füttern

Keine Milch oder Körner füttern! Möwen können diese Nahrungsmittel nicht verdauen, sie können tödlich sein. Also nicht füttern und auch kein Wasser geben; das schadet ihnen mehr als es nützt. Jungtiere auch nicht ins Wasser setzen! Möwen sind keine Entenküken und können leicht ertrinken.

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