Von Björn Reinfried ‒ 15. August 2025

Vor zehn Jahre wurde Caitlins Mutter durch einen Zeitungsartikel auf das Theater Hora aufmerksam: das Theater der Stiftung Züriwerk, das Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen den Weg auf die Theaterbühne ermöglicht. Die damals 17-Jährige reiste aus dem Bernbiet für einen Schnuppertag nach Zürich – und die Sache war sofort klar: Theater war genau ihr Ding. Das Theater bot ihr eine zweijährige Ausbildung; danach konnte sie sich als reguläres Mitglied des Ensembles bezeichnen. Seither trat sie mit dem Theater auf diversen Bühnen auf.
Die heute 27-jährige Caitlin Friedly lebt in einem Wohnheim der Stiftung Züriwerk in Zollikon, unmittelbar an der Grenze zur Stadt. Zollikon gefällt ihr – fast so gut wie ihre Heimat im Kanton Bern. Das Theater ist gleichzeitig ihre Passion und Vollzeitbeschäftigung. Fünf Mal pro Woche fährt sie nach Zürich zur Probe mit den anderen Schauspielerinnen und Schauspielern. In ihrer Freizeit geht sie gerne schwimmen, einkaufen, trifft ihren Freund oder geht auswärts essen. An freien Wochenenden fährt sie zu ihren Eltern nach Bern – zwei Stunden im Zug.
Von einer Schauspiel-Karriere hat sie als Kind nicht geträumt – sie wollte Ärztin oder Archäologin werden. Das Interesse für Archäologie ist geblieben; noch heute ist sie fasziniert vom Alten Ägypten und der Sphinx. Wenig verwunderlich, denn bei ihren Eltern in Bern leben ihre drei Katzen: Maurice, Minerva und Poseidon. Stolz zeigt sie Bilder der drei Samtpfoten auf ihrem Handy. Ihre Familie, die Katzen und das Theater Hora bilden das wichtige Dreigestirn in ihrem Leben. Sie ist zwar gern in Zollikon, aber ebenso gern bei den Eltern und Katzen: «Das hängt etwas vom Gefühl ab.» Ihre Mutter ist Heilpraktikerin, ihr Vater Lehrer. Die Familie hat nach Ausbruch des Ukrainekrieges eine Mutter mit drei Jugendlichen aufgenommen: «Wir sind eine sehr schöne Familie geworden. Zum Glück habe ich Eltern, die so offen sind.»
«Eigentlich mag ich alle Menschen», sagt die 27-Jährige nachdenklich, «ich mag Menschen, die so denken wie ich». Caitlin Friedly beschreibt sich selbst als freundlich, offen und ehrlich. Trotzdem sagt sie, wenn ihr etwas nicht passt. Insbesondere über gewisse US-Politiker und deren Ansichten könnte sie sich grün und blau ärgern: «Lasst die Menschen doch einfach so leben, wie sie wollen!» Caitlin Friedly ist in den USA stimmberechtigt, spricht Englisch und ist Anhängerin der Demokraten. Gleichberechtigung und Behindertenrechte liegen ihr am Herzen: «Menschen mit einer Behinderung können arbeiten, tolle Sachen machen und ihre Meinung sagen.»
Ein Projekt, das Gleichberechtigung und Inklusion grossschreibt, machte Caitlin Friedly schweizweit bekannt: Sie spielte mit weiteren Schauspielerinnen und Schauspielern des Theaters eine Hauptrolle im Kurzfilm «Undercover inklusiv» (2025). Nebendarsteller waren keine Geringere als Birgit Steinegger, Beat Schlatter und Stefan Gubser. In der Action-Komödie überfallen drei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung eine Bank.
«Ich war sehr nervös», erinnert sich Caitlin Friedly. Sie spielte zwar früher ab und zu in Kurzfilmen ihres Bruders mit, doch in einem professionellen Film mitzuspielen war eine komplett neue Erfahrung. «Wir hatten einen zweiwöchigen Workshop, um uns vorzubereiten, dann ging es an die Dreharbeiten», erzählt sie. Der Umgang mit Beat Schlatter fand sie besonders angenehm: «Er war sehr nett.» Sie kann sich durchaus vorstellen, in Zukunft nebst dem Theater auch für den Film zu arbeiten. Doch zuerst wird sie noch in die Rolle der Sprecherin schlüpfen – angeworben von SRF für ein Hörspiel. Ein Ratschlag der Schauspielerin zum Schluss: «Gebt nicht auf, auch wenn das Leben manchmal schwierig ist.»
Theater Hora
1993 gründete der Theaterpädagoge und Regisseur Michael Elber zusammen mit der Agogin Gerda Fochs das Theater Hora. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, «talentierten, geistig-behinderten» Schauspielerinnen und Schauspielern ein professionelles Theaterumfeld zu bieten. Heute ist das Theater Hora das einzige professionelle Theater der Schweiz, bei dem alle Ensemble-Mitglieder eine IV-zertifizierte geistige Beeinträchtigung haben. Der Betrieb hat 33 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Zentrum stehen das künstlerische Schaffen und Inklusion. Mit dem «Labor» bietet das Theater ein ganzjähriges Trainingsprogramm in verschiedenen Theaterdisziplinen an. Ziel es ist, die Ensemble-Mitglieder in ihrer künstlerischen Ermächtigung und Eigenständigkeit zu stärken. Darüber hinaus werden sie kontinuierlich in unterschiedlichen Kunst- und Performance-Einrichtungen, aber auch der Organisation und Verantwortlichkeit weitergebildet. (zzb)
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